Romane des Monats Wer ist der Fremde am Feuer?

Hinters Licht führen sie uns alle: Julian Barnes beherrscht die Kunst der Täuschung brillant. Miguel Syjuco versucht es zumindest. Und wer ist der geheimnisvolle Fremde am Lagerfeuer? Er nennt sich John Henry Eagle - ist aber ein bekannter deutscher Schriftsteller. Die besten Romane des Monats!

Gruppe im Wendland: Als hätten die Menschen das wärmende Lagerfeuer nie verlassen
dapd

Gruppe im Wendland: Als hätten die Menschen das wärmende Lagerfeuer nie verlassen


Kampf gegen den finsteren Grimm: John Henry Eagles "Der eiserne König"

Würde heute noch ein Reiter sein schnaubendes Ross nahe des vielbeschworenen Lagerfeuers festzurren, an dem sich die Deutschen gelegentlich sammeln, um die Darbietungen des fahrenden Volks zu bestaunen, dürfte es ihm ein Leichtes sein, auf sich aufmerksam zu machen. Wenn er nur das entsprechende Werk aus seinen Satteltaschen zöge und kräftig anpriese: "Phantastisches, Übernatürliches, Wundersames, Leute, kommt und ergötzt Euch!" Die Bestsellerlisten sind auch 2011, so jetztzeitig und techniktrunken die Masse des Publikums wirken mag, bevölkert von Märchenweiblein und Schnurrenerzählern, die uns in Parallelwelten entführen, als hätte die Nation die wärmende Feuerstelle nie verlassen, an der man sich vor Jahrhunderten schon vor Gehenkten, Zauberkundigen oder der über den Nachthimmel ziehenden Wilden Jagd schauderte.

In "Der eiserne König" verknüpft nun ein Mann, der sich John Henry Eagle nennt, Abenteuergeschichten, Mythen und Legenden des klassischen Hausbuchschatzes mit der Leseerwartung des modernen Publikums. Erzählt wird die im Lande Pinafor angesiedelte Geschichte eines Burschen namens Hans. Unter dem Schutz der 13 weisen Weiber ist er mit seinen Gefährten unterwegs, auf der Suche nach einer grünaugigen Schönheit und deren auf den Rücken tätowierten Landkarte - es droht die Wiederkehr des Eisernen Königs, ausgefochten werden muss zudem der Kampf gegen den finsteren, smaragdäugigen Grimm und seine Dämonenrotte.

Auch, wenn man keine Ahnung hätte, um wen es sich bei diesem Mann namens John Henry Eagle handeln würde, könnte man im Lauf der Geschichte Verdacht schöpfen - ist dieser sich als spannendes, handlungspralles Jugendbuch für alle Altersgruppen von 12 bis 99 (oder wie es mittlerweile heißt: All-Age-Roman) tarnende "eiserne König" doch von einer für das Genre so nicht selbstverständlichen, eleganten Sprachmächtigkeit, die sich niemals in den Vordergrund drängt. Und zudem von einem feinen, leise ironischen Humor.

Reineke, der Fuchs und Grimbart, der Dachs, die beiden das Abenteuer begleitenden Tiere, erweisen sich dabei immer als ebenso so sehr dem Menschen überlegen, wie allzu menschlich. Tiere mit wirklichem Charakter, wie man sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur trotz Schafs- und Gänsekrimis nur bei einem einzigen Schriftsteller findet: Henning Ahrens, der 2007 in seinen Roman "Tiertage" von einem verliebten Rammler und einem Reiher erzählte. Ahrens, der 2002 in seinem Debüt "Lauf, Jäger, Lauf" in eine Welt haarscharf neben der bundesdeutschen Realität führte; der in all seinen bisherigen Büchern zeigte, dass er die literarische Tradition deutscher Schauer- und Märchengeschichten und Genre-Stoffe mit viel Schwung in die Gegenwart zu übertragen versteht.

In keinem Roman allerdings hat Ahrens sein Faible für Stoffe jenseits der Wirklichkeit so konsequent umgesetzt wie in "Der Eiserne König": Eine Heldensaga für jenen Teil des ans Feuer strömenden Volkes, das eigentlich gar nicht mehr an Helden glauben mag, gerade im Winter aber allzu gern ihren Abenteuern folgt. Besonders, wenn das so klar, unprätentiös, und doch im Wissen um die Vor- und Frühgeschichte der deutschsprachigen Literatur geschieht wie bei Henning Ahrens - Verzeihung, gemeint war: Der Mann, der sich völlig zu Recht John Henry Eagle nennt. Erweckt er doch vermeintlich dunkle Erzähltraditionen mit einer Leichtigkeit zu neuem Leben, wie man das sonst nur aus der angelsächsischen Literatur kennt.

Wer mag kann den Namen des Rottenführers im Buch trotz der Verdienste der realen Brüder Grimm allegorisch verstehen: Der finstere Grimm, das ist hier auch die finstere Vergangenheit. Sebastian Hammelehle

Buchtipp

Stoff für ein großes Drama: Julian Barnes' "Vom Ende der Geschichte"

Brillante Literatur steht im zwielichtigen Ruf, eher zu blenden als zu erhellen, weshalb um ihren Ruf besorgte Autoren gern behaupten, sie misstrauten ihr zutiefst. Dabei bereitet sie doch zunächst Vergnügen, macht baff. Wer möchte sich nicht beim Lesen dem entzückten Staunen hingeben - vor allem, wenn die Lektüre in solider britischer Erzähltradition erst raffiniert blendet, um dann überraschend den Kern zu erhellen. Wie facettenreich solche Aha-Effekte in moderner Literatur funktionieren können, haben Autoren wie Ian McEwan und der vergangenen Woche verstorbene Gilbert Adair bewiesen. Auch die Spannung von Julian Barnes' jüngst mit dem Booker Prize ausgezeichnetem Roman speist sich aus der Erwartung, der Erzähler führe den Leser hinters Licht, um es am Ende aufgehen zu lassen.

Dieser Erzähler, das ist schnell klar, ist ein Blender, brillant ist er nicht. Davon ist Tony Webster seit jenem fernen Tag überzeugt, als ein neuer Mitschüler ihm vorführte, einfach jenen entscheidenden Tick besser zu sein, der Begabung vom Mittelmaß trennt. Die Erfahrung der Unterlegenheit empfand Tony ebenso kränkend wie seine erste Liebe, die scheitern musste, so glaubt Tony, weil er als zu leicht befunden wurde. Und dass Veronica, dieses komplizierte Mädchen aus besserem Haus, anschließend mit Adrian, dem Überflieger, eine Beziehung einging, machte das Desaster komplett. Seitdem sind ein paar Jahrzehnte vergangen. Wenn Tony Webster auf sein Leben zurückblickt, ist er mit sich und der Welt im Reinen. Es gibt ja auch nichts mehr, was ihn stören könnte. Die Kulturbehördenkarriere: überstanden. Die Beziehungen zur geschiedenen Frau, zu Tochter und Enkeln: geklärt. Die Erinnerungen an die Gefährdungen der Jugend samt der Selbstmorde von Mitschülern, vor allem der mysteriöse von Adrian: entsorgt.

Tony hat seinen Frieden in der Selbststilisierung eines mittelmäßigen, ambitionslosen Phlegmatikers gefunden, und seine Kunst, diesen Lebensvermeidungsentwurf samt unterdrückter Hoffnungen, Verletzungen und Aggressionen gleichsam in die Watte dumpfer Ignoranz zu packen, ist eigentlich brillant. Wäre da nicht diese bedrohliche Nervosität, in die Tony ein Brief mit dunklen Andeutungen aus dem Nachlass von Veronicas Mutter versetzt hat, und wäre da nicht der Autor Julian Barnes, der Tony weder seinen Ruhestand in blendend bescheidener Selbstverblendung gönnt noch die Befreiung aus der "großen Unruhe", die vom plötzlichen Einbruch der Vergangenheit in das wattierte Etwas seines Lebens ausgeht, durch eine final erhellende Erkenntnis.

Unerbittlich lässt Barnes seinen Erzähler nach Antworten suchen auf Fragen, die dieser in sich selbst verfangene Mann nicht einmal mehr formulieren kann. Die Radikalität des 65-jährigen Autors, mit der er die emotionale, soziale und schließlich auch intellektuelle Verkrüppelung des gleichaltrigen Tony vorführt, gerät zur Abrechnung mit einem Generationsrepräsentanten und einer Kultur, die zwar brillantes Sprechen verehrt, aber ihren Zöglingen nicht einmal lehrt, "ich" zu sagen. "Vom Ende einer Geschichte" ist ein todtrauriges Buch, zu bitter und klar, um einfach brillant zu können. In der wendungsreichen Engführung eher an eine Novelle erinnernd, werden dem britischen Mustermann Tony immer wieder Ausblicke auf ein Drama eröffnet, für das er mitverantwortlich sein dürfte: Stoff für einen großen Roman, der nie geschrieben wird, weil Tony sein Leben nicht lesen kann. Hans-Jost Weyandt

Buchtipp

Das Spiel ist das Ziel: Miguel Syjucos "Die Erleuchteten"

Wie ein Flugzeug, das beim nächtlichen Landeanflug in das gelbliche Licht einer asiatischen Metropole eintaucht, senkt sich dieser, mit dem Asia Booker Prize ausgezeichnete Debütroman des kanadischen Schriftstellers Miguel Syjuco in eine fremd wirkende und überwältigende Welt. Auf den Spuren von Crispin Salvador, jenem weltberühmtem Autor, der zumindest in diesem Roman Ende der achtziger Jahre beinahe den Literaturnobelpreis bekommen hätte, begibt sich der Erzähler auf eine Suche, die ihn von Manhattan aus auf die Philippinen, vor allem aber in die Geschichte seiner eigenen Familie führt.

"Die Erleuchteten" wäre kein Buch, dessen Verfasser sich an allen Techniken der Undurchschaubarkeit versucht, wäre nicht auch Miguel Syjuco in Manila geboren worden und tauchte nicht auch der Autor selbst als Figur in seinem Roman auf. Dazu kommt eine Vielzahl anderer, der Realität entliehener Nachrichtenspalten-Prominenter des späten zwanzigsten Jahrhunderts: Die Diktatorengattin Imelda Marcos, die Feministin Germaine Greer, der Dirgent George Solti.

Syjuco zitiert aus E-Mails, Blogeinträgen, aus Interviews, die seine Schriftstellerfigur Salvador der Presse gab, aus den Romanen, die Salvador schrieb. So wird "Die Erleuchteten" zum Inbegriff jener Gegenwartsromane, die sich der Möglichkeiten moderner Kommunikation ebenso bewusst sind wie der Erzähltechnik von Filmen wie "Fight Club", "Memento" oder "Die üblichen Verdächtigen". Deren Macher stellten in den neunziger und nuller Jahren die konventionelle Linearität in Frage. Ein Roman allerdings stellt ganz andere Anforderungen an Schnitt und Konstruktion als ein Film.

"Die Erleuchteten" ist literarisch ambitioniert. Ein Roman, wie man ihn von deutschsprachigen Autoren der Altergruppe des 35-jährigen Verfassers, der sonst als Journalisten für den "New Yorker" oder "Esquire" arbeitet, kaum bekommt. Immer wieder gelingen Syjuco atmosphärisch sehr starke Passagen. Und doch bleibt der Eindruck: Was hier zählt, ist das Spiel mit so vielen Puzzleteilen wie möglich, nicht das mit so vielen Verweisen wie nötig.

Wenn nach Sonnenaufgang das gelbliche Kunstlicht verlöscht, sieht man vieles klarer - in diesem Buch dagegen ist die verschleiernde Ausleuchtung Prinzip. Sebastian Hammelehle

Buchtipp

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throatwobblermangrove 14.12.2011
1. Barnes
Zitat von sysopHinters Licht führen sie uns alle:*Julian Barnes beherrscht die Kunst der Täuschung brillant. Miguel Syjuco versucht es zumindest. Und wer ist der geheimnisvolle Fremde am Lagerfeuer? Er nennt*sich John Henry Eagle - ist*aber ein bekannter deutscher Schriftsteller. Die besten Romane des Monats! http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,803627,00.html
Ich habe das Buch von Julian Barnes auf Englisch gelesen. Es war das erste Buch seit langem, das ich von Anfang bis Ende in einem Rutsch durchgelesen habe und bei dem ich immer wieder vor- und zurückgeblättert habe (in diesem Fall erwies sich die Suchfunktion des erstmals erprobten eBook als sehr hilfreich). Ein Buch, das ich nur empfehlen kann!
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