Neuer Thriller "In den Straßen die Wut" Als die Teufel tanzten in der Stadt der Engel

Los Angeles brannte: Ryan Gattis hat einen furiosen Thriller über die Rodney-King-Riots geschrieben, HBO will eine Serie daraus machen. Wer ihn liest, versteht, wie so etwas rund 25 Jahre später wieder passieren könnte.

AP

Sie heißt Lupe, ist 16 Jahre alt, trägt ein geliehenes Kleid und eine gestohlene Glock 17L. Ihre Mission: Rache für ihren Bruder Ernesto, der wenige Stunden zuvor ermordet wurde. Drei junge Männer wird Lupe umbringen - und ein Mädchen, das zufällig ins Kreuzfeuer gerät. Von Reue keine Spur: "Ich schieße und verfehle ihn. Ich schieße und treffe ein Mädchen. Ich schieße und ich treffe ihn ins Bein. Er fällt vom Zaun. Und ich lache."

Lupe ist eine chola, weibliches Mitglied einer Chicano-Gang, und sie ist "All Involved", wie es die Gangs nennen, voll drin. "All Involved", so heißt auch Ryan Gattis' Roman, der jetzt als "In den Straßen die Wut" auf Deutsch erscheint.

Und um gleich ein mögliches Missverständnis auszuräumen: "Wie ein Tarantino-Film" ist dieses Buch keineswegs, auch wenn der Verlag mit diesem Slogan Leser ködern möchte. Im Gegenteil: Gattis geht es nicht um kalkulierte Coolness und die artifizielle Verwirbelung popkultureller Referenzen, sondern um maximalen Realismus. Wenn bei Gattis jemand stirbt, tut es tatsächlich weh.

Der Leser soll fühlen, wie es wirklich war, damals 1992 in Los Angeles, als in der Stadt der Engel fast eine Woche lang die Teufel auf der Straße tanzten. Es waren die Tage nach dem Rodney-King-Urteil: Ausschreitungen in South Central und umliegenden Stadtteilen eskalierten in eine Orgie der Gewalt. Prügeleien, Plünderungen, Brandstiftungen, Morde - erst Nationalgarde und Armee brachten die Situation unter Kontrolle. Bilanz: 53 Tote, mehr als 2000 Verletzte, 11.000 Brände, fast ebenso viele Verhaftungen, Sachschaden eine Milliarde Dollar.

Wenn die Polizei der Lage nicht Herr wird, haben die Gangs carte blanche: "Die ganze Stadt ist ein riesiger Arsch, der gefickt werden will", tönt der Dealer Momo. Er wird in den blutigen Krieg zwischen Lupes Gang und einer rivalisierenden clica hineingezogen. Dramatischer Höhepunkt dieser Auseinandersetzung (und des Romans): der Überfall auf Lupes Haus, der zur entscheidenden Schlacht zwischen den Gangs wird.

Ein Panorama aus 17 Ich-Erzählern

Vor allem die Stunden des Wartens, der Ungeduld, der Angst, erzählt aus der Perspektive von Lupes Gang-Kumpel Sherlock Homeboy, geraten Gattis zu einem Meisterstück. Hier zeigt sich, wie genau er beobachtet, wie viel Gespür für Situationen er besitzt: "So warten wir also, so warten wir schon lange. Lu ist still und starrt aus dem Fenster, eine abgesägte Schrotflinte im Schoß. Sie hat inzwischen ein schön lila-blaues Auge. Am anderen Ende des Raums liest Fate ein Buch, The Concrete River von Luis J. Rodriguez, hört eigentlich nur auf zu lesen, wenn er eine Seite umblättert oder einen Schluck aus der Bierflasche nimmt, die zwischen seinem Stuhl und einer AK-47 steht, die er an die Wand gelehnt hat. Oso läuft auf und ab und passt auf, dass er nicht auf Apache tritt, der mitten im Zimmer flach auf dem Rücken liegt und schnarcht. So ruhig ist der. Die anderen beiden sitzen bloß auf ihren Stühlen rum und starren auf ihre Waffen."

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Sherlock Homeboy, Momo, Fate und Lupe gehören zu den insgesamt 17 Ich-Erzählern, aus deren Perspektive Gattis ein gewaltiges, gewalttätiges Panorama entstehen lässt. Die meisten von ihnen sind Gangmitglieder, aber auch ein Feuerwehrmann, eine Krankenschwester, ein Elitesoldat, ein Sprayer und ein obdachloser Vietnamveteran kommen zu Wort. Diese Vielstimmigkeit macht das Chaos in einer Stadt, die plötzlich unberechenbar wird, direkt spürbar.

Dabei behält Gattis stets den Überblick über sein Figuren-Netzwerk, jeder seiner Protagonisten bekommt eine eigene, unverwechselbare Stimme. Gattis' Ohr für Soziolekte und seine Einsicht in die Sozialgeographie einer Stadt erinnern an die New-York-Romane von Richard Price und die TV-Serie "The Wire", an der Price als Autor beteiligt war. Verlustfrei ins Deutsche übertragen lässt sich das alles nicht, aber Übersetzer Ingo Herzke hat seinen Job hervorragend erledigt.

Ryan Gattis erzählt zwar von einem Ereignis, das fast ein Vierteljahrhundert her ist. Seine Geschichte ist aber absolut zeitlos. Denn vor allem zeigt er uns, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, wie leicht sich Wut und Hass und Barbarei Bahn brechen können. Ob in South Central, Los Angeles, oder Ferguson, Missouri.

Die Authentizität des Romans lässt vermuten, dass Gattis dabei gewesen ist, als Teile von L.A. in Flammen aufgingen, doch tatsächlich war er damals erst 14 Jahr alt und lebte behütet in Colorado. Sein Buch basiert komplett auf Recherchen: Zweieinhalb Jahre lang war er in L.A. unterwegs, hat unzählige Gespräche geführt, auch mit den Gangmitgliedern von damals.

Ein enormer Aufwand, der sich gelohnt hat: "In den Straßen die Wut" ist nach zehn Jahren Pause der erste seiner Romane, der veröffentlicht wurde - und überhaupt der erste, der auf dem internationalen Markt platziert wird. Wie es aussieht, wird demnächst sogar eine TV-Serie aus Gattis' Buch: HBO hat die Rechte erworben und mit dem "Six Feet Under"- und "True Blood"-Schöpfer Alan Ball einen der Architekten des immer noch anhaltenden Serienbooms für die Umsetzung engagiert.



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insgesamt 2 Beiträge
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AliceAyres 03.02.2016
1.
Das klingt doch sehr vielversprechend. Ein bisschen wie Don Winslow meets James Ellroy. Und dass bei der Verfilmung Alan Ball mit im Spiel ist, birgt zumindest schon mal die Möglichkeit, wenn auch nicht die Garantie, dass es großartig wird.
verbal_akrobat 03.02.2016
2. Ich Zeitzeuge vor Ort
bin als junger Kerl den Highway One von Frisco oben runter gekommen und kann nur sagen dass es bei weitem nicht sooo schlimm war. LA ist groß.
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