Romane des Monats Weißer Strand, dunkle Seelen

Das Meer vor Torremolinos, die Häfen der Normandie, die Gassen von Paris - sind das nicht Sehnsuchtsorte? Nicht in den aktuellen Liebesromanen: Ob Doris Dörrie, Georges Simenon oder David Foenkinos: Sie alle beschreiben seelische Schräglagen vor vermeintlich idyllischer Kulisse.

Der Palmenstrand von Torremolinos: Hippie-Idyll oder Familienhölle?
Getty Images

Der Palmenstrand von Torremolinos: Hippie-Idyll oder Familienhölle?


Ein Mädchen namens Apfel: Doris Dörries "Alles inklusive"

Töchter und Mütter: ein unendliches, wohlfeiles Thema. Als entsprechendes Paar in Doris Dörries neuem Roman "Alles inklusive" treten die "Hippiemutter" Ingrid und ihre Tochter Apple auf, die vor lauter verordneter Freiheit durch ihre hedonistische Erzeugerin halt- und ziellos durch ihr eigenes Leben eiert. Zudem trägt die Tochter noch schwer am Namen Apple, ein lebenslanges Brandmal, das seinerzeit wohl an die alternativ-naive Beatles-Firma gemahnen sollte. Das Frauen-Duo lebt 1976 passgenau im spanischen Torremolinos, dem "locus amoenus" aller europäischen Hippies, wo die Mutter mehr schlecht als recht von Schmuckverkauf lebt, wobei die Tochter als stimmungsvolle Dekoration zwischen Selbstfindung und mittellosem Vagabundenleben das Bild runden darf.

Trotzdem findet keine Idylle statt, eher eine Wanderung am existentiellen Abgrund, denn selbst in den 68er-Tagen musste zum Leben Geld verdient werden, auch wenn man am Strand nächtigen und die vermeintlich freie Liebe genießen konnte. So bestimmt denn von Beginn an Mangel das Leben der Tochter: Es fehlt Geld und Zuwendung, und so etwas schneidet sich tief ins Wesen ein. 30 Jahre später muss dann einiges geklärt werden. So fügt sich das Handlungsgerüst des Romans.

Dieses Spanien als Ziel der Träume und Ideale ist das zweite Thema von Dörries Buch, ein Spanien des schönen Scheins und der dünnen Schicht Hoffnung über der nagenden Verzweiflung. Eine Metapher des Wandels von Idealen und dem Angriff der unschönen Realität. Dörrie platziert eine traurige, erfolglose Immobilienmaklerin in den Schicksalsreigen, die als angepasste Unternehmerin ein Spiegelbild der unangepassten Hippiemutter liefert. Und das heutige Torremolinos wird zur Fegefeuerstelle geplatzter Illusionen und gestrandeter Seelen. Drumherum arrangiert Doris Dörrie alltägliche Katastrophen aus Krankheit, schmerzvoller homo- und heterosexueller Liebe sowie Abrechnungen mit Lebenslügen.

Denn leicht hat es keine ihrer Romanfiguren, für sie ist wirklich alles inklusive in diesem Leben, wenige Ups und viele Downs. Wie sie alle um ihre schlichte Existenz und um Liebe kämpfen, das erzählt Doris Dörrie mit exaltierter Erfindungsgabe, stellenweise rabenschwarzem Humor, dennoch voller Respekt. Zum Schluss gönnt sie der Truppe sogar ein brüchiges Happy End am Strand von Torremolinos. Das Buch handelt auch von der allumfassenden Frage, wie man sein Leben in all dem emotionalen Chaos richtig lebt. Und manchmal wird diese Frage heruntergebrochen auf die Entscheidung, ob es sinnvoll ist, sein ganzes Geld zusammenzukratzen, um dem Hund, den Apple für die Reinkarnation Sigmund Freuds hält, eine Hüftoperation zu finanzieren.

Dörrie ist eine im positiven Sinn routinierte Erzählerin. Sie pflegt ihre Protagonisten, sie entwickelt die Charaktere behutsam in schlichter Sprache, blickt auf sie aus auktorialer Distanz, ironisiert nur aus der Situation heraus, stets mit kritischer Empathie. Das kann man "Easy Reading" nennen oder auch "Diogenes-Literatur", aber es befördert Spannung und Emotionalität. Und dass Doris Dörrie auch eine ebenso erfahrene Filmregisseurin ist, spricht aus jeder Episode des Buches, so dass man von literarisch gelungener Personenregie sprechen kann. Der Leser ist folglich geneigt, eine Schauspielerin oder einen Schauspieler für die einzelnen Rollen zu imaginieren. Eines dürfte daher sicher sein: Nach dem Grimme-Preis-Erfolg ihres "Klimawechsels" wird eine TV-Bearbeitung von "Alles inklusive" nicht lange auf sich warten lassen. Werner Theurich

Buchtipp
Der Mensch, rau wie das Meer: Georges Simenons "Die Marie vom Hafen"

Dieser schmale Roman, der davon handelt, wie zwei Menschen in einem Fischerkaff an der französischen Kanalküste zueinander finden, ist vor mehr als 80 Jahren geschrieben worden - doch schon auf Zeitgenossen mag er gewirkt haben, als käme er aus einer befremdlich nebelkalten Zeitferne: Der Erzähler verzichtet auf jeden Trick, um seine Geschichte von der Peripherie den Lesern näher zu bringen. Er besteht auf der eigenständigen Distanz ihrer Gesetze und Rhythmen, und dieser erzählerischen Hartnäckigkeit entspricht das Sträuben der Titelfigur gegen jeden Vereinnahmungs- oder Eroberungsversuch.

Aus beidem gewinnt Autor Georges Simenon einen seltenen, spröden Reiz: Diese "Marie vom Hafen" ist so lieblich wie die Normandie im Herbstregen. Selbst den Bewohnern von Port-en-Bessin, die an raue Umgangsformen gewöhnt sind, ist das 17-jährige Mädchen eine "Heimlichtuerin", schwer durchschaubar und mit Vorsicht zu genießen.

Auch der Erzähler wahrt respektvollen Abstand; er beobachtet das Mädchen kühl, doch keineswegs teilnahmslos, und alles, was er über Marie erfährt, vermittelt diese durch ihr Handeln. Gefühle zu zeigen gestattet sie sich nicht, und dass sie das Wort "Liebe" einmal benutzt hat, ist nur Teil jenes heimlichen Kinderkrams mit Marcel, dem Nachbarsjungen, abends am dunklen Kai. Aber damit ist Schluss seit dem Tod des Vaters. Marie ist 17 Jahre alt, plötzlich auf sich allein gestellt, und sollte sie Trauer empfinden, so zeigt sie selbst auf der Beerdigung davon nichts.

Dort begegnet sie ihrer älteren Schwester Odile und deren Freund Chatelard. Odile ist gutmütig, phlegmatisch und von einem marzipanen Liebreiz, der jede Kontur dahinschmelzen lässt. Doch wird sie auch von Marie verspottet, der Erzähler verhöhnt sie nicht: Die Passage, die ihrem wohligen Nichtstun im Morgenmantel gewidmet ist, dürfte zum Zärtlichsten und zugleich Genauesten gehören, das Simenon je geschrieben hat.

Chatelard indes ist ein Parvenu, der im nahen Cherbourg eine Bar und ein Kino betreibt und bei dem nicht nur seine Schwäche für wesentlich jüngere Frauen übel auffällt. Er ist nervös, unsicher und rücksichtslos, und eine Liebe auf den ersten Blick möchte man weder ihm noch Marie zugestehen. Es muss etwas anderes sein, das zwischen den beiden passiert. Was es ist, wird nicht ganz klar, doch die Macht dieses Etwas hätte das Potenzial zum großen Drama.

Doch Leidenschaft passt sowenig wie Schönheit oder Spiel in die vom Halbrund des Hafens eng umschlossene Welt des Romans. Das Leben ist eine Mühsal, bestimmt von überkommenen ständischen Regeln, dem Wechsel der Gezeiten, der Sorge um Heuer und Fang und einer spektakulären Eintönigkeit: "... als gäbe es weder Morgen noch Mittag, noch Abend", heißt es in der stark revidierten Übersetzung, die Diogenes im Rahmen der "Ausgewählten Romane" nun vorgelegt hat, "denn alles hatte denselben Grauton, das Grau der Quadersteine, unterbrochen nur von den weißen Schaumkronen auf dem Meer und den schwarzen, spröden Schieferdächern ..."

In diese graue Stadt am Meer hatte sich Simenon 1937 zurückgezogen, um "der menschlichen Wahrheit nachzuspüren", wie er mit Pathos im Nachwort schreibt. Was er dabei entdeckte, war eine Art gallisches Dorf, freilich ohne Asterix' Aufmüpfigkeit. Während in den Zentren Europas im ideologischen Kampf um den Neuen Menschen das Unheil seinen Lauf nahm, porträtierte er einen aussterbenden Menschenschlag, der sich resistent zeigt gegen jeden modernen Eingriff, auch den des Erzählers. Dass die mysteriöse Marie ihr Ziel erreicht, wirkt für ihn fast tröstlich. Hans-Jost Weyandt

Buchtipp

Liebe auf die komplizierte Tour: David Foenkinos "Nathalie küsst"

Man muss sich an dieser Stelle einmal fragen, wieso deutsche Verlage gerade beim Genre Liebesroman denken, mit kitschigen Covern fänden sie die richtige Zielgruppe. Ein Cover kann das Image eines ganzen Buchs ruinieren. Im Falle von David Foenkinos achtem Roman "Nathalie küsst" geht das so: Eine junge Frau im schwarzen Trägerhemdchen sitzt in einer Fensternische und blickt auf Paris, mittendrin der Eiffelturm, alles in Sepia getaucht, der Buchtitel in verspielten Schnörkeln. Ehrlich, damit möchte man sich nicht in der U-Bahn erwischen lassen.

Dass man damit weit größere Leserschaften verprellt - erst recht alle Männer -, dieser Gedanke scheint noch keinem gekommen zu sein. Die Bücher sind nicht Weltklasse, aber so ein Schundroman-Image haben sie wirklich nicht verdient. Für Foenkinos "Nathalie küsst" gilt: Ja, es spielt in Paris - aber sepiatriefende Gefühlsduselei muss man suchen. Auch wenn das Potential dafür vorhanden wäre: Nathalies Mann wird beim Joggen vom Auto überfahren, sie stürzt sich wieder in die Arbeit, wird vom Chef angegraben und schnappt sich dann einen Kollegen.

Doch der Franzose Foenkinos schafft es, die eine große Mär aller Liebespaare ganz sanft zu brechen: Die Vorstellung, die eigene Verbindung wäre etwas Außergewöhnliches mit himmlischem Ausmaß, "schließlich sucht man ja bei allem nach einer Deutung". So holt Foenkinos die Banalitäten in seine Geschichte, bietet alles zum Zeichendeuten an, was die Assoziationsketten seiner Protagonisten so hergeben - und führt das Märchen von der göttlichen Fügung auf diese Weise erfrischend ad absurdum.

Er lässt dafür den Text ausbrechen in Seitenaspekte, mal in Kleinstkapitel, mal in Fußnoten. Er listet auf, welche Alben John Lennon noch veröffentlicht hätte, wäre er nicht ermordet worden, benennt, wie viele Millionen Knäckebrotpackungen in Schweden verkauft werden, druckt ganze Liedtexte und Fahrpläne ab oder zählt zwei Handvoll Alternativsätze auf, die Nathalies Mann hätte sagen können, bevor er zum Joggen aufbrach und dabei umkam.

Natürlich gibt es ein paar überzuckerte Phrasen, einige seltsam knarzende Begriffe wie "Bursche", "Schnellbahn" oder "pfundiger Kerl", die einen aus dem sonst angenehm schwurbellosen Tonfall hochschrecken lassen. Aber das mag ein Übersetzungsproblem sein. Sei's drum, "Nathalie küsst" macht klar, wie albern es ist, die Liebe zu überhöhen, und wie großartig dagegen, völlig rücksichtslos einen Augenblick triumphieren zu lassen. Das muss ein Liebesroman erst einmal schaffen.

Übrigens: Wem das Stilmittel, Alltagsbanalitäten in eine Geschichte zu holen, irgendwie bekannt vorkommt: Der Roman wird verfilmt, und zwar mit der Paradedarstellerin für verspielte französische Stoffe, Audrey "Amélie" Tautou. Mit wem denn auch sonst. Anne Haeming

Buchtipp



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.