S.P.O.N. - Der Kritiker Al-Dschasira der Wutbürger

Medien sind böse, Macht ist böse, Krieg ist böse, und nur er selbst ist gut - so schlicht denkt der linke Kulturbolschewist. Diesen Typus kann man derzeit in der "Kulturzeit" auf 3sat studieren, denn dort steht einer seiner Vertreter vor der Kamera.

Von


Die Sendung "Kulturzeit" ist ein Pflichttermin für linke, bornierte Kulturbolschewisten. Was das sind, Kulturbolschewisten? Sie sind antiamerikanisch, antikapitalistisch, antimodernistisch. Sie wedeln mit der Moral, sie sind machtbesessen und sie sind vor allem medienkritisch. Einige von ihnen arbeiten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Ernst Grandits zum Beispiel steht am Dienstagabend in den scheußlichen Kulissen des 3sat-Studios und trägt eine Moderation vor, die an Verdrehungen, Unterstellungen und Falschheit kaum zu überbieten ist. Es geht um Bernard-Henri Lévy, der nach Libyen fuhr und der sich beim französischen Präsidenten für Luftschläge stark machte, weil Menschen dort von einem verrückten Diktator bedroht werden. Da war mal eine Abreibung fällig.

Schon das Wort Philosoph bringt Grandits in Zusammenhang mit Lévy kaum über die Lippen, ohne sein Gesicht zu verziehen, als habe er auf einen modrigen Pilz gebissen. Lévy, sagt Grandits, sei Wiederholungstäter. "Zur Vorbereitung seiner Mission reiste Lévy nach Libyen", erklärt der TV-Journalist, womit er Ursache und Wirkung ordentlich durcheinanderbringt, "er ließ sich wirkungsvoll vor zerstörten Häusern fotografieren, die angeblich von Gaddafi-Truppen zu verantworten seien". Lévy selbst wird's wohl nicht gewesen sein.

Der größte Vorwurf aber ist, dass der französische Philosoph seine öffentlichen Auftritte nicht auf Zwergsendungen wie "Kulturzeit" begrenzt - Eitelkeit, das geht natürlich gar nicht, die ist jedem deutschen Intellektuellen, wie man weiß, ganz fremd. "Lévy ist eine Rampensau. Kaum sieht er eine Kamera, läuft er zu Hochform auf", sagt Grandits.

Man muss kein Sprachwächter sein, um das Wort Rampensau in Verbindung mit einem jüdischen Denker zumindest etwas ungeschickt zu finden. Mit Rampen kennt sich der Deutsche bekanntlich aus, aber geschenkt.

Dass Lévy Jude ist, das weiß Grandits natürlich - und es macht die Sache mit dem Libyeneinsatz ja spannend für jemanden, der nachdenken will, und auch ein klein bisschen kompliziert: Lévy und der jüdisch-stämmige Sarkozy helfen sechs Millionen Arabern. Interessant.

Aber Grandits will offenbar nicht nachdenken, zumindest will er nicht nachfragen, er scheint einfach sehr genau zu wissen, was er von der Welt zu halten hat: Medien sind böse, Macht ist böse, Kapitalismus ist böse, Krieg ist böse, nur er ist gut.

Die ganze Woche über haben Grandits und "Kulturzeit" gegen den Militäreinsatz polemisiert. Mit viel Geraune und wenig Argumenten rannten sie an gegen die "Scheinheiligkeit des Westens" und ließen dabei zum Beispiel die Frage unbeantwortet, ob es nicht nur unmoralisch gewesen wäre, den Rebellen die erhoffte Hilfe zu verweigern, sondern unmenschlich.

Und auch im Bericht über Lévy reihte sich ein Klischee ans andere, das offene Hemd, das Handy in der Hand, die ewige Eile, die Lévy offensichtlich zum schlechten Menschen macht. So unhöflich muss man erst einmal sein, jemanden noch dafür zu verhöhnen, dass er sich Zeit nimmt für einen Interviewtermin.

Was die "Kulturzeit"-Leute machen, ist Suggestivjournalismus und Verdachtsberichterstattung. In ihrem Politikverständnis sind sie der antiaufklärerischen Linken zuzurechnen, ihr Kulturverständnis ist noch bornierter als das der konservativsten Klassikfreunde. Sie misstrauen dem Neuen, sie engagieren sich nur für ihre eigenen Wahrheiten, sie haben einen linken Kanon geschaffen, der auf Beharren und Bewahren ausgerichtet ist. Sie sind so etwas wie die al-Dschasira der Wutbürger.

Ernst Grandits ist damit der Posterboy einer ganzen Schicht. Wer wissen will, warum sich die Kultur in diesem Land oft so feige und verlogen anfühlt, der muss einfach von Montag bis Freitag um 19.20 Uhr 3sat einschalten.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der Kritiker


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 146 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eugencluster 01.04.2011
1. Ernst Grandits hat Recht
im Gegensatz zu Ihnen, Herr Diez. Mir ist jeder linke "Kulturbolschwist" lieber als verkrampfte Neoliberale, die leider nicht verstanden haben, worum es in der Welt geht: Um Frieden, Gleichheit und Gerechtigkeit. Und das ist mit dem Kapitalismus sicher nicht zu schaffen.
avollmer 01.04.2011
2. Ungutes Gefühl
Zitat von sysopMedien sind böse, Macht ist böse, Krieg ist böse, und*nur er selbst ist gut - so*schlicht denkt der linke Kulturbolschewist. Diesen Typus*kann man derzeit*in der*"Kulturzeit" auf 3sat studieren, denn dort steht einer seiner*Vertreter*vor der Kamera. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,754376,00.html
Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen ebenfalls diese Sendung zu sehen und hatte mir schon die Frage gestellt ob es eine Schnittmenge von Redaktion und Westerwelles Beraterkreis gibt oder gar das Auswärtige Amt als Sponsor auftritt.
spon-tan100 01.04.2011
3. Hoppedietz Erwachen?
Also, mit Verlaub, Herr Dietz, den Kalauer mit der Rampensau hätten Sie sich besser verkniffen. Dann wäre Ihr unbändiger Zorn gegen den Herrn Grandits nicht gar so arg ausgefallen. Unter Verzicht auf eine Retourkutsche (wobei ich nicht weiß, ob ich Sie mit "Kutsche" verletzten könnte, was ich keinesfalls möchte), gebe ich bei aller eigener Kritik gerade an dieser einzelnen Sendung doch zu bedenken, dass Herr Grandits Sarajewo hinter sich hat. Das scheint zu prägen, und zwar so stark, dass auch mal etwas daneben gehen kann. Daraus nun ein Recht auf Globalschelte herleiten zu wollen, ist recht nahe bei der Geschichte von der Mücke und dem Elefanten.
IAdmitIAmCrazy 01.04.2011
4. Was hat das mit Al-Jazeera zu tun?
Ich bin ein bisschen langsam und schwer von capé: Bislang habe ich die englische Version von Al-Jazeera als journalistisch professionell gemachten Sender kennen gelernt, sicherlich nicht unbedingt israel-freundlich, aber z.B. während der Ägyptenkrise sicherlich am nächsten "dran". Al-Jazeera muss sich vor unseren öffentlich-rechtlichen nicht verstecken, und vor der Meinungsmache bei Fox News und MSNBC alle mal nicht. Was also haben der "Wutbürger" und Ernst Grandits mit Al-Jazeera gemein?
steinaug 01.04.2011
5. Guter Beitrag
Ein guter Beitrag. Diese Kritik trifft aber auf alle Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Propagandasender zu . Wo ist der Unterschied zwischen Tagesschau, Tagesthemen, heute, heute journal und der aktuellen Kamera ?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.