Hamburg - Es ist ein bisschen so, als würde der Äquator abgeschafft oder das Saarland. Eine afghanische Provinz von der dreifachen Größe des Saarlandes allerdings oder eine gar viermal um den Äquator reichende Gesamtproduktion von Kleinwagen wird es auch weiterhin geben - was aber wird aus den unzähligen Vergleichen, die allesamt mit dem Namen Rosamunde Pilcher verknüpft sind?
Was wird aus den mecklenburgischen Immobilieninvestorinnen, die, wie es eine Maklerin ausdrückte, "von einem Leben wie bei Rosamunde Pilcher träumen"? Was aus dem Grafen der Band Unheilig, den eine Zeitung als Mischung "aus Rammstein und Rosamunde Pilcher" bezeichnete? Oder aus jenen Bundespolitikern, über die Guido Westerwelle einmal meinte, dass sie "morgens einen auf Rosamunde Pilcher" machten, während "nachmittags das Kettensägenmassaker" weitergehe?
Alles vorbei. Plötzlich fehlt das entscheidende Vergleichskriterium. Rosamunde Pilcher schreibt nicht mehr. Das meldet die "Bild"-Zeitung. Angesichts von gut 30 unter eigenem Namen oder Pseudonym veröffentlichten Romanen, sowie über hundert nach Motiven dieser Bücher entstandenen ZDF-Verfilmungen unter Titeln wie "Entscheidung des Herzens" könnte man das unter dem modischen Begriff Burnout subsumieren.
Tatsächlich aber fühlt Pilcher sich mit 87 Jahren einfach zu alt, um weiterzuarbeiten. Sie hinterlässt eine Gesamtauflage von etwa 60 Millionen Büchern weltweit: Romane, die auf dem Buchmarkt in etwa das sind, wofür Laura Ashley im Seifenregal steht - irgendwie lieblich, irgendwie romantisch, erfüllt vom schweren Duft südenglischer Badestuben. "Ich schreibe schöne Literatur, fertig aus", hat Pilcher in der "SZ" einmal ihre Arbeit charakterisiert. Sie habe nie behauptet, intellektuell zu sein. Denn: "Flucht ist kein schmutziges Wort, es ist manchmal ganz gut, der Welt zu entfliehen."
Unter ihren Leserinnen soll auch Margaret Thatcher gewesen sein, die sich angeblich bei einer schönen Pilcher-Schmonzette von den Anstrengungen des Deregulierens erholte. Angesichts der gegenwärtigen europäischen Wirtschaftskrise könnte man Pilchers Abschied deshalb auch als politischen Hoffnungsschimmer betrachten: Regierende, die nach Feierabend nicht in den Traum von einem "Leben wie bei Rosamunde Pilcher" fliehen, machen tagsüber hoffentlich eine menschenfreundlichere Politik.
sha/dapd
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