Feminismus in Indien "Irgendwann dachte ich: Fuck this shit!"

Es ist das "Feuchtgebiete" Indiens: Rosalyn D'Mello schreibt in ihrem "Handbook for my Lover" über Masturbation, Verlangen und Dehnungsstreifen. Hier erzählt sie, welche Tabus sie damit bricht.

Indische Frauen in Mumbai (Archiv)
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Indische Frauen in Mumbai (Archiv)

Ein Interview von


Zur Person
  • Pallavi Gaur
    Rosalyn D'Mello, 32, arbeitet als Kunstkritikerin für verschiedene indische Magazine. Sie ist Kolumnistin bei der Zeitung "Mid Day" in Mumbai. Ihr Debütroman "Handbook for my Lover" erschien Ende 2015. Die Autorin lebt in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi.

    Website: http://porterfolio.net/rosad/
    Twitter: @RosaParx

SPIEGEL ONLINE: Frau D'Mello, Ihren Debütroman "Handbook for my Lover" haben Sie als eine Art Briefsammlung verfasst, adressiert an Ihren Liebhaber, den Sie nie beim Namen nennen. Wie kamen Sie auf die Idee, das Buch zu schreiben?

D'Mello: Eines Abends im Jahr 2008, als unser Beziehungsstatus noch undefiniert war, telefonierte ich mit ihm. Beiläufig erzählte ich, dass ich einen ehemaligen Liebhaber auf der Straße getroffen hatte. "Wieviele Männer hattest du denn schon?", fragte er, leicht eifersüchtig. "Du hast gut reden!", sagte ich. Er erwiderte: "Aber ich bin ja viel älter!". Nach diesem Telefonat schwirrte mein Kopf vor Ideen: Ich wollte ihm von all den Männern aus meiner sexuellen Vergangenheit erzählen. 2009 fing ich an zu schreiben. Erst über die Jahre entwickelte sich daraus das Buch.

SPIEGEL ONLINE: Sechs Jahre lang haben Sie Ihre Beziehung schriftlich festgehalten. Sie beschreiben, wie sie masturbieren, wie sie vom Verlangen überwältigt werden, wie sie miteinander schlafen. Als Ihr Buch erschien, berichteten Ihnen Leserinnen von ihren eigenen Erfahrungen über Instagram, Email und Facebook oder bei Lesungen. Wann wird aus einer persönlichen Geschichte eine gesellschaftliche?

D'Mello: Das Buch handelt von mir - einer Frau, die anders lebt als andere Inderinnen: Ich bin mit einem älteren Mann zusammen, aber lebe nicht mit ihm. Ich beziehe Stellung gegen die Ehe. Das ist in einem Land wie Indien, in dem man komisch angeschaut wird, wenn man mit 28 noch nicht verheiratet ist, ungewöhnlich. Gleichzeitig gab es noch nie so viele unverheiratete Frauen über 30 wie heute.Viele wollen sich von diesem Druck nicht unterkriegen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Im Buch schreiben Sie: "Sex is no longer a necessity to establish your own self." Wie beeinflusste das Verlangen der anderen, wie Sie sich selbst fühlten?

D'Mello: Wir denken oft, dass Verlangen kurzzeitig sei. Aber wenn man ein verstetigtes Verlangen spürt, etwa von seinem Partner, verändert einen das. Das Verlangen ist für mich fast wichtiger als Sex selbst. Sex ist Verzehr, Konsum, Genuss, die Bedürfnisbefriedigung. Aber das Verlangen hat immer ein Ziel, es bewegt sich, es ist wie ein Vorspiel, das ja immer aufregender ist als der Sex selbst. Sex kann auch ein Schlusspunkt sein. Meine Generation überinterpretiert, wie wichtig Sex ist.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

D'Mello: Ich nenne es das "Friends"-Phänomen. Meine Generation in den indischen Großstädten hat die "Dating-Regeln" nicht aus Alltagsbeobachtungen, sondern über amerikanische Sitcoms gelernt. Diese sexuelle Freiheit und auch Datingplattformen wie Tinder sind für uns noch relativ neu. Und es gibt noch immer viel Geheimniskrämerei beim Thema Sex, was es viel interessanter macht als es eigentlich ist. Wir sollten darüber hinwegkommen - das wird auch passieren, je normaler Sex zwischen zwei Erwachsenen angesehen wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen in dem Buch, was Sie an Ihrem Körper lieben; die Narben, die Dehnungsstreifen. Wurde das von den Leserinnen und Lesern als Akt der Rebellion aufgefasst?

D'Mello: In gewisser Weise schon. Der Körper von Frauen, besonders hier in Indien, kann ein politisches Statement sein. Hier werden soviele Schlachten ausgetragen: Wie man aussieht, was der Körper kann, auch der eigene Kampf mit den Hormonen. Ich etwa will keine Kinder, aber ich merke, wie ich mich gegen diesen inneren Fortpflanzungstrieb der Hormone auflehnen muss. Ich habe Jahre damit vergeudet, mich in meinem Körper unwohl zu fühlen. Irgendwann dachte ich: Fuck this shit. Als ich fast 30 war, wollte ich niemanden mehr, der mir vorgab, wie ich mich in meinem Körper zu fühlen habe - auch nicht meinen Liebhaber.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Aspekt des weiblichen Körpers steht in Indien am meisten unter Beschuss?

D'Mello: Die Hautfarbe. Sie definiert den Menschen, sie ist verbunden mit der Kaste, sagt aus, woher du kommst. Je dunkler, desto niedriger die Kaste. Je dunkler, desto südlicher - auch wenn die Annahme oft falsch ist. Von dunkelhäutigen indischen Mädchen wie mir wird fast erwartet, dass sie kein Selbstbewusstsein haben. Das Schwierige hier ist: Viele Frauen denken, sie seien selbstbestimmt. Aber eigentlich sind sie es gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

D'Mello: Nehmen wir etwa arrangierte Ehen. Viele meiner Freunde haben studiert, sind hochgebildet. Trotzdem erlauben sie ihren Eltern, zu bestimmen, wen sie heiraten. Sie stehen nicht für sich selbst ein.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Ihre Freunde damit einverstanden?

D'Mello: Ich weiß gar nicht, ob sie damit einverstanden sind. Aber viele stehen unter Druck. Sobald du 27 Jahre alt bist, wird jeder um dich herum - der Gemüsehändler, der Taxifahrer, deine Tanten - dich fragen: Warum bist du noch nicht verheiratet? Ab diesem Moment zählt nicht mehr, was du in deinem Job erreicht hast, ob du eine Karriere hast, wer du bist, solange du dich nicht anpasst und heiratest. Jedes Mal, wenn ich zurück nach Mumbai fuhr, fragte mich meine Mutter: Was sind deine Pläne? Sie meinte damit: Wann heiratest du endlich?

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es so wichtig, als Frau alleine zu leben? Für viele ist es finanziell unmöglich.

D'Mello: Weil du zum ersten Mal deine eigenen Entscheidungen triffst. Viele Frauen fürchten sich aber davor, weil es als gefährlich gilt. Im Namen der Sicherheit werden Frauen klein gehalten. Viele Eltern erlauben ihren Töchtern nicht, zum Studium in eine eigene Wohnung zu ziehen. Meine Nachbarin etwa unterrichtet Naturwissenschaften an der Universität. Sie ist unabhängig, will nur heiraten, wenn sie jemanden findet, den sie heiraten möchte. Sie lässt sich nicht von ihren Eltern unter Druck setzen. Dafür respektiere ich sie. Jetzt verreisen ihre Eltern für einen Monat, ich bin für einen Monat in Goa. Sie hat große Angst, allein in dem Haus zu sein. Ist das nicht schlimm? Es ist dieses Niveau der Alltagsangst, das Frauen lähmt.

SPIEGEL ONLINE: Der allgemeine Tenor ist: Neu-Delhi ist gefährlich für Frauen.

D'Mello: Natürlich sind die Frauen nicht paranoid, sie haben Grund dazu, Angst zu haben. Es werden Frauen angegriffen, missbraucht. Aber man kann sich auch dazu entscheiden, sich dem zu stellen und zu versuchen, dass die Angst nicht alle deine Entscheidungen beeinflusst; zu überlegen, was du trägst, wohin du gehst und mit wem.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie genug politischen Willen in Indien, Frauen vor Übergriffen zu schützen?

D'Mello: Nein. In vielen Teilen Indiens werden Frauen noch als Besitz angesehen. Man muss sich nur anschauen, dass Vergewaltigung in der Ehe immer noch legal ist. Daran sieht man, wie weit wir noch gehen müssen. Jede Initiative, jeder Vorschlag, Frauen zu schützen kommt immer aus dieser patriarchalen Ecke, wo Frauen so behandelt werden, als hätten sie keinen Willen, als seien sie von vorneherein Opfer. Ein sehr einfacher Schritt in die richtige Richtung wäre, dass diejenigen, die Frauen angreifen, härter bestraft werden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Definition von Feminismus?

D'Mello: Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Amerikanerinnen können darüber diskutieren, ob sie in einer postfeministischen Welt leben oder warum man sich nicht mehr als Feministin bezeichnen muss. Aber Frauen in Indien nicht. Hier gibt es eine Vielzahl von feministischen Bewegungen, eine Vielzahl von Kämpfen. Eigentlich sollte der Begriff auch das Kastenwesen und Schichten miteinschließen. Mir geht es vor allem um Gleichberechtigung und darum, Sexismus und das Patriarchat zu entlarven.

SPIEGEL ONLINE: Sie zitieren in Ihrem Buch die indische Autorin Kamala Das, die sagt: "Entweder bist du eine gute Autorin, oder du bist ein geschätztes Mitglied der Gesellschaft." Mussten Sie sich zwischen beiden Rollen entscheiden?

D'Mello: Klar. Als das Buch veröffentlicht wurde, hatte ich Probleme mit meiner sehr katholischen Familie.

SPIEGEL ONLINE: Hatte Ihre Familie das Buch denn gelesen?

D'Mello: Ich war so naiv zu glauben, dass sie die Buchveröffentlichung nicht mitbekommen würden. Meine Eltern leben in Mumbai, ich in Neu-Delhi. Als das Buch erschien, rief meine Mutter weinend an: Hast du gar nicht an uns gedacht, als du dieses Buch geschrieben hast?

SPIEGEL ONLINE: Und was antworteten Sie?

D'Mello: Ehrlich gesagt, nein. Irgendwann sagte ich meiner Mutter: Ich habe dir genug Möglichkeiten gegeben, stolz auf mich zu sein. Ich lebe vielleicht nicht so, wie du es dir für mich vorgestellt hast, aber ich lebe das Leben, das ich selbst für mich wollte. Wenn du immer noch enttäuscht bist, ist das nicht mein Problem, sondern deins. Inzwischen verstehen wir uns viel besser. Sie akzeptiert die Beziehung zwar immer noch nicht, aber sie redet mir nicht mehr in mein Leben rein.



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