Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sachbuch-Phänomen Ernährung: Möhrenmord und Mangos aus dem Müll

Von

Vegetarisch, vegetarischer, Frutarierin: Karen Duve verzichtet im Selbstversuch erst auf Hähnchen, dann auf Karotten. Doch kennt sie auch Freeganismus und Omnivoren-Dilemma? Ein Blick auf neue Ernährungs-Bücher zeigt: Fast so wichtig wie Essen ist, beim Essen zu denken.

Ein Schaf kommt in die Küche: "Das, äh, ist ja bestialisch" Zur Großansicht
Corbis

Ein Schaf kommt in die Küche: "Das, äh, ist ja bestialisch"

Das Wort "Frutarier" hörte Karen Duve erstmals in dem Film "Notting Hill". Hugh Grant unterhält sich mit einer Frau, die keine Karotten essen möchte - aus Gewissensgründen. "Ermordet ... die armen Möhren, das, äh, ist ja bestialisch" erwidert Grant. "Ich musste sehr lachen" schreibt Duve. Doch am Ende ihres neuen Buchs "Anständig essen" (Galliani) ist sie selbst ein paar Monate lang Frutatierin.

"Anständig essen" ist ein Selbstversuch. Es beschreibt den Weg, den die Schriftstellerin Duve, bekannt durch Romane wie "Taxi" und "Dies ist kein Liebeslied", zurücklegt, als sie anfängt sich für die Frage zu interessieren, wo ihr Essen herkommt und welchen Preis andere Lebewesen dafür zahlen.

Jahrzehntelang war ihr das ziemlich egal. Sie ernährte sich von Cola light, Haribo und der "Hähnen-Grillpfanne" aus dem Rewe-Supermarkt. Preis 2,99 Euro. Erst ihre Mitbewohnerin, im Buch zu Beginn das personifizierte schlechte Gewissen, weist darauf hin: "2,99 für ein ganzes Huhn lässt auf verbrecherische Grausamkeit schließen". Duve beginnt ein zehn Monate dauerndes Experiment: Zuerst ernährt sie sich von Bioprodukten, dann vegetarisch, dann vegan (gar keine tierischen Produkte) und zuletzt frutarisch. Weltweit, schätzt sie, gibt es nur etwa tausend bis 10.000 bekennende Anhänger dieser radikalen Form, beim Essen auch auf Obst und Gemüse Rücksicht zu nehmen: Frutarier ernähren sich pflanzlich, essen dabei aber nur jene Pflanzen, die bei Ernte nicht zerstört werden, dazu gehören Äpfel, Getreide - aber kein Wurzelgemüse. Also auch keine Karotten.

Kurz nach dem Dioxinskandal, kurz vor der Grünen Woche in Berlin, anlässlich derer Umwelt- und Bioanbauverbände zu einer Großdemonstation gegen "Gentechnik, Tierfabriken, Dumping-Exporte" aufgerufen haben, scheint Duves Buch einen Nerv getroffen zu haben. Es schoss auf Platz vier der Bestsellerliste, 40.000 Exemplare sind schon verkauft, die zweite Auflage ist in Druck. Karen Duve hat ein kurzweiliges und informatives Buch über ein kompliziertes Thema geschrieben. "Anständig essen" liest sich wie ein Unterhaltungsroman.

Im Tonfall und in der erweiterten Thematik unterscheidet es sich grundsätzlich von Jonathan Safran Foers "Tiere essen" (Kiepenheuer & Witsch), in dem der New Yorker sich mit großem Ernst und unterschwelligem Pathos auf die Grausamkeit der Massentierhaltung und die zahlreichen Pannen der Schlachthöfe konzentriert. Duve erwähnt Safran Foer in ihrem Buch, als die "Bild"-Zeitung unter Verweis auf "Tiere essen" die These aufstellt, "jeden Tag ein Steak birgt kein Risiko." Duve kommentiert: "Als ginge es nicht um die Brutalität der Massentierhaltung, sondern um den Cholesterinspiegel."

Müll-Lassi für die Hochzeitsparty

Die Entscheidung, wie wir uns ernähren, hat nicht nur moralische Dimensionen, sie hat auch mit unserer Gesundheit zu tun, vor allem aber mit den Gefühlen, die mit Lebensmitteln verknüpft sind. Kaum jemand dürfte beim Genuss einer Currywurst an gequälte Schweine denken, an Krankheiten, die mit Junk food einhergehen können, sondern eher an die Romantik von Imbissbuden, den Charme des Bodenständigen. Die positiven Bilder, mit denen wir unser Essen verknüpfen, sind allzu oft Selbstbetrug. Duve zitiert beiläufig Hannah Arendt: "Die größten Verbrecher sind die, die das Denken verweigern."

Zu den Autoren, mit denen sich Jonathan Safran Foer in "Tiere essen" auseinander setzt, gehört der Kalifornier Michael Pollan. Jetzt erscheint sein Bestseller "Das Omnivoren-Dilemma" (Goldmann Arkana) auf Deutsch. Es geht, so der Untertitel, um die Themen " wie sich die Industrie der Lebensmittel bemächtigte und warum Essen so kompliziert wurde." Der Titel klingt kryptisch, nachvollziehbarer ist er im amerikanischen Original; in den USA nennt man Fleischfresser carnivores und Allesfresser omnivores. Safran Foer wirft Pollan vor, er ginge "nicht so weit, sich ernsthaft mit der Schlachtung zu beschäftigen. Lieber wägt er die ethischen Probleme aus sicherer, abstrakter Entfernung ab. (...) Das kommt mir wie eine Mischung aus Halbwahrheit und Ausflucht vor."

Gegen Ende seiner Recherche allerdings erlegt Pollan persönlich ein Wildschwein und ist dabei, als es zerteilt wird. Er ist kein Vegetarier, sondern attestiert den Amerikanern eine nationale, von Diäten und Fertignahrung geprägte Ess-Störung, im Zuge derer man das Wissen über den Ursprung der Nahrungsmittel verloren habe. Pollans Ideale entsprechen in etwa denen von Slow food, seine Zielgruppe sind Leser, die überhaupt nicht mehr wissen, was genau im Essen drin ist.

Eine sehr gründliche Aufschlüsselung derartiger Zutaten liefert Hans-Ulrich Grimms "Die Ernährungsfalle" (Heyne). Das Buch ist ein Nachschlagewerk, es erläutert alphabetisch geordnet die zahllosen harmlos klingenden Zusatzstoffe in industriell bearbeiteter Nahrung: Warum Carrageen in der Sahne im Verdacht steht, Krebs zu fördern, was "modifizierte Stärke" ist und warum man sie besser meidet, warum Kinder nicht mehr als vier "farbige Schokolinsen" am Tag essen sollten. Grimms Tonfall ist so sachlich, dass es möglich ist, den Eintrag über Geflügelzucht zu lesen und dabei ein Hühnchen zu essen.

Andernfalls bliebe wohl nur der Weg zum Mülleimer. Wie viel aber die Masse der Lebensmittel, die in der westlichen Welt alltäglich weggeschmissen hat, mit Umweltzerstörung, Hunger und Ungerechtigkeit zu tun hat, erklärt Tristram Stuarts "Für die Tonne" (Artemis & Winkler).

Stuart ist ein Phänomen. Aus der Freeganer-Bewegung kommend (das sind Leute, die unter anderem brauchbaren Abfall verwerten), schafft er es, das spröde Thema Essenreste mit viel Schwung zu beleuchten. Stuart scheint jede Londoner Abfalltonne zu kennen. Leidenschaftlich erzählt er, wie er selbst seine Mutter zum Freeganismus bekehrt, als er 20 Kisten "der reifsten, großartigsten" Bio-Mangos im Abfall eines Ladens entdeckt und daraus im großen Stil Mangolassi für eine Hochzeitsparty macht.

"Manchmal wünschte ich, ein Hackbraten wäre wieder ein Hackbraten"

Nicht Asphalt und Beton seien "die größten Eindringlinge" in das Ökosystem der Erde, schreibt Stuart, sondern Felder. Die beinahe eine Milliarde unterernährter Menschen auf der Welt könnten mit "einem Bruchteil der Nahrungsmittel satt gemacht werden, welche die reichen Länder momentan wegwerfen."

Viele dürften schon mal über die alte Ermahnung nachgedacht haben, wonach man selbst den Teller nicht leer esse, während doch in Afrika Kindern hungerten - und zu dem Schluss gekommen sein, dass da kein Zusammenhang bestehen könne. Schließlich ist es relativ sinnlos, die Reste des eigenen Käsebrots in Krisengebiete zu schicken. Stuart weist nach, dass die Zusammenhänge, wenn auch auf höherer Ebene, durchaus vorhanden sind: Weil wir uns an allzeit gefüllte Regale, an makelloses Obst und Gemüse gewöhnt haben, weil Supermärkte und Restaurants fürchten, dass ihr Umsatz einbricht, wenn sie nicht alles jederzeit vorrätig haben, muss viel mehr produziert werden als wir brauchen.

Dass vor allem der Westen vom Weltwirtschaftssystem profitiert und damit auch vom Hunger in den armen Ländern, erklärt Jean Feyder in "Mordshunger" (Westend). Am Beispiel Ghanas zeigt er zum Beispiel, welchen verheerenden Einfluss die Zunahme der Hähnchenexporte aus den EU-Ländern nach Westafrika auf die Geschäfte ghanaischer Geflügelzüchter hat; und wie die Liberalisierung des Weltmarktes ghanaische Tomatenzüchter in den Ruin trieb und es den Europäern erlaubte, den Markt zu übernehmen. 20 Prozent der Tomatenkonzentrat-Exporte aus der EU gehen nach Westafrika.

Der größere Teil der Öffentlichkeit dürfte derartige Zusammenhänge nicht wahrnehmen oder spätestens bei der nächsten Pizza verdrängt haben. Doch gibt es auch ein Ernährungsbuch für Einsteiger, das es schwer macht, zu behaupten, man habe weder Zeit noch die nötigen freien intellektuellen Kapazitäten sich mit dem Thema zu befassen: "Pizza globale" (Econ) von Paul Trummer. Fast wie in einem Kinderbuch erklärt Trummer die Zusammenhänge und Folgen der Nahrungsmittelproduktion an Hand einer Pizza (zum Beispiel, dass verarmte Afrikaner zu Sklaverei-ähnlichen Bedingungen Tomaten in der EU ernten), stellt klare Ernährungsrichtlinien auf und plädiert mit einem Zitat aus Michael Pollens "Omnivoren-Dilemma" für möglichst wenig industriell verarbeitete Lebensmittel: "Essen Sie nichts, was ihre Urgroßmutter nicht als Lebensmittel erkannt hätte."

Karen Duve bieten derartige Gewissheiten früherer Zeiten keinen Trost: "Manchmal wünschte ich, ein Hackbraten wäre wieder ein Hackbraten, und ein Grillfest ein großes Vergnügen", schreibt sie. Doch so einfach ist es nicht mehr - dafür weiß sie mittlerweile zu viel. Als ihr frutarisches Experiment zu Ende geht, beschließt sie: Kein Fleisch aus Massentierhaltung mehr. Nur noch zehn Prozent von dem, was sie früher an Fisch und Milchprodukten konsumiert hat. Vielleicht umarmt sie auch mal einen Baum.

Die Mitbewohnerin, der Duve ihren Sinneswandel verdankt, hätte so viel Konsequenz nicht für nötig gehalten - das Fazit des Buchs bleibt ihr überlassen: "Totaler Hippie. Völlig verstrahlt..."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ein ...
Miguel, 20.01.2011
absolut gelungener artikel ! es wird wieder eine menge menschen geben, denen die gelieferten informationen als zu oberflächlich, oder gar nicht vorhanden im gedächtnis verbleiben. wichtiger ist für mich, das hier relativ viele einflüsse in kompakter form beleuchtet werden und zudem einige sehr interessante anregungen geschaffen wurden, sich weiterbildend über die genannten quellen zu bedienen. nochmal - es gibt scheinbar doch noch hoffnung für den spiegel ;) !
2. Nur Pflanzen die bei der Ernte nicht zerstört werden...
Roana, 20.01.2011
Getreide? Nicht zerstört?
3. ...
faustjucken_tk 20.01.2011
Interessiert mich alles nicht. Das ständige Geschwafel dieser Gesundheitsaposteln über richtige Ernährung und Lebensweise ist doch nichts weiter als hysterisches Missionieren zu neuen Ersatzreligionen.
4. Doch doch
matthias_b. 20.01.2011
Zitat von RoanaGetreide? Nicht zerstört?
Hab mich auch zuerst gewundert, aber es sind ja einjährige Pflanzen, die zur Ernde schon trocken sind. Man isst deren Kinder. Die Kinder!
5. Naja,
JEW-T 20.01.2011
Zitat von RoanaGetreide? Nicht zerstört?
wenn man Getreide nicht 'zerstört' -aufschließt sagt der Chemiker, backen oder kochen der Normalbürger-, kann der menschlich-omnivorische Magen-Darmtrakt es halt nicht verdauen und bekommt Durchfall davon... Deshalb ist die Bevölkerungskurve auch erst mit der Entdeckung der Geheimnisse des Ackerbaus, der Zubereitung der Grassamen und der dadurch vermittelten Ernährungssicherung angestiegen. Mit den Folgen kämpfen wir seit Beginn des Jahrhunderts (mindestens), sie nennt sich 'die segensreiche Überbevölkerung', auf veganisch... Wir haben also das Problem der Nahrungssicherheit gegen ein anderes eingetauscht. Ansonsten: Klasse! Mann / Frau im fortgeschrittenen Erwachsenenstadium, auch midlife crisis genannt, entdecken ganz plötzlich, daß Hähnchenbollen nicht an Sträuchern wachsen, und Würste nicht an Bäumen, und das Entsetzen darüber macht sie zu Gutveganmenschen. Und der schlechte Rest der Menschheit muß zur Strafe für's Schlechtsein jetzt die Bücher lesen. Pööse Welt ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Buchtipp

Tristram Stuart:
Für die Tonne

Wie wir unsere Lebensmittel verschwenden.

Artemis & Winkler; 381 Seiten; 19,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.


Buchtipp

Michael Pollan:
Das Omnivoren-Dilemma

Wie sich die Industrie der Lebensmittel bemächtigte und warum Essen so kompliziert wurde.

Goldmann Wilhelm; 608 Seiten; 14,99 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Buchtipp

Hans-Ulrich Grimm:
Die Ernährungsfalle

Wie die Lebensmittelindustrie unser Essen manipuliert - Das Lexikon.

Heyne Verlag; 527 Seiten; 19,99 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.


Buchtipp

Jean Feyder:
Mordshunger

Wer profitiert vom Elend der armen Länder?

Westend; 336 Seiten; 24,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Buchtipp

Karen Duve:
Anständig essen

Ein Selbstversuch.

Galiani Verlag; 335 Seiten; 19,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: