Sarah Kuttner über Kritik "Aufs Maul ist aufs Maul"

Im neuen Roman von Sarah Kuttner versucht ein Paar, den Verlust seines Kindes zu bewältigen. Hier spricht die Moderatorin über ihre Erfahrungen mit dem Tod - und darüber, wie sie mit Kritik umgeht.

Katharina Hintze

Ein Interview von


Zur Person
  • DPA
    Sarah Kuttner, 1979 in Berlin geboren, arbeitet als Moderatorin. Sie wurde mit Sendungen bei Viva und MTV bekannt. Bei ZDF Neo hat sie das Großstadtmagazin "Bambule" und die Talkshow "Kuttner plus Zwei" moderiert. Seit 2017 macht sie gemeinsam mit Stefan Niggemeier den Podcast "Das kleine Fernsehballett". Gesammelte Kolumnen veröffentlichte sie unter dem Titel "Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens". Ihr erster Roman "Mängelexemplar" erschien 2009 und stand wochenlang auf der Bestsellerliste. Danach erschienen die Romane "Wachstumsschmerz" (2011), "180 Grad Meer" (2015) und nun "Kurt".

SPIEGEL ONLINE: Frau Kuttner, in Ihrem neuen Roman "Kurt" geht es um den Tod eines kleinen Jungen.

Kuttner: Naja, ganz so einfach ist es nicht: Der Tod des Kindes ist nur der Auslöser für die Geschichte, eigentlich geht es um Trauer und Familie.

SPIEGEL ONLINE: Und die Familie ist sehr modern: Der Vater von Kurt ist mit seiner Freundin zusammengezogen, sein Sohn wohnt immer einige Tage pro Woche bei ihnen. Der Tod des Kleinkindes reißt eine Lücke, die das trauernde Paar entzweit. Warum wollten Sie diese Geschichte erzählen?

Kuttner: Ursprünglich wollte ich nur über eine Patchworkfamilie schreiben. Also wie das ist, wenn man mit jemandem zusammen ist, der schon ein Kind hat. Dann bist du ja auf einmal Mutter, aber eben doch nicht ganz Mutter. Ich habe damit aber gar nicht so irre viel Erfahrung, deshalb habe ich mich gefragt: Habe ich überhaupt das Recht, als Frau, die selbst keine Mutter ist, ein ganzes Buch über Kinder zu schreiben? Die Leute denken ja eh schon, dass ich Kinder hasse, obwohl das gar nicht stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nicht mal gesagt, dass Sie Kinder total doof finden?

Kuttner: Seit Jahren kriege ich dafür auf die Mütze! Dabei habe ich nur gesagt: eher doof. Kinder sind halt anstrengend. Die eigenen liebt man bestimmt sehr, aber als Erwachsene kann ich mit Kindern als Sozialpartner einfach nicht so viel anfangen. Ich nehme an, dass die, die damals so empört waren, noch empörter werden. Jetzt, wo ich im Buch auch noch ein Kind sterben lasse.

SPIEGEL ONLINE: Allerdings nicht böswillig, oder?

Kuttner: Natürlich nicht! Es war wirklich schwer. Ich habe mich beim Schreiben richtig doll in den kleinen Kerl verliebt. Und da habe ich seinen Tod schon sehr hinausgezögert.

Preisabfragezeitpunkt:
25.03.2019, 23:50 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Sarah Kuttner
Kurt: Roman

Verlag:
S. FISCHER
Seiten:
240
Preis:
EUR 20,00

SPIEGEL ONLINE: Sie haben erwähnt, dass Sie sich gefragt haben, ob Sie überhaupt über Kinder schreiben dürfen, wenn Sie selbst keins haben. Fürchten Sie, angefeindet zu werden, wenn Sie nicht authentisch sind?

Kuttner: Nein. Aber die Leute glauben das immer, dass man alles selbst erlebt haben muss. Bei meinem Buch "Mängelexemplar" war es auf jeden Fall anstrengend. Es gab viele enttäuschte Gesichter, weil ich nicht zum Buch mein Antidepressiva-Coming-out hatte. Vielleicht kommt meine Sorge daher. Ich muss aber natürlich nicht alles erlebt haben, worüber ich schreibe. Stephen King wurde ja auch nicht von einem Monsterclown verfolgt.

SPIEGEL ONLINE: Mit Trauer kennen Sie sich also persönlich nicht aus?

Kuttner: Doch. Ich bin jetzt 40 und die Einschläge kommen näher. Eine Freundin hat einige Monate bei mir gewohnt, nachdem ihr Freund gestorben ist. Da hat sich mir im Prinzip die gleiche Frage wie der Protagonistin im Buch gestellt: Wie gehe ich mit der Trauer von jemandem um, der einen ganz nahen Menschen verloren hat?

SPIEGEL ONLINE: Wie?

Kuttner: Meine Freundin ist morgens aufgewacht und hat sofort angefangen zu weinen. Ich habe ihr also Aufgaben gegeben, damit sie nicht verrückt wird.

SPIEGEL ONLINE: Was denn für Aufgaben?

Kuttner: Sie musste immer die erste Gassirunde morgens mit dem Hund übernehmen. Mir kam das natürlich sehr entgegen, weil ich länger schlafen konnte. Und ihr tat es gut, weil sie zumindest einmal raus aus dem Bett ist, durch den Park, mit dem lustigen Hund. Danach ist sie wieder ins Bett und hat weiter geweint. Und ich habe sie in Ruhe gelassen.

SPIEGEL ONLINE: Das hilft?

Kuttner: Viele Leute neigen dazu, zu sehr zu trösten. Aber es muss ja raus. Also darf Trauer nicht hinter Türen versteckt werden, sondern muss als etwas ganz Natürliches in den Alltag integriert werden. Meine Freundin hat morgens weinend im Bett gesessen und ihren Kaffee getrunken. Was soll daran schlimm sein? Ich war ja da, wenn sie mich gebraucht hat. Gleichzeitig ist Humor total wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Was ist noch lustig, wenn jemand trauert?

Kuttner: Wenige Tage nachdem der Freund meiner Freundin gestorben ist, habe ich sie zu Hause besucht und als erstes gesagt: Du siehst aus, als hättest du bedeutend zu wenig geraucht! Dann habe ich ihr eine Zigarette in den Mund gesteckt und sie hat geschmunzelt. Es hilft, kurz zu schmunzeln. Besonders an einem Tag, an dem eigentlich nicht gelacht wird. Man ist in einer blöden Rolle, wenn man trauert.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Fotostrecke

7  Bilder
Sarah Kuttner über "Kurt": Mit dem Leben kämpfen

Kuttner: Weil permanent Traurigkeit von dir erwartet wird. Nach einigen Wochen waren wir zum Beispiel shoppen. Wir hatten einen tollen Tag. Viel gelacht, Kaffee getrunken, superbillige Plastikmode gekauft. Dann sind wir zu mir nach Hause und haben alle Schnipsel abgeschnitten - kennen Sie das?

SPIEGEL ONLINE: Die eingenähten Waschanweisungen? Klar, die nerven.

Kuttner: Mich auch! Wir saßen also auf dem Fußboden in der Küche, jede mit einer Schere und haben uns tierisch gefreut. Dann klingelt ihr Telefon, sie geht ran und am anderen Ende fragt sie jemand als erstes: "Und, wie geht es dir?" Was macht meine Freundin? Noch mit dem Lächeln im Gesicht sagt sie mit gedrückter Stimme: "Ach, na ja, es geht so."

SPIEGEL ONLINE: Es fühlte sich für sie plötzlich falsch an, fröhlich zu sein?

Kuttner: Genau. Ich habe danach zu ihr gesagt: Maus! Mach das nicht! Du hast gerade den ersten schönen Tag gehabt, seit dein Mann gestorben ist. Du darfst mal kurz lachen, bevor du weiter tieftraurig bist. Andere Leute wollen aber meistens nicht hören: "Mir geht's kurz spitze! Für nur 30 Euro 50 Klamotten gekauft!" Die sind dann verstört, daran passt man sich als Trauernder an.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal ist Trauer aber sicher auch nicht witzig.

Kuttner: Natürlich nicht, aber glauben Sie mir: sie kann es sehr wohl sein! Selbst als wir zusammen Schuhe für die Beerdigung gekauft haben, gab es Momente, die so absurd waren, dass wir lachen mussten. Natürlich darf man nicht die ganze Zeit durchballern. Wenn die Freundin weint, weil alles zu viel ist, oder eben auch ohne erkennbaren Anlass, dann wird bei Bedarf umarmt oder zumindest die Klappe gehalten.

SPIEGEL ONLINE: "Kurt" ist das sechste Buch und der vierte Roman von Ihnen. Sie betonen aber oft, dass Sie eigentlich gar keine Schriftstellerin sind. Weshalb?

Kuttner: Es fühlt sich einfach nicht so an! Diese Bücher scheinen mir einfach immer zu passieren, sie machen mich glücklich, strengen mich aber nicht unfassbar an. Ab und zu wird kritisiert, dass meine Bücher keine Literatur sind. Dabei habe ich nie behauptet, große Literatur zu fabrizieren. Inzwischen sage ich schon oft in vorauseilendem Gehorsam: "Achtung, hier ist noch so ein Roman, ich behaupte aber nicht, der Star des Feuilletons zu sein! Es passiert nicht viel, wieder nur so ein Befindlichkeitsbuch!" Das ist eigentlich doof von mir. Ich muss die Bücher nicht entschuldigen, sie sind was sie sind.

SPIEGEL ONLINE: Ein wenig Handlung gibt es bei "Kurt" ja durchaus.

Kuttner: Aber es ist dennoch ein stilles Buch, wie alle, die ich schreibe. Es kommt niemand mit einer Kettensäge und dann fahren alle nach Colorado. Man sitzt in Brandenburg und kämpft mit dem ganz normalen Leben.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie Kritik an Ihren Sendungen leichter?

Kuttner: Aufs Maul ist aufs Maul. Ich tue immer so, als wäre es nicht schlimm, aber das stimmt natürlich nicht. Findet jemand mich, meine Sendung oder eben mein Buch doof, werde ich oft unsicher. Ist das wirklich so blöd? Möchte oder könnte ich das anders machen? Ich bin da nicht so super selbstbewusst.

SPIEGEL ONLINE: Was hoffen Sie, wie Ihr neuer Roman aufgenommen wird?

Kuttner: Leser kommen manchmal zu mir und sagen: Du hast genau mein Leben aufgeschrieben. Das finde ich schon irre und wertvoll, wenn man das schafft. Das liegt aber bestimmt auch daran, dass ich einfach versuche, ganz alltägliches Leid oder Konflikte aufzuschreiben und mir von allen Seiten anzusehen. Das ist befriedigend.

SPIEGEL ONLINE: Warum genau?

Kuttner: Das Leben geht immer rauf und runter und das ist richtig so. Ich würde nicht gegen ein durchgängiges "voll okay" tauschen. Oben sein fetzt nur, wenn es vorher unten scheiße war.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Azwraith 12.03.2019
1.
Sehr sympathisch die Frau. Das Buch klingt interessant und vielleicht werde ich es lesen.
laurent1307 12.03.2019
2. Aus der Seele gesprochen...
Genau darum geht es! Vieles kann und darf zugleich sein! Das überfordert natürlich viele, die in emotionalen Klischees denken. Freude und Trauer sind kein Widerspruch, es gilt alles zuzulassen um heil zu werden.
nikaja 12.03.2019
3. noch was hinzuzufügen?
freimütig, unverfälscht und mit Leichtigkeit, gibt's noch was hinzuzufügen, ja lesen...
FocusTurnier 12.03.2019
4. Coole Frau
Frau Kuttner ist mir sehr sympathisch. Habe schon vor langer Zeit ihre Show auf VIVA (??) verfolgt und mir gewünscht, daß sie es auch mal in größere Formate schafft. Obwohl - dann wäre sie wohl nicht so geblieben, wie ich sie schätze: "Man sitzt in Brandenburg und kämpft mit dem ganz normalen Leben." Kein Münchener Schikimiki, keine Berliner Überheblichkeit. Einfach gut.
lalito 12.03.2019
5. Satz am Schluss
Das ist exakt der Vorwurf, den sich bspw. Helikoptereltern machen lassen müssen. Das Auf und Nieder gehört zusammen mit erhöhtem Herzschlag zum Leben dazu, allerdings aus dem Leben heraus und eben nicht organisiert - dann, durchs Leben kommt die Erfahrung, die echte, die ehrliche.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.