Bedeutender Jurist und Philosoph: Ronald Dworkin ist tot

Ronald Dworkin (hier im November 2012): Existenz absoluter moralischer Werte Zur Großansicht
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Ronald Dworkin (hier im November 2012): Existenz absoluter moralischer Werte

Er galt als wichtigster Rechtsphilosoph der USA, in seinen Werken beschäftigte er sich mit Freiheit, Gleichheit und moralischer Verantwortung - jetzt ist der Jurist Ronald Dworkin in London gestorben. Er wurde 81 Jahre alt.

Hamburg/Berlin/London - Es ist einer der bekanntesten und auf den ersten Blick rätselhaftesten Sätze der Geistesgeschichte: "Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache." Geprägt hatte diese Formulierung bereits in der Antike der Grieche Archilochos. Aufs 20. Jahrhundert übertragen hatte sie Isaiah Berlin in seinem berühmten Essay über Tolstoi - für die unmittelbare Gegenwart aber hat sie Ronald Dworkin ausgedeutet, einer der einflussreichsten Vertreter der anglo-amerikanischen Rechtstheorie der Nachkriegszeit

In seinem Buch "Gerechtigkeit für Igel", 2012 in deutscher Übersetzung erschienen, kommt der Wissenschaftler, Professor für Rechtswissenschaft und Rechtsphilosophie an der New York University und am University College in London, zu dem Schluss: Die "große Sache", von der die Igel im antiken Beispiel wissen, das sind Werte in all ihren Erscheinungsformen. Wenn wir verstehen wollen, was dem Leben Sinn verleiht und was die Gerechtigkeit verlangt, so müssen wir jenen moralgeprägten Denkmustern nachgehen, die das menschliche Denken und Handeln bestimmen. Füchse dagegen, das sind bei Dworkin die Spezialisten und Skeptiker, die Zyniker, die Viel- und Besserwisser, von denen es immer mehr gibt.

Geboren wurde Dworkin 1931 im US-Bundesstaat Massachussetts. Ab 1958 arbeitete er in einer prominenten Anwaltskanzlei in New York. 1962 wurde er Professor an der Yale Law School, es folgten Berufungen unter anderem nach Oxford, Princeton und Harvard.

Die Verantwortung des Einzelnen

Kern von Dworkins Werk war die Untrennbarkeit von Recht und Moral. Er arbeitete nicht nur als Wissenschaftler, sondern nahm 1972 und 1976 auch als Delegierter an den Parteitagen der Demokraten teil.

In seinem Buch "Bürgerrechte ernstgenommen" definierte er 1977 Prinzipien von Recht und Gleichheit als Leitfaden für die Gesetzgebung. In "Die Grenzen des Lebens" forderte er 1993 mehr Toleranz in Sachen Abtreibung und Sterbehilfe. 2011 erschienen in dem Band "Was ist Gleichheit?" zentrale Texte Dworkins zum Egalitarismus in deutscher Sprache. Gemäß seiner Theorie der Ressourcengleichheit ist eine Gesellschaft nur dann gerecht, wenn in ihr alle Ressourcen gleich verteilt sind und alle die gleiche Ausgangsposition haben.

Dabei ging Dworkin von der Existenz absoluter moralischer Werte aus, die auf Würde und Selbstachtung basieren. Gleichheit sah er eng verknüpft mit Freiheit und leitete daraus die Verantwortung jedes Einzelnen ab, etwas aus seinem Leben zu machen.

Am Donnerstag ist Ronald Dworkin Im Alter von 81 Jahren in London gestorben. Das teilte sein deutscher Verlag Suhrkamp mit.

sha

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Absolute Moral
Verun 14.02.2013
Zum Glück gibt es keine absolute Moral. Sie entwickelt sich weiter, sonst würden wir uns immernoch so gegenüber Anderen verhalten, wie zu den Zeiten, in denen die Bibel geschrieben wurde, die die barbarischen Moralvorstellungen von damals perfekt in sich vereint.
2. Es gibt sie noch ...
lanoia 14.02.2013
...die Denker? Die Deutungshoheit über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Recht und Moral sollte natürlich weitestgehend unabhängigen Denkern überlassen werden, sonst werden diese ansich leere Worthülsen von unseren Politführer vereinnahmt.
3. Danke, das Zitat trifft den Punkt !
tylerdurdenvolland 15.02.2013
„Die "große Sache", von der die Igel im antiken Beispiel wissen, das sind Werte in all ihren Erscheinungsformen. Wenn wir verstehen wollen, was dem Leben Sinn verleiht und was die Gerechtigkeit verlangt, so müssen wir jenen moralgeprägten Denkmustern nachgehen, die das menschliche Denken und Handeln bestimmen. Füchse dagegen, das sind bei Dworkin die Spezialisten und Skeptiker, die Zyniker, die Viel- und Besserwisser, von denen es immer mehr gibt.“ Ja, sehr schön zusammengefasst, leider aber übersah Dworkin schon immer was dies in der Realität bedeutet. Die Füchse sorgen nämlich in der Realität ganz einfach nur daür, dass die Igel weiter brav das glauben, was sie glauben sollen und, dass die Igel, man könnte auch ehrlicher: „Schafe“ sagen, bei den demokratischen Wahlen das wählen, was den Füchsen nützt. Funktioniert ganz prächtig. Kein Fuchs hat etwas dagegen, wenn sich die Schafe für die "Guten" halten. Der Begriff des Gut-Menschen ist ja nicht zufällig entstanden. Das Wesentliche an ihm ist jener Beigeschmack, den die Betroffenen ja immer so vehement ablehnen, weil der Verdacht, es könnte was dran sein, eben doch viel zu gross ist. Ist halt amerikanische Philosophie….. allerdings ist auch die europäische mittlerweile nicht mal mehr jener überlegen. Es ist die berüchtigte "normative Kraft des Faktischen" die alles abwürgt. Völlig zu Recht übrigens.
4. Moral
giant55 18.02.2013
Zitat von tylerdurdenvolland„Die "große Sache", von der die Igel im antiken Beispiel wissen, das sind Werte in all ihren Erscheinungsformen. Wenn wir verstehen wollen, was dem Leben Sinn verleiht und was die Gerechtigkeit verlangt, so müssen wir jenen moralgeprägten Denkmustern nachgehen, die das menschliche Denken und Handeln bestimmen. Füchse dagegen, das sind bei Dworkin die Spezialisten und Skeptiker, die Zyniker, die Viel- und Besserwisser, von denen es immer mehr gibt.“ Ja, sehr schön zusammengefasst, leider aber übersah Dworkin schon immer was dies in der Realität bedeutet. Die Füchse sorgen nämlich in der Realität ganz einfach nur daür, dass die Igel weiter brav das glauben, was sie glauben sollen und, dass die Igel, man könnte auch ehrlicher: „Schafe“ sagen, bei den demokratischen Wahlen das wählen, was den Füchsen nützt. Funktioniert ganz prächtig. Kein Fuchs hat etwas dagegen, wenn sich die Schafe für die "Guten" halten. Der Begriff des Gut-Menschen ist ja nicht zufällig entstanden. Das Wesentliche an ihm ist jener Beigeschmack, den die Betroffenen ja immer so vehement ablehnen, weil der Verdacht, es könnte was dran sein, eben doch viel zu gross ist. Ist halt amerikanische Philosophie….. allerdings ist auch die europäische mittlerweile nicht mal mehr jener überlegen. Es ist die berüchtigte "normative Kraft des Faktischen" die alles abwürgt. Völlig zu Recht übrigens.
Soetwas wie Moral gibt es nicht,weil Sprache immer konkret ist,die Welt ist aber nicht sprachlich formalisierbar, es gibt kein vollendetes Modell der Welt,alle unsere in einer Sprache formulierte Sätze Menschenrechte,Gesetzte usw. sind herausgegriffene Abstraktionen der Sprache.Deswegen gibt es Rechtsunsicherheiten,deswegen müssen Gesetzte an Gerichten verhandelt werden um Wahrheitsfindung möglich zu machen.Deswegen gibt es gewaltige Finanzkrisen.Weil Mathematik und Logik die Welt nicht absolute 1:1 beschreiben,niemals wahr das deutlicher zu sehen als heutezutage.Moral,formulierte Prinzipien sind Alibi Verhalten,Sprache ist evolutionär nicht dafür da um die genau zu erklären und festzustellen sondern,Sprache evolutionär gewachsen um sich einen Vorteil zu verschaffen um zu betrügen.Da hilft es auch nicht weiter seine Begriffsapperat immer mehr zu verfeinern und Begriffe zu abstrahieren.Also lieber Quine als Dworkins.
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