Sachbuchphänomen Genuss Verflucht, jetzt habe ich Appetit bekommen!

Gibt's einen Unterschied zwischen Büchern und Rinderbraten? Sehr wohl! Leise geköchelt gelingt nur das Fleisch. Wie man mitreißend vom Kochen berichtet, weiß Igor Klech - mit seinem "Buch vom Essen" gibt er dem Genuss die Unschuld zurück. Und Vincent Klink besteht eine Mutprobe im hohen Norden.

Wodka-Trinker bei Moskau: Fortfahren nach einem Gläschen
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Wodka-Trinker bei Moskau: Fortfahren nach einem Gläschen

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Bücher, nach deren Lektüre man kaum noch etwas essen möchte, gibt es viele. Bücher nach deren Lektüre man Hunger verspürt, sich gern ein kleines Getränk eingießen würde, deutlich weniger. Wenn allerdings ein Autor, wie Igor Klech es in seinem "Buch vom Essen" tut, den eigenen Text mit den Worten unterbricht "Verflucht, jetzt habe ich Appetit bekommen! Ich komme gleich nach einem Gläschen Wodka wieder und fahre fort" - dann sieht die Sache schon anders aus.

Klech, Moskauer Schriftsteller, in Deutschland bislang so gut wie unbekannt, hat ein mitreißendes Buch geschrieben. Prinzipiell geht es um die russische Küche, um die der Ukraine (dort wurde Klech geboren), um die des gesamten slawischen Kulturkreises, die der ehemaligen Sowjetunion. Letztlich aber doch um viel mehr: Das ganze Leben.

"Der Körper ist ein Haus, der Magen ein Ofen; das Zuhause soll gewärmt werden, in einem abgekühlten Haus würde niemand wohnen" schreibt Klech und leitet über zu einer kleinen Theorie menschlicher Nähe: "Unser Kuss gehört zum symbolischen Ritual des Ernährens, abgeschaut von den Vögeln" - wann zuletzt hat jemand mit derartiger Leichtfüßigkeit so grundsätzlich über Essen und alles, was dazugehört, geschrieben?

Mag auch der Sachbuchmarkt mit seinen problembeladenen Ernährungsbüchern ein Spiegel der Industriegesellschaft sein, ihrer zweifelhaften Produktionsmethoden, ihrer grausamen Tierhaltung - Klech gibt dem Genuss, als wäre nichts leichter als das, die Unschuld zurück.

Sein schmales "Buch vom Essen" enthält, vage orientiert am Festkalender der orthodoxen Kirche, das kondensierte Wissen des ganzen russischen Küchenjahres. Höhepunkt sind, wie könnte es anders sein, die Seiten, auf denen Klech schwungvoll und gut gelaunt die Zubereitung von Borschtsch erklärt. Jenes berühmten Eintopfs, der, wie Klech schreibt, für manchen offenbar unersetzlich ist. "Ein guter Bekannter von mir, ein eingefleischter Russe, verzog stets sein Gesicht, bei dem ersten noch so schwachen Versuch, als Vorspeise etwas anderes als Borschtsch zuzubereiten, und fragte einige Zeit später: "Was fehlt uns denn, um Borschtsch zu kochen?"

Man kann sich nach Klechs Borschtsch-Kapitel tatsächlich kaum vorstellen, nicht sofort mit der Zubereitung dieses Gerichts anzufangen. Es könnte allerdings sein, dass man keinen Suppenknochen im Haus hat - und Tomatenmark aus dem Iran schon gar nicht.

Mutprobe bestanden, Angeber!

Welcher deutschsprachige Autor schreibt so mitreißend wie Klech über die Freuden des Kochens? Erwin Seitz, lange Jahre Herausgeber von "Cotta's kulinarischem Almanach", einer küchenliterarischen Anthologie, die den Deutschen das Phänomen der Gastrosophie nahebringen sollte, veröffentlicht "Butter, Huhn und Petersilie", eine schöngeistige Fibel. Vom Salz, übers Olivenöl bis zum Rebhuhn und der Schokolade, erklärt Seitz seinen Lesern noch einmal die Vorzüge erstklassiger Zutaten. Das ist lobenswert, und mag man diesem Buch auch die eine oder andere angenehm nutzlose Information entnehmen, wie die, dass Eisbergsalat erstmals 1926 in einem kalifornischen Labor gezüchtet wurde - auf Dauer gleicht der Tonfall von Seitz doch allzu sehr dem Köcheln bei niedriger Temperatur. Ein Rinderbraten mag dabei saftig bleiben, ein Sachbuch nicht.

Wie fast alle bundesdeutschen Spitzenköche scheint auch der Stuttgarter Vincent Klink einen Gutteil seiner Zeit damit zu verbringen, sich zur Marke zu stilisieren. Doch während andere Medienköche, darunter der beinahe omnipräsente Alfons Schubeck, auf den Hochglanzfotos ihrer zahlreichen Buchveröffentlichung mitunter so wirken, als wüssten sie selbst nicht so recht, wie um alles in der Welt sie in weißer Jacke und mit überdimensioniertem Rotweinglas in der Hand auf einen Bootsanleger gekommen sind, setzt Klink auf hochtourig erzählte Schnurren und den Charme des Allroundkünstlers, der selbstverständlich nicht nur kocht, sondern auch aquarelliert.

Soll er doch, solange er das so unterhaltsam macht wie in seinem neuen Bestseller "Immer dem Bauch nach". Anders als Simon Majumdar in seinem erstaunlich spröden "All You Can Eat - Ein Gourmet reist um die Welt", versteht es Klink, mit Schwung von seinen kulinarischen Reisen zu erzählen. Es dürfte einiges an Küchenlatein in diesem Buch zu finden sein, so Klinks Bericht von der heldenhaften Verkostung der traditionellen isländischen Küche: "Dort kommt nur Verfaultes auf den Tisch, heißt es, Verottetes, Vergorenes; Dinge, die andernorts schnurstracks in die Biotonne oder gar in den Sondermüll wandern würden. Ich bin eigens angereist, all das zu probieren." Und um darüber zu schreiben. Schließlich beißt Klink in eine "infernalisch stinkende" Robbenflosse, die zuvor vierzehn Tage auf der Heizung gereift war. Mutprobe bestanden, Angeber!

Seine schönsten Momente allerdings hat dieses Buch, wenn es um deutlich weniger exotische Genüsse geht - Riesling vom Kaiserstuhl zum Beispiel. Wie würde Igor Klech sagen? "Verflucht, jetzt habe ich Appetit bekommen." Und so denkt man sich auch bei Klink: "Ich komme gleich wieder, nach einem Gläschen - und lese weiter".

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