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S.P.O.N. - Der Kritiker: Mit dem Suterismus geht Europa unter

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Was einmal das Versprechen von welthaltiger Literatur war, ist jetzt steril wie eine Lufthansa-Lounge: Mit dem Erfolg von Martin Suter hat der Diogenes Verlag seinen historischen Auftrag erfüllt, die deutsche Literatur zu zerstören.

Was mit F. Scott Fitzgerald begann, der das Leben anfasste wie ein schönes, teures Kleidungsstück, endet mit Martin Suter, der dieses Kleidungsstück trägt wie ein Konfirmand seinen ersten Anzug. "Allmen und die Libellen" heißt das neue Buch, und sein großer Erfolg lässt sich eigentlich nur damit erklären, dass Suter Romane schreibt für Menschen, die keine Romane mögen.

Es schlottert und schlackert alles an diesem Buch, es klimpert und klackert das Dürrenmatte und das Chandlereske und das Simeonige nur so durcheinander, lustlos sortiert von einem Autor, der weiß, dass seine Leser nicht mit Genauigkeit genervt werden wollen.

Suter schreibt Männerliteratur. Er schreibt für die Männer in der Business Lounge, die Männer mit dem Tomatensaft, die Ernsten und die Entscheidungsträger, die wenig Zeit haben und sich mit dem flatterhaften Großwelt-Mix von Suter etwas Leichtigkeit schenken wollen. Sie wollen, dass dieser Allmen als Lebemann eine Pappfigur bleibt.

Sie wollen, dass die Stadt, in der Allmen lebt, aussieht wie Zürich aus Playmobil, sie wollen, dass die Erotik vage und fad bleibt, sie wollen, dass Geld vorhanden ist und die Holzvertäfelung im Zweifel dunkel. Sie wollen auch, dass sie dieser "Krimi" nicht durch Spannung belästigt.

Sie wollen ein Buch, das so wenig Buch ist wie möglich. Sie könnten ja auch schlafen. Jetzt lesen sie halt. Aber eben nichts Dickes von Crichton oder Follett, sondern das Buch mit dem guten cremefarbenen Umschlag, das Buch, das zeigt, dass man teuren Rotwein dekantieren kann und Somerset Maugham nicht für einen Urlaubsort an der südwestenglischen Küste hält.

Das Cremefarbene formte eine Gemeinde

Der Umschlag war einmal das Diogenes-Versprechen: Wir lesen vielleicht nicht Foucault, wir wissen aber, dass Patricia Highsmith mindestens so viel von Sex und Macht verstand. Wir halten Luhmann nicht für einen Fußballspieler und lassen uns trotzdem eher von Balzac erzählen, wie die Gesellschaft funktioniert. Wir waren auch schon mal im Club Med, trotzdem lieben wir W. Somerset Maugham dafür, wie er uns das Ferne und Exotische beschreibt.

Das Cremefarbene formte eine Gemeinde, es gab einen Code vor oder wenigstens den Anschein der Qualität, lange bevor Manufactum das Wort Qualität diskreditierte. Damit ist es vorbei. Was wie ein Klassiker aussieht, enthüllt bei Suter nur noch Klischees. Was mal die Mischung aus Klugheit und Unterhaltung war, ist bei Suter schlampige Sinnlichkeit plus schrumpelige Schrulligkeit plus Räuberpistole plus Dekor. Was mal das Versprechen von welthaltiger Literatur war, ist luftleer wie eine Lufthansa-Lounge. So ein Suter-Buch sagt nichts aus, über die Welt, in der Suter lebt oder in der wir leben. Es ist sozialfrei. Es zielt an allem vorbei, was etwa ein Autor wie W. Somerset Maugham schaffte, das große Vorbild Suters.

Ein paar Sätze nur, die kürzeste Geschichte von Maugham, der ja auch Diogenes-Autor ist, und sofort entsteht aus einer direkten, einfachen Sprache das Bild einer Gesellschaft, die ihren eigenen Untergang schon hinter sich hat. "Das Van Dorth Hotel in Singapur war keineswegs großartig." Warum so ein Maugham-Satz stimmt? Weil er eine Beziehung zur Wirklichkeit hat. "Das graue Licht machte alles flach und leblos." Warum so ein Suter-Satz nicht stimmt? Weil er pudrig und erfunden ist.

Aber das ist der Suterismus. Er hat das Gespür dafür, dass auch wir einen Untergang erleben, dass auch unsere Gesellschaft auf einer Schwelle steht, dahinter wartet eine andere Welt mit anderen Gesichtern und anderen Geschichten. Bei Maugham ging England unter, bei Suter ist es Europa.

Sein Problem: Er macht nichts aus seinem guten Instinkt. Suter täuscht Welt nur an. Er spielt sie uns nur vor. Er tut nur so, als wisse er, wovon er erzählt.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 43 Beiträge
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1. Jetzt lesen sie halt
pcn 28.01.2011
Lieber Herr Diez, wunderbar! Vielen, vielen Dank!
2. .................
lis, 28.01.2011
Zitat von pcnLieber Herr Diez, wunderbar! Vielen, vielen Dank!
Ich schliesse mich dem Dank an - nachdem ich schon dachte, ausser mir fände niemand Suter a) langweilig und b) völli verschmockt. "Der letzte Weynfeldt" war mein erstes und wird mein letztes Suter-Buch bleiben. Es taugt eher als Möbelkatalog denn als Roman.
3. Suter und die Beliebigkeit
der_Pixelschubser 28.01.2011
Dass man Suter jetzt eine gähnende Beliebigkeit vorwirft, kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Der Mann ist ganz sicher nicht angetreten, die Welt zu retten. Verschleißerscheinungen sind bei jedem Autor, den ich kenne, bisher aufgetreten; es ist in dieser Berufsgruppe halt nicht so wie bei einem guten Wein, der im laufe der Zeit immer besser wird, nein, hier setzt sich recht früh schon der Literarische weinstein ab und das Glas bekommt einen leicht trüben Charakter. Das ist bei Suter wie bei etlichen anderen, egal, ob es jetzt vermeintlich höhere Belletristik ist oder Abenteuerromane, der Schriftsteller nutzt sich im Laufe der Zeit ab. Nennen Sie mir doch einen Autor, der tatsächlich im Laufe der Jahre besser geworden ist! Mag sein, dass Martin Suter einmal schrieb, weil er etwas mitzuteilen hatte. Mag sein, dass er heute schreibt, weil er seine Brötchen verdienen muss. Aber ich behaupte, das ist der Lauf der Dinge und die Chance für vielversprechende junge Autoren, die ein genauso großes anfängliches Mitteilungsbedürfnis haben.
4. Wie originell: Ein -ismus
uksub 28.01.2011
Schlimmer als der Untergang Europas, den ich nun schon seit einem halben Jahrhundert mitverfolge (der aber, wie man mir versichert, schon viel früher begann), ist womöglich die plötzliche Konfrontation mit der Attitüde eines Kritikers, der meint, Übertreibungen und selbstverliebte Effekthascherei in hübsch literarisch getarnten Phrasen verstecken zu können. Und inhaltlich: Nein - ich stimme Ihnen nicht zu.
5. Qualität
Daniel FR, 28.01.2011
Inwiefern hat eigentlich Manufactum das Wort Qualität diskreditiert? Das würde mich wirklich mal interessieren. Alles was ich jetzt weiß, ist, wie Georg Diez Suter findet. Über Suters Schreibe habe ich nichts erfahren. Man könnte sagen: Was einmal das Versprechen von welthaltiger Kritik war, ist jetzt luftleer wie der Weg zum Mond.
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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