"Wiedersehen mit den Siebzigern" Als Lesen noch sexy war

Wer heute hip sein will, braucht die richtige Brille, den richtigen Bart, das richtige Fahrrad. In den Siebzigern brauchte er die richtige Theorie. Ulrich Raulff erzählt aus einer fernen Zeit, in der Lesen noch eine gewisse Erotik besaß.

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Als Ulrich Raulff noch nicht ahnte, dass er später einmal Feuilletonchef der "FAZ" werden würde, leitender Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" und Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, als der sehr junge Ulrich Raulff also das erste Mal in offizieller Mission auf der Frankfurter Buchmesse war, noch als Student, da stand er draußen vor der Tür: am Stand eines sogenannten Roten Buchladens. Es war irgendwann in den Siebzigerjahren, und Raulff war aus seinem Studienort Marburg angereist, im Gepäck die braun eingebundenen Werke des Großen Führers Kim Il Sung. Er verkaufte kein einziges Exemplar.

Hin und wieder schlich sich Raulff, heute 64, aus dem hessischen Herbstregen hinein in die Messehallen. Zum Aufwärmen. Vor allem aber, um sich "an die Pumps von niedlichen Buchhändlerinnen aus der Provinz" zu hängen, um sich "vom herben Charme intellektueller Lektorinnen verzaubern" zu lassen: "Trenchcoat und Hornbrillen, Erotik und Intellektualität, der tödliche Cocktail".

"Wiedersehen mit den Siebzigern" hat Raulff sein Erinnerungsbuch genannt, im Untertitel "Die wilden Jahre des Lesens", und tatsächlich trifft er einen Sound, der den Leser in die Vergangenheit wegträgt wie ein alter, guter Song. Wer in den Siebzigern eine Geistes- oder Sozialwissenschaft studiert hat, den wird beim Lesen vermutlich die Nostalgie packen. Wer erst 20 Jahre später an eine Uni gekommen ist und noch viel später das erste Mal in eine Buchmessenhalle, so wie der Autor dieser Rezension, den packt das Heimweh - nach einer Zeit, die er nie erleben durfte. Es war offenbar eine Zeit, in der nicht Brillen, Bärte und Fahrräder sexy machten, sondern Theorien. Das Lesen war erotisch aufgeladen.

Lebensraum Bibliothek

Raulff zeichnet das Bild eines Jahrzehnts, in dem Studenten die Bibliothek zu ihrem Lebensraum machten - und ihren Lebensraum zur Bibliothek: In den Bibliotheken hielten sie nach neuen Theorien Ausschau, aber auch nach neuen "erotischen Zielobjekten". In ihren Wohnzimmern und Wohngemeinschaften sammelten sie Bücher, um anderen zu imponieren. Allen voran den Frauen und Männern, die sie begehrten.

Raulff war 1971 ausgezogen, ein Intellektueller zu werden: zunächst ins rote Marburg, "dem Rötegrad nach allenfalls von Berlin oder Bremen übertroffen". 1968 war zwar Vergangenheit, aber "Marburg war eine Art Freilichtmuseum, in dem man den Stil von 68 noch lange Zeit ziemlich unverändert studieren konnte".

Raulff traf "Salonmarxisten" und "Seminaranarchisten", die sich um Wolfgang Abendroth scharten, "das große Tier, das legendäre Haupt der Marburger Schule", und er traf den Germanisten Heinz Schlaffer, der zusammen mit seiner Frau Hannelore "zu den Sehenswürdigkeiten von Marburg" gehörte: "sie im hochgeschlitzten quietschgelben oder giftgrünen Kleid, er im immer weit offenen weißen Hemd und mit Goldkettchen". Es hätte ihn und seine Kommilitonen, schreibt Raulff, damals nicht gewundert, "wenn Japaner in Bussen gekommen wären, um nach Heidelberg und der Lorelei die Schlaffers zu besichtigen".

Zwischendurch machte er Ausflüge nach Frankfurt: mal in die Seminare von Bruno Liebrucks oder Alfred Schmidt, mal zur Buchmesse. Dort trug er in einem Musterkoffer die Stoffe mit sich herum, über die er schreiben, die er übersetzen, die er herausgeben wollte. Er umschlich schüchtern die Stände der Großverleger - und textete umso selbstbewusster die Kleinverleger zu: "Ich war der Junge mit den tausend Projekten, der Schrecken des Lektorats, die Nervensäge der Messe".

Aus Marburg und Frankfurt, wo der Neomarxismus regierte, zog es Raulff nach Paris, zu den Strukturalisten und Semiotikern, den hippsten Theoretikern der Siebziger. Er traf Roland Barthes, der in seinem grünen Försteranzug bieder auf ihn wirkte, dessen Vorlesungen aber "mondäne Ereignisse" waren, "zu denen sich elegant gekleidete und gut frisierte Damen eines gewissen Alters in großer Zahl versammelten". Und er traf Michel Foucault, der seine Hände "wie ein Bündel von Zauberstäben" benutzte, "die die Magie seiner Rede verstärkten und seine Zuhörer umso sicherer hypnotisierten". Sein Auditorium sah ganz anders aus als jenes von Barthes: "In ihm dominierte der asketische Typ des angehenden Intellektuellen, unrasiert und schlecht gelüftet".

Raulff skizziert in seinem Buch viele solcher Kurzporträts großer Theoretiker, ihre großen Theorien hingegen lässt er außen vor. Das mag man bedauern, aber es passt zu einer Zeit, in der das Buch religiös überhöht war und der Umgang mit ihm ritualisiert. Es passt irgendwie auch zu den Strukturalisten und Poststrukturalisten, die sich nicht nur mit den Inhalten des Denkens beschäftigten, sondern auch mit seinen Formen und Strukturen. Vor allem aber passt es zu einem Buch, das Theoriegeschichte als Geschichte eines Lifestyles erzählen will.

"Paris hatte sich der Droge Theorie ergeben", schreibt Raulff. Wohl wissend, dass auch er voll druff war.

Ulrich Raulff: "Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens". Klett-Cotta; 170 Seiten; 17,95 Euro.

Buchmessen-Lesung von Ulrich Raulff: Donnerstag, 9. Oktober, 18.30 Uhr im Haus am Dom, Domplatz 3 (im Rahmen des Lesefestivals OPEN BOOKS).

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insgesamt 12 Beiträge
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open.eyes 08.10.2014
1.
mir hat vornein paar tagen ein schüler der 10. klasse erklärt, das er jetzt in den ferien gezwungen sei, ein buch zu lesen. das wäre dann sein 3. ... auf die frage warum er so wenig.liesst meinte er er habe keine zeit, weil er abends auf youtube filmchen schaue. das war nun auch der, dessen konzentrationsfähigkeit nicht für eine schulstunde reicht. ich ahne da einen zusammenhang.
hypnos 08.10.2014
2. Die 1970er Jahre waren gerechter
In den 1970er-Jahren hatten die Leute vor allem noch Geld. Die Lasten, aber auch die Einkünfte waren gerechter verteilt. Fast Jede(r) konnte sich etwas leisten. Es ging überhaupt gerechter zu in der Gesellschaft. Man konnte sogar von "einer" Gesellschaft sprechen, gefördert durch den Kampf der Systeme. Das änderte sich erst mit der neoliberalen Ideologie (seit Kohl). Jetzt voll brutal.
Palisander 08.10.2014
3. Intel lektuell?
Hat das was mit Computern zu tun? ;-)
Khaled 08.10.2014
4. Lesen ist kein Wert an sich
Keine Ahnung, warum man sich ausgerechnet in DIESE Zeit zurücksehnen sollte. So gut wie alles was in jenem Umfeld damals wichtigtuerisch rezipiert wurde, sehen wir heute zu Recht als Unfug an. Mao und Kim il Sung wurden von verwirrten jungen Leuten für große Denker gehalten, angehimmelte Stardenker faselten vor großem Publikum wirres Zeug... Offenbar waren die Geisteswissenschaften noch nie besonders ernst zu nehmen. Und wieso sollte Lesen sexy sein? Lesen ist nicht primär wertvoll, sondern kann genausogut zur Verdummung führen, was damals wohl der Regelfall war. Aber als sentimentaler Alt-68er sehnt man sich wahrscheinlich sogar nach den ungewaschenen langen Haaren, den speckigen Lederjacken und dem rüden und rechthaberischen Umgangston zurück. Gottseidank haben wir heute etwas mehr Stil!!
blowup 08.10.2014
5. 2001
Hört sich interessant an. Aber man sollte an dieser Stelle nicht versäumen, dem 2001-Versand zu danken, der es uns damals ermöglichte, für kleines Geld das Bücherregal meterweise zu füllen, z.B. mit der Aspekte-Gesamtausgabe. Damit konnte mam die Mädels mächtig beeindrucken und anschließend in die Kiste quatschen. :-)
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