Inselroman "Bora" Urlaub? Reine Illusion!

Ruth Cerhas Roman "Bora - eine Geschichte vom Wind" spielt auf einer kroatischen Insel. Es wird darin pausenlos gebadet, getrunken und gekocht. Aber macht ihn das zum Urlaubsroman? Im Gegenteil.

Autorin Cerha: Backen, backen, backen - und an die Leser denken
Stefanie Luger

Autorin Cerha: Backen, backen, backen - und an die Leser denken

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Die Bora ist ein kalter Fallwind, von dem die Einheimischen sagen, er komme in Senj auf die Welt, herrsche in Rijeka und sterbe in Triest. Und irgendwo dazwischen saust die Bora über diese kleine kroatische Insel, auf deren salzigen Böden Salicorna wächst und in deren Hafen morgens um halb acht die Fischer anlegen um frische Goldbrassen zu verkaufen und Seebarben und glitschigen Tintenfisch. Sodass abends, im letzten verschwenderischen Sonnenlicht, Calamari in Fenchelcreme zu Kräuterschnaps serviert werden in den Häusern im Oberdorf, wo nicht nur die Einheimischen leben, sondern während des Sommers auch Urlauber und Touristen. Wie Mara zum Beispiel, Schriftstellerin aus Wien.

Um diese Mara geht es in Ruth Cerhas Roman "Bora - eine Geschichte vom Wind". Außerdem geht es darin pausenlos ums Baden, oder um die Weinberge der Insel, oder ums Trinken und Kochen oder um die Sommerhitze, um Ausflüge ans Festland oder um neue Namen für Sprünge von der Klippe ins Meer.

Aber ist "Bora" deshalb ein Urlaubsroman? Diese ganze kroatische Ferienkulisse samt Küstenmäusedorn, Katzen und Booten macht einem vielleicht Lust, kurz zwischendurch die Flugpreise nach Kroatien zu googlen. Sie macht aber noch lange keinen Urlaubsroman. Man kann "Bora" sogar als das Gegenteil davon lesen.

Eine Geschichtenerzählerin ohne Geschichten

Wenn Mara gefragt wird, wovon ihr nächstes Buch handeln wird, sagt sie, sie wolle nicht darüber reden, bevor die Geschichte fertig ist oder sie könne sich nicht zwischen verschiedenen Ideen entscheiden. Was beides gelogen ist. Mara hat keine einzige Idee. Sie hat den ganzen Sommer keine Zeile geschrieben. Sie ist eine Geschichtenerzählerin ohne Geschichten.

Manchmal stellt sie sich deswegen vor, wie zwei seriöse Herren im grauen Anzug vor ihrer Tür stehen. Die Herren kommen vom Amt zur Prüfung der Daseinsberechtigung und würden gern Maras Daseinsberechtigung kontrollieren. In ihrer Vorstellung eilt Mara dann zurück ins Haus und holt ein Exemplar ihres letzten Romans. Die Herren studieren das alte Buch und kommen dann zu dem Schluss - leider -, dass Maras Daseinsberechtigung wohl abgelaufen sei.

Weil Mara diesen Zustand nicht gut aushalten kann, rennt sie manchmal die ganze Nacht über die Insel. Dann wieder verbringt sie die Nächte mit kochen und backen und frittieren und braten. Und bringt das Essen dem empathischen Pärchen aus Österreich, die im Haus nebenan Urlaub machen oder dem Bildhauer, der auf der Insel lebt und der einmal zu ihr sagt, er selbst arbeite nur im Sommer. Im Winter lese er, besuche Freunde, gehe in Konzerte und schaue viel in die Luft. Er sagt: "Das ist das Wichtigste, das In-die-Luft-Schauen."

Sie schaue sogar oft in die Luft, antwortet Mara. Sie könne es nur nicht genießen. Es quäle sie. Sie fühle sich faul, jammert sie. Und der Bildhauer antwortet: Sie sei nicht faul, sie sei das fleißigste Mädchen, das er kenne. Was sie quält, seien ihre Vorstellungen von Produktivität, die denen der freien Marktwirtschaft ähnelten - grenzenloses Wachstum!

Mara könnte von diesem Bildhauer die Unproduktivität lieben lernen. Das Löcher-in-die-Luft-schauen. Das Baden und Kochen und übers Wetter reden, ohne sich faul zu fühlen. In anderen Worten: die Kunst des Urlaub-Machens. Die Schönheit, den Männern im grauen Anzug vom Amt zur Prüfung der Daseinsberechtigung zumindest sechs Wochen im Jahr einfach nicht die Tür zu öffnen, wenn sie klingeln.

Stattdessen lernt Mara Andrej kennen, einen Fotografen aus Hoboken, dessen Eltern von der Insel in die USA gezogen sind. Mara wird wieder zu einer Geschichtenerzählerin mit einer neuen Geschichte. Die Männer vom Amt zur Prüfung der Daseinsberechtigung wären sehr zufrieden mit ihr.

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  • Ruth Cerha:
    Bora

    Eine Geschichte vom Wind

    Frankfurter Verlagsanstalt;
    254 Seiten; 19,90 Euro.

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insgesamt 2 Beiträge
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vonundzualoch1 08.07.2015
1. Preispolitik
Bei der unverschämten Preispolitik ist es kein Wunder, dass immer weniger Menschen lesen. 20? für rund 250 Seiten sind eine Frechheit!
weltenbrand 08.07.2015
2. Urlaubsbuchverwandlung
Urlaubsbücher empfehlen ist ja schön und gut. Nur sorgt ein noch nicht verstandenes Phänomen dafür, das aus jedem noch so schlauen Buch am Strand ein dicker Wälzer mit Hammer und Sichel auf dem Cover wird und der Buchtitel mindestens einen griechischen Buchstaben enthält.... :)
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