Autor Ross Thomas: Lakonischer Krimi-Könner

Von Christoph Dallach

Der amerikanische Thriller-Autor Ross Thomas schrieb in den Siebzigern Polit-Thriller alter Schule, die auch heute noch frisch klingen. Nun werden seine vergriffenen Romane überarbeit und vervollständigt neu aufgelegt.

Ross Thomas, 1926-1995: Auch in diesem Jahrtausend noch erfrischend Zur Großansicht
Patricia Williams

Ross Thomas, 1926-1995: Auch in diesem Jahrtausend noch erfrischend

Eigentlich betreiben Mac McCorkle und sein Partner Michael Padillo in Washington nur eine Bar. Eines dieser lichtarmen Biotope für ungestörtes Trinken, mit einem Tresenchef, der taktvoll genug ist, "keine Bemerkungen zu machen, wenn man mit der Frau eines anderen" hereinkommt. Ursprünglich war ihr Laden mal in Bonn-Bad Godesberg, aber nachdem der in die Luft gesprengt wurde, zogen die zwei in die amerikanische Hauptstadt um und machten dort weiter.

Neben der Bartätigkeit werden McCorkle und Padillo immer mal wieder in Abenteuer der dubiosen Art gezogen: Weil sie irgendwem aus ihrer etwas unklaren Vergangenheit einen Gefallen schulden oder aus der Patsche helfen müssen, zanken sie mit zwielichtigen Geheimdienstmitarbeitern, sollen mal helfen, einen südafrikanischen Kleinstaat zu destabilisieren oder ein windiges Erdöl-Abkommen sichern, so wie in "Die Backup-Männer", einem Roman von Ross Thomas, der ursprünglich 1971 erschien und nun - überarbeitet und erstmals ungekürzt - frisch aufgelegt wurde.

Diabolische Analyse der Verhältnisse

Der Amerikaner Ross Thomas, der 1995 im Alter von 69 Jahren starb, war einer der großen Könner der Kriminalliteratur und wird von Fachleuten so verehrt wie Raymond Chandler und Dashiell Hammett. Seine raffinierten Thriller stammen aus einer Ära, bevor finstere blutrünstige skandinavische Serienkiller das Genre übernahmen. "Ein Roman von Ross Thomas ist nicht einfach ein Krimi oder ein Polit-Thriller, sondern eine diabolische Analyse unserer politischen Verhältnisse", jubilierte mal der Schriftsteller Jörg Fauser.

Thomas' Romane sind kunstvoll verwobene, lakonische Polit-Thriller alter Schule, die meist in den schattigen Regionen des Politikbetriebs, zur Zeit des Kalten Kriegs spielen. Seine vielfach ausgezeichneten Romane illustrierten, wie es aussehen könnte, wenn Gewerkschaften tricksen, Beamte Kleinstaaten destabilisieren oder Wahlkämpfe getürkt werden. Der Reiz dieser Geschichten besteht auch in der Ahnung, dass der Autor ziemlich präzise wusste, was er da beschreibt. Was auch daran liegt, dass Ross Thomas erst spät im Leben, genauer gesagt mit vierzig, mit dem Schreiben von Romanen begann. Vorher machte er sich als Journalist, politischer Berater, Redenschreiber und Wahlkampfmanager ein Bild von der Welt. Dass Thomas die Erfahrungen seiner frühen Jahre für seine späteren Romane nutzte, hat er nie bestritten.

"Ironie ist ein anderes Wort für Realismus", wird der Autor auf dem Buchrücken von "Die Backup-Männer" zitiert. Entsprechend nüchtern ist der Tonfall seiner Geschichten, die voll sind mit nicht mehr ganz so jungen Männern, oft desillusionierten Romantikern, die auffällig ausgiebig dem Alkohol zusprechen und meist irgendwie von ihrer Vergangenheit eingeholt werden. Fast nebenher sind Thomas' Geschichten verlässlich spannend erzählt, in knappen, trockenen, gepflegt ironischen Sätzen, die kein überflüssiges Wort belastet, so wie: "Es begann, wie das Ende der Welt beginnen wird: mit Telefonklingeln um drei Uhr morgens."

Männer, die den Heimweg für hartes Training halten

Seine Königsdisziplin aber waren süffisante Dialoge wie: "Du hast fünf Kilo Übergewicht, und das meiste sitzt am Bauch. Du hättest dir vor drei Jahren eine Brille zulegen sollen, aber du hast Angst, sie verschandelt dein Adlerprofil. Du hältst die fünf Blocks, die du jeden Abend nach Hause gehst, für hartes Training. Du bist jetzt fast bei drei Packungen täglich, hast einen Husten, der sich ganz nach einem Emphysem anhört, und wenn du vom Schnaps noch keine Säuferleber hast, dann nicht, weil du es nicht drauf anlegst. Du bist in einer jämmerlichen Verfassung", sagte Padillo.
"Du hast mein Zahnfleisch vergessen", antwortete McCorkle.
"Das macht mir auch Sorgen."

Dem wunderbaren Duo McCorkle und Padillo widmete Ross Thomas gleich vier Romane. Wobei insbesondere McCorkle dem Autor sehr ähnlich sein soll. In "Die Backup-Männer" müssen die zwei einen potentiellen afrikanischen Thronanwärter sicher zum Abschluss eines gewaltigen Öl-Abkommens geleiten - was selbstverständlich allerlei unangenehme Gestalten verhindern wollen.

Dass sich auch diese Geschichte in diesem Jahrtausend noch erfrischend liest, unterstreicht Ross Thomas' Klasse. Und Jörg Fauser meinte es ernst, als er schrieb, dass einige Ross-Thomas-Romane "neben die besten der amerikanischen Literatur der siebziger Jahre zu stellen" sind.

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