SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. Februar 2013, 15:52 Uhr

Bedeutender Jurist und Philosoph

Ronald Dworkin ist tot

Er galt als wichtigster Rechtsphilosoph der USA, in seinen Werken beschäftigte er sich mit Freiheit, Gleichheit und moralischer Verantwortung - jetzt ist der Jurist Ronald Dworkin in London gestorben. Er wurde 81 Jahre alt.

Hamburg/Berlin/London - Es ist einer der bekanntesten und auf den ersten Blick rätselhaftesten Sätze der Geistesgeschichte: "Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache." Geprägt hatte diese Formulierung bereits in der Antike der Grieche Archilochos. Aufs 20. Jahrhundert übertragen hatte sie Isaiah Berlin in seinem berühmten Essay über Tolstoi - für die unmittelbare Gegenwart aber hat sie Ronald Dworkin ausgedeutet, einer der einflussreichsten Vertreter der anglo-amerikanischen Rechtstheorie der Nachkriegszeit

In seinem Buch "Gerechtigkeit für Igel", 2012 in deutscher Übersetzung erschienen, kommt der Wissenschaftler, Professor für Rechtswissenschaft und Rechtsphilosophie an der New York University und am University College in London, zu dem Schluss: Die "große Sache", von der die Igel im antiken Beispiel wissen, das sind Werte in all ihren Erscheinungsformen. Wenn wir verstehen wollen, was dem Leben Sinn verleiht und was die Gerechtigkeit verlangt, so müssen wir jenen moralgeprägten Denkmustern nachgehen, die das menschliche Denken und Handeln bestimmen. Füchse dagegen, das sind bei Dworkin die Spezialisten und Skeptiker, die Zyniker, die Viel- und Besserwisser, von denen es immer mehr gibt.

Geboren wurde Dworkin 1931 im US-Bundesstaat Massachussetts. Ab 1958 arbeitete er in einer prominenten Anwaltskanzlei in New York. 1962 wurde er Professor an der Yale Law School, es folgten Berufungen unter anderem nach Oxford, Princeton und Harvard.

Die Verantwortung des Einzelnen

Kern von Dworkins Werk war die Untrennbarkeit von Recht und Moral. Er arbeitete nicht nur als Wissenschaftler, sondern nahm 1972 und 1976 auch als Delegierter an den Parteitagen der Demokraten teil.

In seinem Buch "Bürgerrechte ernstgenommen" definierte er 1977 Prinzipien von Recht und Gleichheit als Leitfaden für die Gesetzgebung. In "Die Grenzen des Lebens" forderte er 1993 mehr Toleranz in Sachen Abtreibung und Sterbehilfe. 2011 erschienen in dem Band "Was ist Gleichheit?" zentrale Texte Dworkins zum Egalitarismus in deutscher Sprache. Gemäß seiner Theorie der Ressourcengleichheit ist eine Gesellschaft nur dann gerecht, wenn in ihr alle Ressourcen gleich verteilt sind und alle die gleiche Ausgangsposition haben.

Dabei ging Dworkin von der Existenz absoluter moralischer Werte aus, die auf Würde und Selbstachtung basieren. Gleichheit sah er eng verknüpft mit Freiheit und leitete daraus die Verantwortung jedes Einzelnen ab, etwas aus seinem Leben zu machen.

Am Donnerstag ist Ronald Dworkin Im Alter von 81 Jahren in London gestorben. Das teilte sein deutscher Verlag Suhrkamp mit.

sha

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH