Heimat-Western "Tango für einen Hund" Heidekraut-Cowboys

Sabrina Janesch hat bisher die deutsch-polnische Vergangenheit literarisch beleuchtet. Nun schickt sie in einem "Tschick"-Verschnitt einen 17-jährigen Jungen samt Onkel und Hirtenhund durch die niedersächsische Prärie.

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Eigentlich ist ja alles nur ein Film. Zumindest für den 17-jährigen Ernesto, der den Namen von Comandante Che Guevara trägt. Das Setting: plattes Land, trostlose Prärie. Mittendrin: der faltige Sklaventreiber Texas Joe. Als Soundtrack erklingt im Hintergrund leises Western-Geklimper, es quietscht die Mundharmonika.

Allein: Ernestos Nachname lautet Schmitt, seine Heimat sind nicht die Südstaaten, es ist die norddeutsche Tiefebene. Hier stehen Bauernhäuser statt Ranches, man wohnt im Gladiolenweg, nicht am Highway. Und Texas Joe hört eigentlich auf den Namen Joachim Niendorf, er ist Landschaftspfleger und spricht Plattdeutsch. Sabrina Janeschs Roman "Tango für einen Hund" hat bereits den Stempel "Heimat-Western" abbekommen, es blüht darin dürres Heidekraut anstelle von Kakteen.

Semmenbüttel heißt der Ort des Geschehens, es dürfte sich um die fiktive Version von Janeschs Heimatstädtchen Gifhorn handeln. In Semmenbüttel gibt es gerade mal "einen Haufen Strommasten und einen Kirchturm und eine Tangente, auf der aber nie ein Auto zu sehen ist". Doch selbst mitten im niedersächsischen Nirgendwo wimmelt es nur so von Greenhorns und Desperados, Gauchos und Gringos. Zumindest in Ernestos Augen.

Laub harken statt Kamera schwenken

Der hat sein Abitur frisch in der Tasche, nun soll der Weg an die Filmhochschule führen. Die erste Runde ist schon überstanden, der Titel des Bewerbungsfilms steht fest: "Über Land". Um Argentinien soll es gehen, das weiß Ernesto schon genau. Die Dinge stünden gut, wären da nur nicht zweihundert Stunden Sozialdienst abzuleisten, bei Niendorf, alias Texas Joe. Laub harken statt Kamera schwenken. Und alles nur, weil Ernesto den Held spielen wollte. Die Schuld von Frida nehmen, der wunderschönen Frida mit ihrem hellblonden, gewellten Haar und den braungebrannten Beinen. Dabei hatte sie beim Rumturteln mit Jens den brennenden Joint ins Mehl geworfen und die Explosion in der Mühle verursacht. Nun büßt Ernesto dafür, und der Sommer ist praktisch gelaufen.

Der dritte Roman von Sabrina Janesch, Jahrgang 1985, beginnt mit einem heranwachsenden Außenseiter und seiner Schwärmerei für das unerreichbare Mädchen. Ganz wie Wolfgang Herrndorfs Riesenerfolg "Tschick" aus dem Jahr 2010. Die Parallelen zwischen beiden Werken enden damit noch lange nicht. Auch bei Janesch entspinnt sich aus heiterem Himmel eine Road Novel durch die deutsche Provinz, samt verschrobenen Einsiedlern und abenteuerlichen Wendungen.

Denn Ernestos Onkel Alfonso aus Buenos Aires steht plötzlich vor der Tür, und mit ihm der uruguayische Hirtenhund Astor. Auf der Hundeausstellung in Bad Diepenhövel soll das Riesenvieh Schönheitskönigin werden, so will es der exzentrische Besitzer. Es bleiben drei Tage für die Reise quer durch Niedersachsen, und ein uralter, orangefarbener Fiat Panda.

In ihren ersten beiden Romanen hatte Sabrina Janesch noch das deutsch-polnische Verhältnis beleuchtet, zwei junge Frauen in ihren leidvollen Familiengeschichten wühlen lassen. Preise und viel Lob brachten "Katzenberge" und "Ambra" der Autorin ein, auch durch Günter Grass. Nun folgt ein locker-leichter Entwicklungsroman, der zwar das Thema Demenz streift, zumeist aber unbeschwert daherkommt. Erstaunlicherweise entfaltet sich Janeschs Witz dort am besten, wo kaum etwas geschieht.

Eine Greisin, eine Moorleiche, ein halbes Krokodil

Wenn rumgegammelt und Platt geschnackt wird und Ernesto als Ich-Erzähler von seinem Alltag in der Provinz berichtet, auf wunderbar trockene Art, dann erwachen sie alle zum Leben: das greise Fräulein Mettmann im Altersheim, die stupsnäsige Moorleiche Swantje und ein halbes ausgestopftes Krokodil namens Baby. Auch Ernestos Familie mit ihrem komplexen diplomatischen Gefüge: "Ein bisschen wie bei den Vereinten Nationen, nur mit weniger Leuten. Das Ganze ist extrem zerbrechlich und funktioniert nur, wenn sich alle schön an die Charta halten. Und der Inhalt der Charta lautet: Fresse halten."

Glaubhafter als Janesch hätte auch kein männlicher Autor aus Ernestos Sicht berichten können. Man spürt ihren unbändigen Spaß daran, in die Rolle des schnoddrigen Helden zu schlüpfen. Unendlich lässig gibt sich der, ist dabei aber zutiefst gutmütig. Janeschs Sprache fängt seinen Jargon ein, ohne aufgesetzt zu wirken. Hier reibt sich ein junger Mann und verkannter Künstler an tumben Provinz-Gestalten, an einer geordneten Welt, in der jedes Wildschwein eine Nummer hat und jeder zweite Lebenslauf bei VW zu enden droht.

Die lange Fahrt im Fiat und all ihre verwegenen Volten wären gar nicht nötig gewesen, ein Verweilen in Semmenbüttel hätte angesichts von Janeschs entlarvender Beobachtungsgabe letztlich wohl den größeren Spaß bedeutet. "Tango für einen Hund" wäre dann weniger Tschick-Verschnitt geworden und noch mehr "Roman noir" aus dem deutschen Flachland.


Buchangaben:
Sabrina Janesch: "Tango für einen Hund". Aufbau Verlag, Berlin; 304 Seiten; 19,95 Euro.

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LJA 23.07.2014
1. Ach du meine Güte !
Da fühlen sich jetzt aber die Redakteure aus Hamburg und Berlin so richtig bestätigt, was ihr Bild von Niedersachsen anbelangt. Hätte man nicht noch ein paar mehr Vorurteile reinpacken können ? Inzest zum Beispiel ? Und das eine Karriere bei Volkswagen zu enden "droht" ist wirklich entsetzlich. Da kann sich der Großstädter wohl nichts schlimmeres vorstellen (Schauder).
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