Rudolf Augstein Jesus, Kunstfigur des Christentums

SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein hat sich erneut mit dem Entstehen des Christentums beschäftigt. In der zur Buchmesse erscheinenden Fortschreibung seines "Jesus Menschensohn" zieht er eine aktuelle Bilanz der Jesusforschung und rügt die Kirchen, keine Konsequenz aus den Erkenntnissen ihrer Theologen zu ziehen.

Von Manfred Müller


Autor Rudolf Augstein, Herausgeber des SPIEGEL
M.Zucht/ DER SPIEGEL/ XXP

Autor Rudolf Augstein, Herausgeber des SPIEGEL

"Interessanteres als das Entstehen der christlichen Religion lässt sich in der Geistesgeschichte schwerlich finden" - für Rudolf Augstein, 75, Herausgeber des SPIEGEL, einer der Gründe, sich nach fast drei Jahrzehnten aufs Neue kritisch mit dem Jesus der Bibel und der Kirchen zu befassen.

In der gerade erschienenen Fortschreibung seines "Jesus Menschensohn" von 1972 zieht der Journalist Augstein eine Bilanz der Jesusforschung in den letzten 27 Jahren. Der Ex-Katholik (seit 1968) macht publik - und nicht selten erst richtig lesbar, was Theologen in ihrer oft schwer verständlichen Fachliteratur zuweilen mit Absicht verstecken - aus Angst vor ihren Amtskirchen. Denn ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse widersprechen weithin dem, was in der Bibel steht und was auf den Kanzeln gepredigt wird.

Augsteins Fazit: Der Mensch Jesus, wenn es ihn denn gab, hat mit der Kunstfigur des biblischen und kirchlichen Jesus Christus nichts zu tun. Eine Biografie Jesu lässt sich mangels historischer Fakten nicht schreiben. Die meisten Worte, die in der Bibel Jesus zugeschrieben werden, hat er nicht gesprochen, die meisten Taten, die in der Bibel von ihm überliefert werden, hat er nicht vollbracht.

Fortschreibung nach 27 Jahren: Augsteins "Jesus Menschensohn"

Fortschreibung nach 27 Jahren: Augsteins "Jesus Menschensohn"

Jesus wollte weder eine neue Religion stiften noch eine Kirche gründen. Er wollte weder Gott noch die zweite Person eines dreifaltigen Gottes sein. Und schon gar nicht wollte er die Menschheit durch seinen Kreuzestod erlösen - ein solcher Gedanke wäre ihm absurd erschienen, von der leiblichen Auferstehung ganz zu schweigen. Aber tatsächlich geglaubt hat der historische Jesus an ein unmittelbar bevorstehendes Weltende, womit er allerdings falsch lag.

Faktenreich belegt Augstein, wie vor allem der geniale Theologe Paulus den historischen Jesus in einen göttlichen Christus transformierte und damit eine Voraussetzung schuf, die das Christentum zur Weltreligion machte. Augstein: "Nicht was ein Mensch namens Jesus gedacht, gewollt, getan hat, sondern was nach seinem Tode mit ihm gedacht, gewollt, getan worden ist, hat die christliche Religion und mit ihr die Geschichte des so genannten christlichen Abendlandes bestimmt."

Theologisch und politisch explosiv

Doch so einzigartig, wie die christlichen Kirchen immer behaupten, ist das Christentum keineswegs. In Augsteins Buch werden die Belege präsentiert: Kaum eine theologische Idee, kaum ein moralisches Postulat sind genuin christlich. Fast alles ist übernommen - aus dem Judentum, aus dem Hellenismus, aus dem Iran/Irak oder dem alten Ägypten.

In einem eigenen Kapitel schildert Augstein dies etwa am Beispiel der jüdischen Essener-Bewegung von Qumran:

"Brüderlichkeit als moralisches Gebot, Lobpreis der Armut, der Demut und der Keuschheit, Verbot des Schwörens und der bösen Worte, vollkommene Liebe innerhalb der Gemeinde: Vieles, was als Essenz christlicher Lehren galt, war schon vorher essenische Lehre."

Absurder Gedanke der leiblichen Wiederauferstehung: Turiner Grabtuch (mit Negativ-Abdruck)
REUTERS

Absurder Gedanke der leiblichen Wiederauferstehung: Turiner Grabtuch (mit Negativ-Abdruck)

Theologisch wie politisch explosiv klingt, was Augstein an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Alte Testament zusammentrug. Danach ist Moses, die zentrale jüdische Führungsfigur, eher eine mythologische denn eine historische Gestalt; die mosaischen Gesetze sind in Wahrheit die nichtmosaischen.

Die im Alten Testament ausführlich geschilderte gewaltsame Eroberung Palästinas durch die Israeliten im Auftrag Gottes verlief in Wirklichkeit zunächst extrem friedlich: Die jüdischen Stämme waren auf Kooperation und Assimilation mit der kanaanäischen Urbevölkerung aus.

Nahezu unbekannt ist der heutige wissenschaftliche Kenntnisstand über das jüdische Gottesbild, das bekanntlich auch Christen und Muslime übernommen haben. Jahwe, der Einzige und allerhöchste Schöpfer der Welt, war ursprünglich ein von Nomaden verehrter Berggott, der später die Göttin Ashera zur Frau nahm. Jahrhunderte lang verehrten auch die jüdischen Stämme mehrere Götter.

Augstein registriert mit unverhohlenem Unmut; "dass die Kirchen nach wie vor keine Konsequenz aus den Erkenntnissen ihrer Theologen ziehen" und weiterhin "erfolgreich beanspruchen, unsere sozialen Verhältnisse mit Maßstäben zu beeinflussen, deren übermenschliche Autorität sie ungebrochen behaupten". Vielleicht gerade deshalb möchte der Kämpfer aus Hamburg auch nicht kapitulieren.

"So tun wir gut daran, uns selbst ans Werk zu machen und die Rückzugsgefechte nicht den Theologen zu überlassen", schreibt er in der Einleitung zu seinem Buch, denn "dazu war, ist und bleibt die Religion eine zu ernste Sache."

Rudolf Augstein: "Jesus Menschensohn". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 573 Seiten; 54,00 Mark



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