Comic "Das Erbe" Tim und Struppi im Warschauer Ghetto

Verwirrt vom Intimleben und von Immobilienansprüchen: In ihrem Comic "Das Erbe" schildert Rutu Modan die Polen-Reise einer jungen Jüdin der Post-Holocaust-Generation - und das mit Humor und Zeichnungen wie von "Tim und Struppi"-Schöpfer Hergé.

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Rutu Modan/ Carlsen Verlag, Hamburg 2013

Im El-Al-Flug von Tel Aviv nach Warschau ist gerade das Essen serviert worden. Mit dicken Backen studiert Mikas Sitznachbar das Programm seiner Polenreise: "Montag Treblinka, Dienstag Majdanek inklusive der Gaskammern. Majdanek steckt Auschwitz in die Tasche. Ist viel grausiger." Dann wendet er sich Mika zu: "Wenn ihre Großmutter das Brötchen nicht isst, kann ich es dann haben?"

Vordergründig erzählt Rutu Modans Comic "Das Erbe" von der Auseinandersetzung der aus Polen stammenden Israelis mit ihren Wurzeln und die Geschichte vom Versuch der Rückerstattung rechtmäßigen Besitzes. Mika, eine junge Frau, reist mit ihrer über 85-jährigen Großmutter Regine nach Warschau. Nach dem Tod ihres Sohnes, Mikas Vater, möchte die alte Frau ihre Angelegenheiten ordnen. Das bedeutet vor allem, dass sie in Warschau den Anspruch auf Rückübertragung eines Hauses durchsetzen möchte, das ihrer Familie vor dem Zweiten Weltkrieg gehört hat und sie während der Besatzung Polens durch die Deutschen verkaufen musste, weil sie Juden sind - so hat sie es zumindest ihrer Enkelin erzählt.

"Das Erbe" ist voll von solchen nur halb richtigen Begründungen, von Täuschungen und Selbsttäuschungen: So, wie Regine Segal ihrer Enkelin nicht sagt, warum sie wirklich nach Warschau möchte, hat sie ihrer Familie über Jahrzehnte verschwiegen, wer der wahre Vater ihres Sohnes ist. Mika weiß von diesem Geheimnis, spricht darüber aber wiederum nicht mit der Großmutter. Dazu kommt in "Das Erbe" die herrliche Figur des aufdringlichen Avram Jagodnik, der sich als entfernter Bekannter der Familie vorstellt, sich angeblich rein zufällig im gleichen Flugzeug befindet und wiederum ganz eigene Motive hat. Und dann lernt Mika auch noch den jungen polnischen Comiczeichner Tomasz Novak kennen - es entwickelt sich ein Flirt bei dem Tomasz' Motive ebenso unklar sind wie die aller anderen Personen, mit denen Mika zu tun hat.

Mittelpunkt der Begehrlichkeiten

Sie ist der Mittelpunkt in diesem Reigen der großen und der kleinen Liebesgeschichten, der niederen Begehrlichkeiten und der höchst gerechtfertigten Ansprüche, deren Einforderung moralisch komplizierter ist als gedacht.

Umfangreiche Comics als Graphic Novel zu bezeichnen, ist modisch und wirkt manchmal ein wenig prätentiös - wenn es einen neuen Comic gibt, der alle Kategorien eines intelligenten und unterhaltsamen Romans erfüllt, dann ist es "Das Erbe" der 1966 geborenen israelischen Zeichnerin Rutu Modan, von der 2008 in deutscher Übersetzung bereits der Comic "Blutspuren" erschienen ist.

"Das Erbe" bietet plastische Individuen, eine Handlung, die reich ist an Überraschungen, und einen leichtfüßigen, humorvollen Umgang mit dem Ernst der Geschichte, der dabei doch nie effektheischend wirkt. In der Reihe der Comics, die sich mit den Verbrechen der Deutschen an den europäischen Juden auseinandersetzen, nimmt "Das Erbe" eine ganz eigene, reizvolle Position ein.

Dazu kommt, dass auch Rutu Modan sich als Erbin erweist: Ihr Zeichenstil ist so eindeutig an Hergé geschult, dass er in seinen klaren Linien, der liebevollen, klassischen Farbgebung und den detailreichen, mit hintergründigem Witz ausgestalteten Bildern wie ein zeitgenössisches Update eines "Tim und Struppi"-Abenteuers liest - statt nach Syldavien führt die Reise ins Warschauer Ghetto.

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