Ror Wolf wird 80 Orpheus in der Antiwelt

Wer hier eintritt, lasse alle Erwartungen an Logik und Schwerkraft fallen. Fußball-Poesie hat Ror Wolf bekannt gemacht - in seinen illustrierten Romanen schafft der große Außenseiter der deutschen Literatur ein betörendes Universum. Nun wird er 80 und veröffentlicht einen Horrorroman.

Von Hans-Jost Weyandt


Man könnte in Ror Wolfs neuem, von ihm selbst mit Collagen illustrierten Buch "Die Vorzüge der Dunkelheit" zunächst getrost den Text ignorieren und sich den Bildern überlassen. Sie entführen den Leser in fremde, so noch nicht gesehene Welten. Eine jede ist anders: surreale Traumlandschaften, collagiert aus alten Stichen, See- und Gebirgsstücke, Dschungel, Gletscher, Gestade, fremde Länder, Wellengebirge, auf denen Häuser treiben, ein springender Fisch, auf dem ein Junge reitet, ein Frackträger unter Pinguinen, ein fliegendes Nashorn, ein Kranker im Bett im Gebirge.

Phallisches hier, Anatomisches dort, eine Gabel im Hals einer Schönen. Man kann sich der Phantastik dieser Bilder überlassen - die mal bizarr ist oder grotesk, idyllisch, mal komisch, ein wenig antiquiert, immer rätselhaft und sensationell - und so gleichsam in 79 Bildern um die Welt reisen.

Doch auch der Text ist voller Sensationen. Ein Reise-, ein Traum-, ein Abenteuer-, ein Entdeckerroman. Er führt aus einem Krankenzimmer, in dem sich alle Klinikängste der Welt zu einem Alptraum verdichten, der an die Schlachthausbilder Francis Bacons erinnert. In ein Brauhaus zu einem Teller voller aufgeplatzter Kartoffeln, wo der Erzähler sich daran erinnert, wie man den Weg zum Bahnhof in zwanzig Sprachen erfragt, und von dort aus in die weite Welt: "Nach Amerika!"

Eine lange Reise beginnt, sie lässt den Mann Gegenden entdecken, die noch nie ein Mensch betreten hat, ins Erdinnere vordringen und eisige Gipfel erklimmen. Unterwegs könnten ihm Jules Verne und Karl May begegnen, Jean Paul, Edgar Allan Poe und Franz Kafka, stattdessen trifft er auf Al Capone und Max Schmeling, einen Doktor Q, einen Herr Wobser und eine Unbekannte, die seine Wege rätselhaft zu begleiten scheint.

Das Grauen nistet im Körper

Rätselhaft ist eigentlich alles in diesem Roman. Das Rätselhafteste ist vielleicht, dass dem Erzähler nichts rätselhaft erscheint. Für Leser, die erwarten, kundig durch die phantastischen Welten der opulenten Bilder geführt zu werden, muss dieses Buch der reine Horror sein, denn was für die Collagen gilt, gilt gesteigert für den Text, in dem neben den Gesetzen der Schwerkraft und Logik auch die des vertrauten Erzählens außer Kraft gesetzt sind.

Leser hingegen, die mit dem Autor Ror Wolf schon länger unterwegs sind, betreten vertrautes literarisches Terrain, wenn sie sich auf "Die Vorzüge der Dunkelheit" einlassen. Sie kennen die "vor Energie strotzende, sich selbst genügende Antiwelt", in der "mit den Scherben von Realität und Geschichten,... Alltäglichkeiten, Sensationen, manischen Verengungen und Katastrophenmeldungen nach Gusto und Bedarf" jongliert wird, wie die Hamburger Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer im Wiener "Falter" in einer schönen Würdigung des Autors schreibt.

Und sie begegnen alten Bekannten aus früheren Werken wieder, wie jenem Doktor Q, nach dem Wolf in Hörspielen bis in die siebziger Jahre hartnäckig suchte, oder dem Bescheidwisser Wobser, den Raul Tranchirer oft konsultierte, um seinen "vielseitigen großen Ratschläger für alle Fälle der Welt" zu verfassen. Raul Tranchirer wiederum ist das Pseudonym Ror Wolfs, und mit beiden teilt der namenlose Erzähler einen gleichsam natürlichen, fraglosen Forscher- und Entdeckerdrang, der von der Erkundung entlegenster Zonen bis zur Linderung naheliegender Übel reicht, wie es beispielsweise kalte Füße bereiten.

Mit "Vorzüge der Dunkelheit" will der in Mainz lebende Schriftsteller sein Romanwerk abschließen, und es liegt nahe, in diesem rechtzeitig zum 80. Geburtstag erschienenen Roman eine konzentrierte Gesamtschau des "Wolf'schen Universums" (Kronauer) zu sehen.

Doch dieser Roman ist viel mehr als eine Wiederbegegnung mit alten Bekannten, liebgewonnenen Marotten und skurrilen Phantasmen. Denn zum einen bilden die Romane im Werk, das der Schöffling Verlag verlegt, nur eine Säule unter anderen, etwa den mittlerweile berühmten Fußballtexten: Gedichte, Protokolle, Hörspielcollage ("Cordoba, Juni 13 Uhr 45"). Zum anderen ist dieser letzte Roman auch ein Debüt, mit dem Wolf sich in einem ihm neuen Genre versucht, dem Horrorroman. Wolf, der die Erfahrungen einer schweren Erkrankung im Roman verarbeitet hat, parodiert das Genre nicht, er interpretiert es mit seinen Mitteln, und der Horror ist präsent von Anfang an.

Das Grauen nistet im Körper des Protagonisten, es trennt die Stimme vom Leib und lässt sie erzählen, wie erst der Kopf aus dem Spiegelbild verschwindet, dann das Gesicht sich verflüssigt, es tropft durch die Hände auf einen Teller, und so geht das weiter, seitenlang, bis sich in den Worten der aufgelöste Körper wieder zusammensetzt, während sich zugleich das Grauen ausbreitet in der Welt, die der Erzähler durchstreift. Es knarrt, knistert, knackt in allen Ecken und Winkeln einer aus den Fugen geratenen Welt, die nur von der Erzählerstimme zusammengehalten wird. Sie berichtet vom Horror verfaulender Häuser, aufgeplatzter Kartoffeln und hört, wie Schnäbel in Rinderrücken picken, während die Meere das Land verschlingen.

Doch seltsam: Sie scheint den Schrecken so wenig zu verspüren wie Angst und Schmerz. Im Zentrum dieses Erzählens herrscht eine unheimliche Stille. Man kennt das aus Filmen: der stumme Schrei auf der Leinwand, der den Zuschauer bis ins Mark trifft. So ähnlich funktioniert dieser Roman. Dabei ist er zugleich sehr komisch. Das gibt ihm seine Leichtigkeit. Wie eine Ballonfahrt über eine katastrophale Welt.

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insgesamt 2 Beiträge
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louielouie 29.06.2012
1. undurchdringlich
es fiel mir außergewöhnlich schwer, diesen artikel durchzulesen. sonderlich informiert fühle ich mich letztlich nicht. liegt das am besprochenen buch, oder an der besprechung?
madcostelloartist 29.06.2012
2. Douglas Adams
Ein schöner, fabelhaft und kundig geschriebener Artikel! Endlich mal wieder ein guter Bericht auf Spiegel-Online nach viel Mittelmaß. "...um seinen 'vielseitigen großen Ratschläger für alle Fälle der Welt' zu verfassen" Das erinnert mich an den Anhalter-Reiseführer aus Douglas-Adams' Roman "Per Anhalter durch die Galaxis". Übrigens wird Ror Wolf heute Abend im Frankfurter Hof in Mainz mit einer Dichterlesung von Harry Rowohlt gefeiert, unter Anwesenheit des Geburtstagskindes.
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