Graphic Novel von Roz Chast Vom Leben und Sterben in Brooklyn

Roz Chast gehört zu den bekanntesten Karikaturistinnen der USA und amüsiert ihre Landsleute mit Alltagsbeobachtungen. In ihrer neuen Graphic Novel schlägt sie jedoch ernstere Töne an: Es geht um das Sterben ihrer Eltern.

Roz Chast/ Rowohlt

Eigentlich ist die US-amerikanische Zeichnerin Roz Chast für ihre feinsinnigen Alltagskarikaturen bekannt. Dem intellektuellen Amerika ist der kritzelige Strich ihrer Zeichnungen wohlvertraut, denn Chast gehört seit über 30 Jahren zum Stab fester Karikaturistinnen für den "New Yorker", eine Art Ritterschlag im Zeichenmetier.

Doch für ihre neueste Graphic Novel, die jetzt in Deutschland erscheint, hat sie sich ein sehr intimes Thema ausgesucht: die Lebens- und Sterbensgeschichte ihrer Eltern. Kein Thema, über das man gerne spricht - und so heißt das Buch auch passenderweise: "Können wir nicht über was anderes reden?" Gemäß dieser Devise sind auch Chasts Eltern den Themen Alter und Tod stets mit Verdrängung begegnet, nun zeichnet die Tochter mit ihrer Graphic Novel ein sehr privates Porträt der beiden.

Es ist eine sehr amerikanische Lebensgeschichte, die sie da erzählt. Von der Einwanderung der jüdisch-russischen Großeltern bis hin zum kleinbürgerlichen Leben der Eltern in Brooklyn, das den Nachwuchs mit latenten Schuldgefühlen heranwachsen lässt, weil ihm all die Annehmlichkeiten zuteil werden, die sie selbst nie hatten. Mit viel Gespür fürs Detail zeichnet Chast die Schrulligkeiten ihrer Eltern nach, wenn sie die Mutter beim Strumpfhosenkauf begleitet oder versucht, die zunehmende Verwahrlosung des Elternhauses zu stoppen.

Bei aller Offenheit, mit der Chast das symbiotische Eheleben ihrer Eltern betrachtet, ist das Buch auch eine Liebeserklärung an die beiden geworden, die sich zeit ihres Lebens gegenseitig völlig unironisch als Seelenverwandte bezeichneten. Chast erzählt mit viel Liebe und Humor, wie sie das Älterwerden der Eltern erlebt, die zunehmende Abhängigkeit und die Verschiebung des Kind-Eltern Kräfteverhältnisses, bis hin zum unvermeidbaren Umzug ins Pflegeheim.

Die Gewissensbisse der Tochter

Viel Verantwortung bleibt da an einem Einzelkind wie Chast hängen, das sich und seine Eltern durch die Untiefen des letzten Lebensabschnittes navigieren muss. Die Ablehnung von Hilfe, das wachsende Misstrauen und die Angst vor Kontrollverlust erschweren das Miteinander. Aber auch Alltägliches wie die wachsenden Kosten für die Unterbringung im Seniorenheim und die Gewissensbisse der Tochter, die Pflege anderen zu überlassen, bestimmen das Verhältnis.

Es geht in dieser persönlichen Geschichte auch um Größeres: Darum, wie eine Gesellschaft mit ihren Alten umgeht, in der echtes Altern jenseits von vitalen TV-Rentnern und umherziehenden Freizeitsenioren nicht vorgesehen ist. So ähnlich hatte auch Joyce Farmer in ihrer wehmütig gezeichneten, aber schonungslosen Graphic Novel "Besondere Jahre" den Abschied von ihren Eltern beschrieben.

Dass Chasts Buch dennoch kein depressives Rührstück wird, liegt an der ihr eigenen Selbstironie und dem Schuss Sarkasmus, denn die Zeichnerin hat sich ihren heimatlichen Blickwinkel auf die Welt bewahrt. Roz Chast, die mit vollem Vornamen Rosalind heißt, wurde 1954 in Brooklyn geboren und wuchs dort auch auf. Die Alltagsszenen und kleinen Beobachtungen, die sie in ihren Strips zum Leben erweckt, sind stets mit einer guten Portion Neurosen und Psychosen versehen.

Schließlich ist es immer noch New Yorker Humor, den Chast verinnerlicht hat. Das trifft auch auf "Können wir nicht über was anderes reden?" zu, denn so offen sie auch über die unschönen Seiten des Lebensendes berichtet, so oft scheint auch ihr Blick für die Absurdität und Ironie der Situationen durch. Das macht Chasts Buch zu einem ebenso ehrlichen wie humorvollen Bericht über das Älterwerden und Sterben. Gut, dass sie sich entschlossen hat, darüber zu reden.

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