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18. Februar 2013, 08:36 Uhr

Sachbuch "Die Kunst einen Bleistift zu spitzen"

Scharfmachen mit Anspruch

Von Johan Dehoust

224 Seiten nur übers Schärfen von Bleiminen? Ja, das geht. Sogar extrem unterhaltsam und lehrreich, wie der US-Humorist David Rees mit seinem Buch "Die Kunst einen Bleistift zu spitzen" beweist. Die längst fällige Würdigung eines kleinen Vorgangs.

Dass der Bleistift eine der großen Konstanten unserer Kulturgeschichte ist, das ist kein neuer Gedanke. Man muss sich nur mal schnell anschauen, wer ihn schon alles in den Händen gehalten hat: Otto von Bismarck diente er als Kauleiste und Pfeifenstopfer. Architekt Norman Foster entwarf mit ihm erste Skizzen der Berliner Reichstagskuppel. Und auch Johann Wolfgang von Goethe griff lieber zum Bleistift als zur Schreibfeder; so verhindere er, dass ihn ein "Scharren und Spritzen" aus seinem "nachtwandlerischen Dichten und Denken aufschreckte". Was bei dieser Geschichtsschreibung bisher gefehlt hat, ist die Würdigung eines kleinen, aber wichtigen Vorgangs: dem des Anspitzens.

All die großen Pläne, Skizzen und Gedichte wären niemals entstanden, wenn ihren Verfassern ein stumpfer Stutzen in die Finger gekommen wäre. Mit diesem historischen Denkfehler räumt David Rees auf: In seinem Buch "Die Kunst einen Bleistift zu spitzen" geht es 224 Seiten lang um nichts anderes als um das Scharfmachen von schmalen Minen. Der US-Amerikaner, bisher als Humorist und Zeichner politisch-satirischer Comics bekannt, weiß dabei sehr genau, wovon er spricht: Er kann auf eine immerhin dreijährige Erfahrung als Berufsspitzer zurückblicken. Denn seit 2010 betreibt der 40 Jahre alte New Yorker einen professionellen Anspitz-Service. Kunden können ihm ihren abgenutzten Bleistift zuschicken, er erneuert ihn und schickt ihn zurück - für 12,50 US-Dollar.

Zugegeben, im Prinzip ist Rees' Buch ziemlich monoton: Er stellt verschiedene Anspitztechniken vor und erläutert sekundengenau, wie mit ihnen umzugehen ist. Mit dem Taschenmesser, dem Einklingenspitzer, dem handbetriebenen Kurbelspitzer, der Handkurbel-Wandspitzmaschine und - auch das gehört in heutigen Zeiten leider dazu - der elektrischen Spitzmaschine. Sachlich ist sein Erzählton. Auch auf den illustrierenden Fotos suggeriert Rees' Miene, wie ernst ihm sein Anliegen ist.

Dem Kunden die abgetrennten Späne immer mitgeben!

So weit könnte man dieses Buch tatsächlich für eine etwas schräge Liebeserklärung an ein altes, in Vergessenheit geratendes Handwerk halten. Für das irrelevante Vermächtnis eines verträumten Anachronisten. Aber: Rees schafft es, im Leser eine erdende Kraft freizusetzen. Mit jeder behutsam behandelten Bleistiftspitze reißt er uns ein Stück aus unserer überdifferenzierten Welt heraus. "Rees weiß, wie Buddhisten und ähnlich Erleuchtete, dass die bescheidensten Aufgaben oft die tiefsinnigsten sind", schreibt John Hodgman, Autor und Komiker, sehr treffend im Vorwort.

Natürlich ist dieses Buch wahnsinnig lustig. Wenn Rees mit hochkonzentriertem Gesichtsausdruck Lockerungsübungen für Bleistiftspitzer vorführt, wirkt das, als bereite sich ein Skispringer auf einen Sprung von einer vereisten Kinderrutsche vor. Ähnliches Glucksen löst er aus, wenn er über den gesellschaftlichen Druck klagt, den er als Berufsspitzer spüre, besonders bei öffentlichen Gigs. Oder wenn er davon berichtet, dass er einem Weinhändler und einem Gastronomen in einem geruchsfreien Behälter gesammelte Bleistiftspäne übergeben habe, damit sie ihm Flaschen mit dazu passendem Bouquet aussuchten. Eine der Empfehlungen: Ein Chateau Saint Julien mit einer leichten Bleistiftigkeit. Kommentar des Berufsspitzers: "Yeah."

Neben all diesen Ausführungen zum Drumherum kann der Leser selbstverständlich auch Handfestes von Rees lernen - besonders, wenn er vorhat, ebenfalls den antiquierten Beruf des Bleistift-Ziselierers zu ergreifen. Drei goldene Regeln: Dem Kunden die abgetrennten Späne immer mitgeben! Die Spitze mit einer Gummihülle schützen! Eine stark verunstaltete Mine radikal abtrennen, andernfalls ist kein sauberes Ergebnis möglich!

Rees entspinnt einen völlig überdrehten Kult um eine vermeintlich alltägliche Tätigkeit - und parodiert so eine vom Paradigma der Nostalgie beseelte Gesellschaft ziemlich genial. Wir kaufen bei Manufactum kaum spielbare Lederfußbälle für 138 Euro, obwohl wir für etwa ein Fünftel im Sportfachgeschäft viel fußfreundlichere erwerben könnten. Wir schenken uns gegenseitig in schnuckeligen Döschen verpackte Himbeerbonbons, auch wenn wir mit denen vom Discounter eine ganze Kiste füllen könnten. Und: Wir beschäftigen uns 224 Seiten lang mit Anspitzutensilien, die zusammen um die tausend Euro kosten, obwohl man für zwei Euro Bleistift plus Anspitzer bekommt und für etwa die Hälfte ein Notebook, das man nur aufklappen muss, um mit dem Schreiben zu beginnen. Herrlich verrückt!


David Rees: Die Kunst einen Bleistift zu spitzen. Aus dem amerikanischen Englisch von Egbert Hörmann und Uta Goridis. Metrolit Verlag; 224 Seiten; 17,99 Euro.

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