Sachbuch-Phänomen Selbermachen Ich bastel mir 'ne Wurst

Gärtnern in der Stadt, Motorräder selbst reparieren, Omas Rezepte nachkochen oder Lavendelseife herstellen - Do-it-Yourself erlebt einen neuen Boom. Und der schlägt sich auch auf dem Sachbuchmarkt nieder: eine ganze Reihe Neuerscheinungen beschäftigt sich mit den Neo-Handwerkern.

Wurstmacher Wilhelm Blatzheim: Jung geschlachtete Tiere schmecken besser
Draksal Fachverlag

Wurstmacher Wilhelm Blatzheim: Jung geschlachtete Tiere schmecken besser

Von


Einer wie Matthew Crawford riecht nach Schmieröl und Benzin, die Hände dauerhaft schmierig-schwarz. Er ist promovierter Philosoph, Wissenschaftler an der University of Virginia. Und Motorradmechaniker. Elektriker auch. Ein Frickler, der eines Tages feststellte, dass er keinen Sinn darin sieht, Abstraktes, nicht Greifbares zu produzieren. Die moderne Wissenschaft - "wirklichkeitsfern". Die Lampen brennen, der Motor schnurrt, also sei etwas objektiv feststellbar gelungen, findet er.

Crawfords These lautet: "Ich schraube, also bin ich". Mit dieser von René Descartes entlehnten Wendung ist die deutsche Fassung seines wunderbaren Buchs überschrieben, in dem er "vom Glück" erzählt, "etwas mit den eigenen Händen zu schaffen". Machen, nicht Denken wie bei Descartes, ist für ihn das entscheidende Moment der Selbsterkenntnis. Es ist also ganz offensichtlich kein Schrauber-Buch, auch wenn Crawfords Motorräder und ihre Einlassstutzen als Argumentationshilfe immer wieder vorgefahren werden. Eher ein kulturgeschichtliches Sinnieren über die derzeitige wundersame Regression der westlichen Gesellschaften ins Vor-Computerzeitalter. Damals, als alles noch handgemacht war.

Ich mache mir die Welt

Dass die neuen Selbermacher unter dem Kürzel DIY, "Do It Yourself", in den vergangenen Jahren einen regelrechten Industriezweig aus dem Boden gestampft haben, wundert Crawford nicht. Gerade in weltumspannenden Krisenzeiten besinnt man sich schließlich aufs Vertraute: Den Rückzug aufs Lokale als Anti-Globalisierungsbewegung, den man allerorten bemerkt, überträgt er schlauerweise auf die Warenwelt. Es gehe schlicht darum, Übersichtlichkeit wiederherzustellen, erklärt er, die Dinge, mit denen wir uns umgeben, zu entmystifizieren. Mit anderen Worten: sie selber zu machen. Und schon, so Crawfords Argumentation, wirkt die Welt beherrschbar: Ich habe sie schließlich selbst gemacht.

"Hab ich selbst gemacht" heißt konsequenterweise auch das Selbsterfahrungsbuch von Susanne Klingner. "Vielleicht suchen Menschen Erfüllung im Selbermachen, weil sie sie im Konsum nicht finden", überlegt sie, auf der Suche nach einem Grund für die DIY-Welle. Und legte selbst Hand an: Ein Jahr lang hat die Journalistin Cocktailkleider geschneidert, Lavendelseife hergestellt, ein Küchenregal geschraubt - und ansonsten sehr viel gegärtnert, gekocht, gebacken.

Ihre 66 Projekte beschreibt die Autorin, als seien es Abenteuer von Rüdiger Nehberg - aber immerhin: Es sind, anders als bei Crawford, handfeste Anleitungen einzelner Arbeitsschritte, und die sind wirklich mehr als ausführlich.

Wegen des mitunter arg mädchenhaften Tonfalls wird dabei nicht ganz klar, ob Klingner sich über diese Welle lustig macht - immerhin hat sie das neofeministische Buch "Wir Alphamädchen" mit verfasst - oder ob sie einfach nur fasziniert ist und ernsthaft versuchen wollte, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen. Und dabei eben einen mädchenhaften Ton anschlägt.

Auf dem Virtualienmarkt

Auf alle Fälle spiegelt Susanne Klingners Buch auf sehr persönliche Weise jenes Bedürfnis, das schon Matthew Crawford immer wieder zu seinen Motorrädern zurückkehren lässt; das andere dazu bringt, ihre Bürojobs an den Nagel zu hängen, um fortan ihr Glück an der Werkbank zu suchen, Klebepistole und Schleifmaschine im Anschlag, wie die Händler auf Online-Plattformen wie Etsy oder Dawanda. Sie alle sind geprägt von einer Arbeitswelt, in der viele nur noch für den Virtualienmarkt produzieren. Handfestes ist Mangelware.

In der Tat ist rund um die Do-It-Yourself-Bewegung mittlerweile eine ganze Branche aus Neo-Handwerkern entstanden. Es gibt Internetseiten mit Videos, die den Zuschauer Schritt für Schritt zum selbst geschliffenen Kettenanhänger führen genauso wie neu gegründete Magazine für die Handarbeiter der Facebook-Generation wie das liebevoll gestaltete "Cut"; sogar "Fräulein", das neue Frauenmagazin für die Berlin-Mitte-Avantgarde, bietet Schnittmuster und Omas handgeschriebene Rezepte.

Nichts für Hanswurst

Teils wird das DIY-Prinzip gar zur Lebenseinstellung: Urbane Selbstversorger-Modelle blühen allerorten. Wie das von Marco Clausen und Robert Shaw, die auf einer Brache in Berlin-Kreuzberg eine Art urbanen Landwirtschaftsbetrieb hochgezogen haben, bei dem jeder mitmachen kann: Ihr Prinzessinnengarten ist längst zur Marke geworden. Den passenden Sammelband zum Selbergärtnern gibt es natürlich auch schon. Doch Vorsicht, in "Urban Gardening", herausgegeben von Christa Müller, finden sich keine handfesten Tipps zur Aussaat von Kürbissen oder dem Aufbau eines Tomatenbeets. Müller ist Soziologin und Geschäftsführerin der Münchner Stiftung Interkultur - und der Band, kaum verwunderlich, eher ein gesellschaftspolitisches Begleitbuch zur Stadtacker-Bewegung: Globalisierungsabkehr, Revival des Lokalen, Ressourcenschonung, das Theoriefeld ist gut bestellt. Am ehesten ist "Urban Gardening" ein fundierter Ratgeber für alle, die auch darüber nachdenken, ein Gartenprojekt à la Prinzessinnengarten in ihrer Stadt aufzuziehen, generationen- und kulturenübergreifend. Mit Praxisbeispielen aus anderen Ländern als Schnittmuster fürs eigene Projekt. Schweiß rinnt hier nicht, die Nägel bleiben sauber.

Dann vielleicht doch lieber ganz praktisch, mit beiden Händen tief in die Materie greifen. Und Wurst machen zum Beispiel, wie es Wilhelm Blatzheim, ein freundlicher älterer Herr mit blauer Schürze vorm Bauch, in "100% Wurst" vorschlägt. In der Schwarte erklärt er, dass das Fleisch jung geschlachteter Tiere besser fürs Wursten taugt und wie lange Blutwurst kochen muss, damit sie schön glänzt. Und ein bisschen Warenkunde Schwein-Rind-Kalb schadet auch nicht.

Streng genommen ist es einfach ein Kochbuch. Aber ob die Rezepturen toll originell sind und besser schmecken als die Würste aus der Kühltheke im Supermarkt, ist fast egal: Wer sich durch die Herstellungsprozedur wurstelt, wird sich wie ein alter Handwerker fühlen. Nur darauf kommt es an. Ehrlich, einen Mixer, ein Sieb und eine Rolle Bindfaden zum Abbinden des Darms hat ja jeder zu Hause. Näher dran am natürlichen Kreislauf ist nur noch der Schlachter selbst. Oder wie Wilhelm Blatzheim es ausdrückt: "Hanswurst war gestern."

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
scharfrichter1 20.07.2011
1. Auch Anwaltsschriftsätze
ans Gericht zum Selbermachen gibt es schon... http://plan-be.de/html/muster_download.html
brandt@toensmeier.de 20.07.2011
2. Selbermachen ist IN
Grundsätzlich ist das Selbermachen schon immer auf reges Interesse gestoßen. Warum man das nun in einem Buch NEU aufarbeitet ist mir schleierhaft... Im Web gibt es hierzu schon seit Jahren verschiedene Anlaufadressen wie z.B. http://www.bauanleitung24.de/ oder http://www.bauanleitungen.net/ um nur einige Beispiele zu nennen, die regen Zuspruch finden. Ich denke der Boom ist nicht wirklich NEU, hier springt man nur auf den ZUG auf...
Shimodax, 20.07.2011
3. Kampagne
Zitat von sysopGärtnern in der Stadt, Motorräder selbst reparieren, Omas Rezepte nachkochen oder Lavendelseife herstellen -*Do-it-Yourself erlebt einen neuen Boom. Und der schlägt sich auch auf dem Sachbuchmarkt nieder: eine ganze Reihe Neuerscheinungen beschäftigt sich mit den Neo-Handwerkern. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,775467,00.html
Komisch, das hatte ich doch heute morgen erst im Radio gehört. Da hat die Dame mit dem Sachbuch wohl auch beim Selbermachen der Werbekampagne das nötige Geschick bewiesen.
cokommentator 20.07.2011
4. .
Bei vielen war es doch immer aktuell, soweit möglich alles selbst zu reparieren. Nur war es über Jahre nicht angesagt, darüber zu reden. Wenn wir es jetzt wieder dürfen, spricht das dafür, dass es uns spürbar schlechter geht. Es wird an allen Ecken und Enden gespart. Dafür gibt man/frau sogar Geld aus. Vielleicht sollte unsere (Volks-)Wirtschaft doch mal nachdenken...
mickymicki 20.07.2011
5. Selbermachen macht Spaß
Ich habe vor einer Weile nach vielen langen Pausen mal wieder mit dem Stricken und Häkeln angefangen, eigentlich vor allem, um die Hände zu voll zum Rauchen zu haben. Vom Nikotin bin ich jetzt zwar immer noch nicht entwöhnt, aber eine tolle neue "Sucht" ist dazugekommen. Das schöne daran war, daß ich nichts neues lernen mußte, denn Stricken und Häkeln hatte ich in den späten 70ern in der Grundschule gelernt und damals dann auch mit großer Begeisterung betrieben, mit "Weiterbildung" durch Mutter, Oma und Nachbarin. So stolz wie auf meine selbstgemachten Stücke war ich auf nichts anderes, was ich bis dahin in der Schule gelernt hatte. Und es war für mich ein echter Verlust, daß das "Textile Gestalten" nach dem Wechsel aufs Gymnasium nicht mehr im Stundenplan vorkam. Heute ist es durch das Internet zwar viel leichter als vor 30 Jahren, neue Modelle, Muster oder Techniken zu finden. Andererseits werden die grundlegenden Techniken aber in der Schule nicht mehr unterrichtet (jedenfalls nicht in unserem Bundesland). Es gibt für meinen Sohn, der jetzt die Grundschule besucht, überhaupt kein Fach, in dem er sich kreativ so austoben könnte wie ich mich damals mit den diversen Nadeln. Zumal man bei vielen Handarbeiten auch als Kind schon bald erfolgreich den Großen nacheifern kann. Manche Kinder finden vielleicht im Kunstunterricht so ein Ventil. Für mich persönlich kam aber das meiste, was da so produziert wurde und wird, z.B. nicht an ein selbst hergestelltes "richtiges", tragbares Kleidungsstück heran. Schade, daß den heutigen Kinder, jedenfalls mit "Gymnasiallaufbahn", solche Erfolgserlebnisse in der Schule wohl meistens verwehrt bleiben. (Gilt z.B. auch für Werk- und Kochunterricht). "Projekte" gibt es an der Grundschule zwar noch und nöcher, aber bei meinem Sohn zumindest entstehen dort wenn überhaupt nur abstrakte "Dinge". Als ob es verpönt wäre, von Kindern potentiell "nützliche" manuelle Tätigkeiten zu verlangen. (Kinderarbeit? Ausbeutung?) Als ob ein Topflappen weniger "Kunst" sein könnte als ein Wasserfarbengemälde von Mama-Papa-Kind-Haus-Zaun. Wäre in diesem Sinne wirklich schön, wenn die neue Selbermachwelle auch mal in die Schulen schwappen könnte!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.