Romandebütantin Ronja von Rönne Wir sind jung, wir sind schön, unsere Witze sind meta

Sie ist das It-Girl des Berliner journalistisch-literarischen Komplexes: Ronja von Rönne schreibt SUV-Tests und über AfD-Demos, die Antifa nennt sie "antifeministische Feuilletonfresse". Nun erscheint ihr erster Roman. Taugt der was?

Carolin Saage

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"Wenn ich gejammert habe, hat Maja immer gesagt: 'Jammer nicht so, denk an Afrika'", erinnert sich Nora, die Hauptfigur von "Wir kommen", an einen Satz ihrer Jugendfreundin. Soweit hätte den Satz auch ein Kind in den Achtzigerjahren sagen können; Äthiopien, der Hunger, schlimm.

Doch es geht ja weiter: "Damit war nicht das Land gemeint, sondern ein Mädchen zwei Stufen über uns, das für eine Zeit nach Afrika gereist war, um auch mal Selfies mit großäugigen, afrikanischen Babys zu machen." Damit ist ja wohl klar: Hier geht es um die Gegenwart, hier reden die sogenannten "Millennials". Die, für die gilt: "Im Notfall sind wir ja über das Festnetz erreichbar."

Ronja von Rönne, die Autorin, ist 24 Jahre alt, und sie schreibt über die Gegenwart, ganz offensiv. "Wir kommen" wird man in späteren Zeiten sehr genau verorten im Jahre 2016, vielleicht wird man dereinst nostalgisch verklärt darauf schauen. Man hat den Verdacht, die Autorin würde das ein bisschen freuen.

Ihre Ich-Erzählerin, Nora, moderiert eine TV-Show in einem Privatsender, "Die Super-Shopper", für die sie mit drei dicken Hausfrauen einkaufen gehen muss. Ihre Eltern haben ihr gesagt, sie könne alles erreichen, was sie will - aber sonst sagten sie nicht viel: "Wenn wir etwas nicht mit Schweigen ausdrücken konnten, drückten wir es gar nicht aus, dann würde es schon nicht so wichtig gewesen sein", erinnert sie sich.

Ein Zimmer wie aus dem Independentfilm

Nora ist eine enorm passive Figur, sie nennt "Folgen Sie mir" den ihr liebsten Satz der Welt und sagt, "Ich habe genickt. Das kann ich gut". Es fing schon an bei der Kindheitsfreundin: "Auch Bienenköniginnen könnten nicht ohne die Arbeiterinnen überleben", sagt Maja einmal zu ihr.

Maja ist diejenige, die ins Risiko geht. Maja ist die Anführerin. Maja ist wirklich alleine, mit ihrer saufenden Single-Mutter. Nora hingegen beschließt schon kurz nach der Grundschule, "es den Figuren aus meinen Lieblingsromanen gleichzutun und mich unverstanden zu fühlen".

Als der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen ungefähr so alt war wie Ronja von Rönne jetzt, schrieb er "Sexbeat", ein Manifest des Zitat-Pop, in dem er von den "feigen, aber blütenreinen und viel klügeren zweiten Männern" schrieb. Kein Mann, aber so eine ähnliche Figur ist auch Rönnes Erzählerin. Sie ist intelligent, sie durchschaut viel, aber sie posaunt nicht die Positionen heraus.

Dafür nimmt sie fast alles als Zitat wahr: Ihr eigenes Zimmer könnte "höchstens für einen vernuschelten Independentfilm herhalten", dem Party-DJ rät sie: "Erst Jazz, damit bewiesen wir, dass wir Geschmack haben, dann Poptrash, damit bewiesen wir, dass wir ironisch sind. Ganz spät dann Techno, damit bewiesen wir, dass wir die Neunziger immer noch nicht überwunden haben."

Wo Heinz Strunk in seinem aktuell gefeierten Roman "Der goldene Handschuh" die Absturzkneipe als Schreckensort heraufbeschwört - authentifiziert durch die wahre Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka -, gehen Ronja von Rönnes Figuren in die Eckkneipe, "weil dort außer uns nur kaputte Gestalten und Alkoholiker herumhängen und weil wir durch sie daran erinnert werden, wie jung und privilegiert wir sind".

Alles wissen diese Figuren einzuordnen, alles kann zum Thema werden. Alles taugt eigentlich auch zum Witz, noch besser zum Metawitz. Nur alt und geschmacklos dürfen die Witze nicht sein, denn "wir sind jung und geschmackvoll".

Hashtag #homeoffice statt #arbeitslos

Ronja von Rönne begann 2012 öffentlich zu schreiben in ihrem Blog, dem "Sudelheft". Bekannt geworden ist sie als Teil einer Jungfeuilletonisten-Riege, die sich "Die Welt" seit einiger Zeit hält. Da schrieb sie über psychische Krankheiten und AfD-Demos, testete aber auch den neuesten Range Rover und nahm die Anti-Position in einer Feminismus-Debatte ein. Sie schrieb dort ärgerliche Sätze wie "Mittlerweile ist der Feminismus eine Charityaktion für unterprivilegierte Frauen geworden". Der Protest war groß. Rönne sagte dem SPIEGEL, sie "probiere Meinungen an, so wie ich Kleider anprobiere".

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Ihre Figuren haben durchaus ein paar Gewissheiten, der "Kunstkritiker einer untergehenden Tageszeitung" redet sich mit rassistischen Sprüchen ins Unglück und sorgt für comic relief. Auch politische Gegenwartsthemen kommen am Rande vor: Ein Paar "hat" einen Flüchtling, Abdul. Später spielen Kinder "Enthauptung" und die Mutter sagt stolz: "Sie sind sehr politisch."

Doch zum Zwecke einer tagespolitischen Ausdeutung unserer Gesellschaft braucht man dieses Buch nicht zu lesen.

Man sollte es lesen, weil es mit schlagenden Sätzen Figuren charakterisiert: "Er sah ein bisschen aus, als mache er sich nicht einmal die Mühe, seinen Curry King aufzuwärmen", heißt es über einen Fahrkartenkontrolleur. Es wird gelästert über "Frauen, die Selfies von sich in sozialen Netzwerken posten, auf denen sie mit beiden Händen eine Kaffeetasse umklammern, Hashtag #homeoffice, weil bei #arbeitslos weniger Menschen auf 'gefällt mir' drücken."

Solche Lästereien würden natürlich auch isoliert als Tweet oder als Blog funktionieren, manchmal bekommen sie auch einen Schlag ins Altkluge: "Niemand beherrschte den amerikanischen Smalltalk, stattdessen wird diese Kulturtechnik als scheinheilig abgekanzelt. Aber abkanzeln geht schnell, und dann steht man stumm voreinander und saugt an seinem Strohhälmchen."

Die wohlbehütetste und depressivste von allen Generationen

Doch mit der Zeit konzentriert sich der Roman immer mehr auf sein eigentliches Thema, ein bizarres Liebes-Viereck, um einen New-Order-Song zu paraphrasieren. "Eine klassische Beziehung, nur eben verteilt auf vier Säulen, damit nicht alles sofort zusammenkracht, wenn einer schwächelt."

Das mag gut ausgedacht klingen, doch auch diese Vierer-Beziehung stellt sich heraus als "eine einzige Imitation irgendwelcher Filme, und wenn wir uns streiten, dann halt noir, mit viel Schweigen und wütendem Rauchen, und ab und zu knallt eine Tür". Im Sommerhaus, später, reift die Erkenntnis: "Wir seien vier Egoisten, die sich vor lauter Angst aneinanderklammerten, obwohl wir uns eigentlich hassten."

Ist es ein Generationenroman? In einem Blogeintrag zum Romanschreiben schlüpft Rönne in verschiedene Rollen, von der Großmutter über J.K. Rowling bis zum Feuilletonisten. Den lässt sie sagen: "Wenn es ein Generationenbuch wird, vergleichen wir dich mit Christian Kracht, bis du weinst."

Aber Rönne spielt damit, sie lässt eine Figur sagen, "wir seien die wohlbehütetste und depressivste von allen Generationen." Es sind die Zehnerjahre, der Optionen sind viele, erst recht für junge Leute wie diese um sich selbst kreisenden vier, die in gesicherten ökonomischen Verhältnissen aufwachsen. Doch die größte Sehnsucht scheint zu sein, "sich zumindest ein paar Sekunden lang nicht selbst entscheiden zu müssen".

Und doch haben sie Ängste, die vorhergehenden Generationen vertraut vorkommen. Ja, ja, da ist die Langeweile. Da ist auch das Älterwerden, dunkle Ringe unter den Augen werden entdeckt, der Haaransatz ist nach oben gerutscht. Dann ist da noch ein Kind, das auch noch eine Rolle spielt.

Doch Ronja von Rönne schafft neue Bilder für alte Probleme, und einige Bilder aus "Wir kommen" werden bleiben. So wie das, mit dem die Geschichte um Afrika endet: "Und das, sagte Maja, sei einer der Momente, in denen man sich ganz sicher ist: Ein Tattoo der Bundesrepublik auf dem Rücken: Das ist schlimm."

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