Neu-Römische Dekadenz High in der Society

Inzest, Drogen, Nachtclubs: In "Die Berührten" erzählt Sandro Veronesi von der römischen Glamourjugend der achtziger Jahre. Die ist eher durchgeknallt als schillernd.

Oder doch lieber "Schwarzer Afghane"?
Corbis

Oder doch lieber "Schwarzer Afghane"?

Von Franziska Wolffheim


Die Großstadt kann Himmel und Hölle sein. In Sandro Veronesis Roman "Die Berührten", der in Rom spielt, ist sie beides, eher aber die Hölle. Die Protagonisten sind keine Dandys, keine Lebenskünstler, die sich der Stadt lustvoll hingeben, sondern Getriebene. Sie ziehen von einer Affäre zur nächsten, streifen durch Nachtclubs, konsumieren Drogen, übernehmen keine Verantwortung. Da sie der Stadt nichts entgegenzusetzen haben, werden sie von ihr aufgesogen. Einer aus dieser jungen, unerlösten Generation ist Mète, der als Grafologe die Handschriften anderer Menschen akribisch analysiert, aber Schwierigkeiten hat, das eigene Innenleben zu deuten. Mète ist nicht nur orientierungslos, sondern zu allem Überfluss auch noch einer Frau verfallen - unglücklich, was sonst.

Veronesi, einer der wichtigen zeitgenössischen Autoren Italiens, der für seinen Roman "Stilles Chaos" den Premio Strega (den bedeutendsten italienischen Literaturpreis) bekam, lässt die Handlung in den achtziger Jahren spielen. Auch damals schon erlebt Mète, der Antiheld, das Gefühl von "Geschwindigkeit, diese betrübliche Epidemie, die Eile", nichts ist von Dauer, anders als "die Worte in den Büchern". Die Flüchtigkeit als Lebensgefühl, das Leiden an Einsamkeit und Bindungslosigkeit - ein bekannter Topos der Großstadtliteratur, sei sie von Walter Benjamin oder Alfred Döblin.

Auch die Liebesgeschichte, die Veronesi erzählt, variiert ein bekanntes Thema: Inzest. Wenige Monate nach dem Tod von Mètes Mutter heiratet sein Vater die Frau, mit der er schon lange liiert ist. Virna, reich und schön, die alle lästigen Angelegenheiten an ihre philippinischen Hausangestellten delegiert. Bevor Mètes Vater und seine Stiefmutter auf Hochzeitsreise gehen, bitten sie ihn, sich um Belinda, ihre gemeinsame Tochter, zu kümmern. Die ist ein blondes Gift, "ein im Fleisch gefangener Goldrausch". Sie geht noch zur Schule, kifft, hat einen Freund, der Cannabis anbaut, und liegt am liebsten auf ihrem Bett, um sich in aller Ruhe die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Belinda wird für Mète zur Obsession, je mehr er versucht, der jungen Frau auszuweichen, umso mehr verfällt er ihr. Der Reiz dieser amour fou hält sich für den Leser allerdings in Grenzen, da die beiden Hauptfiguren - die einfältige Schönheit und der sittenstrenge Grübler - allzu schnell zu Stereotypen werden.

Nachtclubs als Totenreich

Sandro Veronesis Roman ist bereits 1990 erschienen und vor kurzem wieder aufgelegt worden, er diente dem Regisseur Matteo Rovere als Vorlage für eine Verfilmung. Nicht alle Szenen des Buchs sind gelungen, andere sind lesenswert. Da ist etwa die Hochzeit von Mètes Vater und Virna, ein aufwendiges Kostümfest der Haute volée, bei der die Verkleideten wie seltsame Vogelscheuchen aussehen. Und da sind die nächtlichen Szenen, in denen sich die römischen Bürgersteige leeren und das Treiben in die Nachtclubs verlagert. Nicht irgendwelche Clubs, sondern exklusive, in die man hineinkommt, weil man wichtig ist, oder in die man von einem modernen "Charon" (in der griechischen Mythologie der Fährmann in das Reich des Todes) eingeschleust wird. Diese Charons haben gute Kontakte und bringen ihre Opfer in die "Höllengräben der Verdammten", wo alle zwanghaft ihre Reize zur Schau stellen - Dantes Hölle, auf die Veronesi anspielt, transformiert sich in eine Hölle der Moderne.

Es ist keine Spaßgesellschaft, die Veronesi hier schildert, sondern eher eine Verzweiflungsgesellschaft. Wenn Federico Fellini in seinem Film "La dolce vita" eine dekadente, aber in ihren Untergang verliebte Gesellschaft zeigt, überwiegt hier deutlich ein depressives Moment. Was sicher auch an Mète, der zentralen Figur, liegt, die der Autor zu einem düsteren Schmerzensmann macht.

Das Problem an Veronesis Roman liegt darin, dass das Repertoire an schillernden Szenen irgendwann ausgereizt ist. Belinda, die lasziv auf ihrem Bett liegt, oder die schwüle Welt der Nachtclubs mit ihren Verführungsritualen - das sind szenische Wiedergänger, die den Leser schließlich langweilen. Veronesi versucht, die Dramaturgie mit ein paar Kunstgriffen aufzulockern, was ihm jedoch nur bedingt gelingt: durch grafische Elemente, zum Beispiel Diagramme von Straßen und Plätzen, durch humorvolle Zwischenüberschriften ("Dieser Verrückte kennt mich...") oder indem er als übergeordneter Erzähler die Handlungen seiner Figuren ironisch kommentiert. Auch als Kontrapunkte gegenüber der gelegentlich verstaubt wirkenden Sprache taugen diese Mittel nur begrenzt.

Am Ende fährt der Autor dann noch ein paar Knalleffekte auf, die so wirken, als seien sie der ersten Seite einer Boulevardzeitung entnommen. Hier hat man endgültig das Gefühl, dass Veronesi seinem Plot nicht mehr traut.

Die 20 wichtigsten Romane des Frühjahrs 2014
Hanser/ Pascal Victor/ ArtComArt

Er kauft immer den falschen Käse. Sie weigert sich, nachts das Licht auszumachen. Yasmina Reza hat in ihrem neuen Roman "Glücklich die Glücklichen" die Kunst der Eskalation perfektioniert. Und das Glück ziemlich gut versteckt.

Dominique Nabokov

Rassismus, Klassensystem und Coolness: In "London NW" fügt Literaturstar Zadie Smith ein faszinierendes Mosaik urbaner Biografien zusammen. Ihr bestes Buch.

Kay Itting

Korrektur: Thomas Bernhard ist nicht tot. In Alexander Schimmelbuschs "Murau Identität" lebt er inkognito auf Mallorca. Ein äußerst unterhaltsames Buch, das in seiner gemeingefährlichen Smartness an den jungen Christian Kracht erinnert.

Getty Images/ Toronto Star

Was vor Lampedusa geschah: Ryad Assani-Razakis "Iman" erzählt von jungen Afrikanern, die unter Lebensgefahr nach Europa fliehen - obwohl das, was sie erwartet, nicht besser ist als ihr altes Leben.

Alexa Geisthövel

Psychogramm eines Nazis, das ohne Nazi-Klischees auskommt: In "Flut und Boden" erzählt Per Leo die Geschichte seines Großvaters, eines überzeugten SS-Führers - ihm gelingt, woran kaum einer noch geglaubt hätte: eine Wiederbelebung des Familienromans.

Markus Tedeskino

Ein weltweit konkurrenzloser Schriftsteller liefert den verdichteten Beweis seiner Kunst: In "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" erzählt Haruki Murakami die Geschichte einer Selbstfindung - und von einer Frau, die alles entscheidet.

DPA

Martin Mosebach, Vorzeige-Großbürger der deutschen Literatur, begibt sich in seinem neuen Roman "Das Blutbuchenfest" ins selbstzufriedene Milieu Frankfurter Geldmenschen - und konfrontiert es mit einer bosnischen Putzfrau.

Keke Keukelaar

Kommunisten, Hippies, Occupy-Bewegung: Jonathan Lethem porträtiert in seinem neuen Roman "Der Garten der Dissidenten" mehrere Generationen linker Gegenkultur. Was die Aktivisten verbindet? Dass sie am Ende allein dastehen.

Jochen Quast

Als Bummelstudenten noch "Futschikato" sagten: Gerhard Henschels "Bildungsroman" ist das heiter genervte Porträt eines Twentysomethings in den frühen Achtzigern - und zeigt die Ereignislosigkeit der Bundesrepublik, ohne dabei je zu langweilen.

DPA

Konzentriert, konsequent, knallhart - und hochpolitisch. Don Winslow ist derzeit der wichtigste US-amerikanische Thriller-Autor. In "Vergeltung" jagt ein Söldner die Mörder seiner Familie und muss erkennen, dass die Zukunft Kriegsrobotern gehört.

Catherine Hélie/ Editions Gallimard

Ein Tod, so individuell wie sein Leben: Nach einem schweren Schlaganfall bittet der Pariser Kunstsammler André Bernheim seine Tochter Emmanuèle Bernheim, ihm beim Sterben zu helfen. Das Buch "Alles ist gutgegangen" ist ihr ungewöhnlicher, diskreter Bericht.

DPA

Inszenierung von Glück und Genuss, Abkehr von der schnöden Realität: Anna Katharina Fröhlich ist eine eigenwillige Virtuosin - in "Der schöne Gast" erzählt sie eine sinnenfrohe Liebesgeschichte vor mediterraner Kulisse.

DPA

Die Schönste der Schule und ihr vier Jahre jüngerer Verehrer: Navid Kermani erzählt in "Große Liebe" von einer Teenagerliebe in den Zeiten der Friedensbewegung - und dreht dann ab in die islamische Mystik.

DPA/ Rabea Edel/ Berlin Verlag

Bye-bye Jugend: Fabian Hischmanns "Am Ende schmeißen wir mit Gold" beginnt wie ein schwuler Erweckungsroman - und entwickelt sich dann zur Geschichte einer Identitätsfindung, die an Benjamin Lebert erinnert.

Alex Reuter

Die Sprache ist schlicht und schnörkellos, der Inhalt aufwühlend: Angelika Klüssendorf hat mit "April" eine Fortsetzung ihres Erfolgsromans "Das Mädchen" geschrieben. Es ist das Porträt einer Heldin, die mit sich selbst kämpft - und dank Kunst und Literatur den Kampf gewinnt.

Gaby Gerster

Die Agenda des Einschleichers: In "Die Lüge" erzählt Uwe Kolbe von einem Stasi-Mann, der die Kunstszene überwacht - und, angelehnt an die eigene Biografie, eine Geschichte von Vater und Sohn, die sich der Enge der Diktatur durch erotische Eskapaden entziehen.

AFP

Was verloren geht, wenn ein Mensch stirbt: In "Alles ist wahr" erzählt Emmanuel Carrère mit unironischer Aufrichtigkeit von existenziellen Verunsicherungen - und hatte damit in Frankreich großen Erfolg.

Katja Sämann

Anderthalb Nazis, Säufer und ein Fährmann, der mal Angela Merkel befördert hat: In Sasa Stanisics "Vor dem Fest" ist das fiktive Uckermarkdorf Fürstenfelde Idealtyp der wendeversehrten Ex-DDR - und Kulisse für eine ironisch abgefederte Tragikomödie.

DPA

Krieg, Vertreibung, Neurosen - und Affenforschung: In "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" schildert Ulrike Draesner die deutsche Geschichte anhand von vier Generationen einer Familie. Ein kolossaler Roman mit skurrilen Figuren.

DPA

Von Berlin aus in Richtung der Schrecken des 20. Jahrhunderts: In "Vielleicht Esther" erzählt Katja Petrowskaja von einer Recherche in der eigenen Familiengeschichte - und schafft ein großartiges, ungewöhnlich erzähltes Panorama des 20. Jahrhunderts.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Michel Houellebecqs "Gestalt des letzten Ufers", Chimamanda Ngozi Adichies "Americanah", Svenja Leibers "Das letzte Land", Alexander Poschs "Das große Nichtstun", Sibylle Lewitscharoffs "Killmousky", Joachim Lottmanns "Endlich Kokain", Michael Chabons "Telegraph Avenue", Hans Platzgumers "Korridorwelt", Anthony Marras "Die niedrigen Himmel", Peter Wawerzineks "Schluckspecht", Sheila Hetis "Wie sollten wir sein",

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.