Jugendliebe in Niederbayern Wo die Straßen keinen Namen haben

Berni Mayer erzählt in seinem literarischen Debüt "Rosalie" eine romantische Coming-of-Age-Geschichte in der bayerischen Provinz - und tritt in keine der Klischeefallen, die auf diesem Feld ausliegen.

Katholische Prozession in bayerischem Dorf
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Katholische Prozession in bayerischem Dorf


Das Aufwachsen in Praam fühlt sich für Konstantin Wolff wie ein elendiglich langer Karfreitag an. Wie eine Strafe für die eigene Schuldigkeit, die der Dorfpfarrer jeden Sonntag von der Kanzel predigt. Deshalb geht der 17-Jährige nur in schwarzen Klamotten aus dem Haus, beklebt die Wände seines Zimmers mit schwarzen Hard-Rock-Postern und betrauert sich selbst: hineingeboren in die niederbayerische Provinz, kann man nix machen, hat man halt gelitten.

Für die knapp hundert Praamer beginnt die Welt am Kirchenaltar, erstreckt sich über das Sägewerk, das Wirtshaus von Konstantins Eltern und hört hinter dem Sportplatz wieder auf. Die Straßen haben keine Namen, und seit der Ort auch keinen Bürgermeister mehr hat, ist der Pfarrer Parzefall die höchste Autorität. Nach ihm folgen die Großbauern und Familienoberhäupter. Bei den Wolffs ist das der cholerische Großvater, den Konstantin nicht "Opa", sondern "Zogo" nennt: eine Kurzform für den "Zorn Gottes".

Wahrscheinlich hätte Konstantin einfach weiter die Jahre bis zum Studium abgesessen, hätte die Langeweile am Gymnasium über sich ergehen lassen und sich weiter mit seinen Freunden Böhmi, Bartl und einer Flasche Likör verschanzt, während die Dörfler wallfahren. Im März 1986 aber zieht Rosalie nach Praam und reißt ihn aus dem Dauergrau heraus. Die 14-Jährige ist mit ihrem Vater aus München gekommen, "ein blass schimmerndes Wesen mit dunkelbraunen, kompliziert geflochtenen Haaren".

Konstantin ist fasziniert. Nicht nur, weil Rosalie für ihn einen Teil der Welt da draußen, außerhalb von Praam, ins Dorf bringt. Sie sagt auch, was sie denkt, witzelt über manch stiernackigen Bewohner und traut sich obendrein, vor dem Kriegerdenkmal zu fragen, ob die Praamer Krieg gut finden. Konstantin verliebt sich in Rosalie. Mit jedem Treffen, jedem Gespräch entfernt er sich ein Stück weiter von der Frömmigkeit, die ihm seit Jahren Fieberschübe beschert. Mit jedem Treffen, jedem Gespräch kommt er aber auch der Einsicht näher, dass Rosalie ihre Unerschrockenheit ausnutzt: "Das Verkehren von Dingen war eine ihrer größten Stärken."

Jugendliebe, Coming-of-Age und bayerische Provinz - eigentlich Klischeegaranten

Berni Mayer zeichnet in "Rosalie" das Bild einer bayerischen Dorfjugend in den Achtzigerjahren, das seinem eigenen Aufwachsen nicht unähnlich sein dürfte. Mayer kommt selbst vom Land, wurde 1974 im niederbayerischen Mallersdorf geboren und hat mehrere Jahre den Onlineauftritt von MTV und VIVA betreut. Zwischen 2012 und 2014 hat der Wahlberliner eine Krimi-Trilogie um die arbeitslosen Musikjournalisten Max Mandel und Sigi Singer veröffentlicht. "Rosalie" ist Mayers literarisches Debüt außerhalb des Krimi-Genres.

An den Figuren Rosalie und Konstantin erzählt Mayer dreierlei: Da sind zum einen das erste Verliebtsein, die ersten sexuellen Erfahrungen. Zum anderen zeigt Konstantin die akutpubertären Loslösungsversuche von den Eltern und seiner Herkunft. Je besser er Rosalies unverblümte Weltsicht kennenlernt, je mehr er sich an ihrer rotzgörigen Art reibt, desto mehr windet er sich aus der Familienhierarchie. Lässt sich vom vorwurfsvollen Ton seiner Mutter kein schlechtes Gewissen mehr machen, widerspricht dem Zogo so deutlich, dass ihn die Großmutter nach Hause schickt. Und dann wäre da noch das Leben in der bayerischen Provinz. Eigentlich drei Felder, die nur so übersät sind mit Klischeefallen. Umso erstaunlicher, dass Berni Mayer in keine davon tritt.

Das verdankt "Rosalie" zunächst der schnörkellosen, fast lakonischen Sprache. Mayer erzählt unaufgeregt und hebt Praam nicht als ein Stück Hyper-Bayern auf den Sockel. Vielmehr lässt er es Konstantin als bleischwere Normalität erleben, dass im Dorf jeder jeden kennt und kaum jemand den Katholizismus hinterfragt. Einzig irritierend: das Imperfekt-Stakkato, das Mayer seinen Dialogen hinterherschiebt. "Schloss die Tür", "nahm mich an der Hand" oder "klang vorwurfsvoll".

Berni Mayer
Birte Filmer

Berni Mayer

Mayer begegnet der Provinz nicht mit der latenten Überheblichkeit, mit der sich ihr sein ehemaliger MTV-Kollege Markus Kavka 2011 in "Rottenegg" genähert hat. Er vermeidet auch die tümelnde Ironie, mit der sich etwa Marcus H. Rosenmüller in seinen Post-Heimatfilmen anbiedert.

Stattdessen bleibt Mayer nüchtern, egal wie sehr Konstantin die Gegend aufwühlt, egal wie turbulent der Autor ihn und Rosalie durch die Handlung führt. Dabei helfen Mayer die Zeitsprünge, die er kapitelweise gegenschneidet. Immer wieder setzt Mayer sich ins Auto des erwachsenen Konstantin, der Jahrzehnte nach dem Abitur feststellt, dass ihn die Welt hinter Praam nicht unbedingt besser behandelt. Begleitet ihn zur Beerdigung des Vaters, zu der Konstantin nach Praam zurückkehrt und wo ihn die Wut über Rosalie einholt: über ihre Unverschämtheit, mit der sie ihn nach dem Vorfall im Wasserschloss allein gelassen hat.

In das verlassene, heruntergekommene Gemäuer sind die beiden 1986 eingebrochen. Sie finden die Leiche des Besitzers Joseph Herrlich, eines Landschaftsmalers, der seit Jahren nicht mehr in Praam lebte und nur zurückgekommen war, um sich an einem der Dachbalken zu erhängen. Rosalie will den Vorfall vergessen, sich raushalten aus allem, was danach kommt. Konstantin dagegen hängt sich an seinen Onkel Albert, der als Journalist für eine Passauer Zeitung über Herrlich recherchiert. Zusammen führen sie dem Dorf vor Augen, welch menschenverachtenden Zweck das Schloss während des Dritten Reiches hatte. Wie sehr das ältere Dorfpersonal verwickelt ist und wie sehr sie über Jahrzehnte versucht haben, die Geschichte einfach wegzuschweigen.

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Berni Mayer:
Rosalie

DuMont; 288 Seiten; 20,00 Euro.

Nicht einmal mit diesem historisch aufgeladenen Erzählstrang um das Schloss verhebt sich Mayer. Er erzählt ihn souverän und stimmig aus. Für ein Debüt gelingt ihm damit ziemlich viel.



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barf 26.11.2016
1. Klingt vielversprechend
Ich habe das Buch (noch) nicht gelesen, aber es klingt sehr interessant. Ich mag seine einfache, und doch überraschende Sprache (hätte mir vom Autor des Artikels allerdings ein paar mehr Zitate gewünscht - mir hilft so etwas immer um einzuschätzen, ob mir ein Sprachstil gefällt). Bin gespannt!
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