Schriftsteller-Streit: Rushdie und le Carré beenden Fatwa-Fehde

"Selbst-Heiligsprechung", "Wichtigtuer" - sie beschimpften sich öffentlich und machten sich gegenseitig verächtlich. 15 Jahre später legen Salman Rushdie und John le Carré nun ihren Streit bei, der sich an der Frage entzündet hatte: Darf man Religionen beleidigen?

Schriftsteller Rushdie: "Ich wünschte, wir hätten das nicht getan" Zur Großansicht
AP

Schriftsteller Rushdie: "Ich wünschte, wir hätten das nicht getan"

London - 15 Jahre hat es gedauert, nun legen Salman Rushdie und John le Carré ihren hässlichen Streit bei. Der Zwist zwischen den Beiden hatte sich 1997 am Umgang mit der Fatwa des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Chomeini gegen Rushdie entzündet und wurde damals in aller Öffentlichkeit auf den Leserbriefseiten des britischen "Guardian" ausgetragen.

Die "New York Times" hatte le Carré damals vorgeworfen, er habe für die Darstellung eines Charakters in "Der Schneider von Panama" auf antisemitische Stereotypen zurückgegriffen. Als sich der Brite gegen die Anschuldigung wehrte, äußerte Rushdie im November 1997 in einem Leserbrief an den "Guardian" Genugtuung: 1989 habe le Carré sich mit einem Artikel, der ebenfalls in der Londoner Zeitung erschien, "meinen Angreifern angeschlossen".

Den Vorwurf, er unterstütze den Aufruf, Rushdie zu töten, wies wiederum der Krimischriftsteller entschieden zurück. Er habe damals lediglich ausdrücken wollen, dass es kein Gesetz gebe, "das besagt, dass große Religionen ungestraft beleidigt werden dürfen." Er verurteile die Verfolgung des Autoren, betrachte Rushdie aber auch nicht als unschuldig.

"Ich bewundere Salman für seinen Mut"

Der konterte am folgenden Tag: "Ich bin John le Carré dankbar dafür, dass er unsere Erinnerungen daran auffrischt, was für ein aufgeblasener Wichtigtuer ("pompous ass") er sein kann." Mit seiner Haltung nehme er die gleiche Position ein, wie die radikalen Islamisten, kritisierte Rushdie. Am selben Tag sprang ihm auch der britische Journalist Christopher Hitchens bei. Le Carré erscheine als Mann, "der, nachdem er sich in seinem eigenen Hut erleichtert hat, es nicht abwarten kann, sich den gefüllten Hut auf den Kopf zu setzen," schrieb Hitchens.

Daraufhin warf le Carré Rushdie eine "Selbst-Heiligsprechung" vor. Man müsse sich fragen, "in welche Hände die großartige Sache der Meinungsfreiheit gefallen ist".

Das vorerst letzte Wort hatte dann am 22. November 1997 Salman Rushdie. Le Carré solle zunächst einmal das Lesen lernen, schrieb der verfolgte Autor. Seine Äußerung, le Carré sei ein aufgeblasener Wichtigtuer, sei unter den gegebenen Umständen mild. Er denke gar nicht daran, seine Bemerkungen zurückzunehmen.

Dabei blieb es - bis zum vergangenen Monat. Auf einem Literaturfestival im britischen Cheltenham sagte Rushdie, dass er le Carré als Schriftsteller wirklich bewundere. "Dame, König, As, Spion" sei einer der besten britischen Nachkriegsromane. Über den öffentlich ausgetragenen Streit sagte Rushdie: "Ich wünschte, wir hätten das nicht getan."

Nun hat auch le Carré die Hand zur Versöhnung ausgestreckt: "Ich bewundere Salman für seine Arbeit und seinen Mut und ich respektiere seinen Standpunkt", sagte er der "Times". Er sei jedoch noch immer nicht sicher, ob man Religionen einfach verächtlich machen dürfe. Klar ist für den 81-Jährigen jedoch, was er bei einem Treffen mit Rushdie tun würde: "Ich würde die Hand eines brillanten Schriftstellerkollegen herzlich schütteln."

syd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Der Vorwurf
Europa! 13.11.2012
Zitat von sysopAP"Selbst-Heiligsprechung", "Wichtigtuer" - sie beschimpften sich öffentlich und machten sich gegenseitig verächtlich. 15 Jahre später legen Salman Rushdie und John le Carré nun ihren Streit bei, der sich an der Frage entzündet hatte: Darf man Religionen beleidigen? http://www.spiegel.de/kultur/literatur/salman-rushdie-und-john-le-carre-beenden-streit-ueber-fatwa-a-866905.html
Der Vorwurf, Rushdie habe irgendeine Religion beleidigt, ist absolut lächerlich. Wenn in einem großartigen Roman von über 500 Seiten ein paar Sätze stehen, die einigen religiösen Fanatikern nicht gefallen, hat das nichts mit der Beleidigung von irgendetwas zu tun.
2. optional
thedudester 14.11.2012
Le Carré behauptet, er habe ausdrücken wollen, dass es kein Gesetz gebe, "das besagt, dass große Religionen ungestraft beleidigt werden dürfen." Sollte man nicht annehmen, dass alles, was nicht verboten ist, erlaubt sein sollte?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema Salman Rushdie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare