"Satin Island" von Tom McCarthy Die Bügelfalte im Algorithmus

Von Gilles Deleuze über Google bis Guantanamo: Tom McCarthys Roman "Satin Island" hat keinen Plot und keine Figuren im klassischen Sinn - und ist eine beängstigend intellektuelle Tour de Force.

Von Tobias Lehmkuhl

Villen des Museums der Weltkulturen in Frankfurt am Main
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Villen des Museums der Weltkulturen in Frankfurt am Main


Am Ende seines Buches dankt Tom McCarthy einigen Menschen dafür, dass sie ihm die Augen für die "seltsamen Strudel und Strömungen öffneten, welche entstehen, wenn die Nebenflüsse des linken Gedankenguts in den Amazonas der neuen Unternehmenskultur münden".

Doch nicht genug, dass in "Satin Island" Gilles Deleuze und Google, Kulturtheorie des 20. und die Algorithmen des 21. Jahrhunderts miteinander in Beziehung gesetzt werden; McCarthys Roman gleicht einer Schnellstraße, die von der Französischen Revolution über Kafka und DeLillo direkt zu Abu Ghuraib und Guantanamo führt.

Erzähler dieser spannenden, vergnüglichen, zuweilen beängstigend intellektuellen Tour de Force ist ein Anthropologe. "Nennt mich U. - Call me you" heißt es zu Anfang, womit nicht nur ein intertextuelles Spiel eröffnet, sondern gleich die Frage in den Raum geworfen wird: Was ist Identität? Was bedeutet es heute, "ich" zu sagen? Wo verläuft die Grenze zwischen Autor, Erzähler, Leser?

Schriftsteller McCarthy: Ruft in "Satin Island" die verschiedensten Diskurse auf
Erinn Hartman

Schriftsteller McCarthy: Ruft in "Satin Island" die verschiedensten Diskurse auf

Dieser U. arbeitet für ein Unternehmen, dessen Wirkungsfeld unklar bleibt. "Wenn ich in einem Wort zusammenfassen müsste, was wir im Wesentlichen tun", sagt U.s Chef Peyman einmal - den man sich übrigens keinesfalls als deutschen Theaterregisseur, sondern als eine Mischung aus Elon Musk und Rem Koolhaas vorstellen sollte - "würde ich nicht Unternehmensberatung oder Design oder Stadtplanung sagen, sondern Fiktion".

Es gehe darum, heißt es an anderer Stelle einmal, "Narrative" zu entwickeln. "Satin Island" wiederum entzieht sich all dem, was man von einem klassischen literarischen Narrativ erwartet. Der Roman hat keine Geschichte, keinen Plot, er hat noch nicht einmal Figuren im Sinne von Charakteren: Individuelle Schicksale werden vollkommen ausgeblendet.

Dem Erzähler nämlich geht es ausschließlich um Muster und Strukturen. Er ist eben Anthropologe. Und der wohl bedeutendste Anthropologe des 20. Jahrhunderts, Claude Lévi-Strauss, war nicht zuletzt Erfinder dessen, was man Strukturalismus nennt.

Fiktion und Wirklichkeit, Leben und Tod

So wundert es nicht, dass U. den Anthropologen mit der gleichnamigen Jeansmarke verbindet, daraufhin die verschiedenen Bügelfaltentypen katalogisiert und im nächsten Schritt auf Gilles Deleuzes Theorie der Falte, "le pli", zu sprechen kommt. Keinen Eingang in sein Dossier findet freilich der "ganze revolutionäre Quatsch", denn "große Einzelhandelsunternehmen wollen von solchen Typen nichts wissen".

Doch das Levi's-Dossier ist nur ein Nebenprodukt. Woran U. eigentlich arbeitet, ist der "Große Bericht", das "Erste und Letzte Wort über unser Zeitalter". Ein Dokument, das alles umfassen soll.

"Satin Island" wiederum ist der Bericht, der die Arbeit an diesem Bericht begleitet, der sein Entstehen dokumentieren soll, am Ende aber die Unmöglichkeit, einen solchen Bericht zu schreiben, dokumentiert. Es sei denn, man begreift "Satin Island" selbst als eben diesen Großen Bericht.

Ganz abwegig wäre das nicht, denn schließlich werden hier in schwindelerregender Weise die verschiedendsten Diskurse aufgerufen und miteinander in Beziehung gebracht. Identität und Andersheit. Wiederholung und Originalität. Zeit und Erinnerung. Leben und Tod. Fiktion und Wirklichkeit.

Jeans der Marke Levi's: In "Satin Island" mit Kulturtheorie vermengt
Corbis

Jeans der Marke Levi's: In "Satin Island" mit Kulturtheorie vermengt

Dass es sich dabei keineswegs um ein überschlaues Virtuosenstück handelt, zeigt eine kurze Episode, in der der Erzähler das Weltkulturen-Museum in Frankfurt am Main besucht. Dessen Leiterin Clementine Deliss dankt McCarthy in seinem Nachwort ebenfalls. Als Leiterin des Museums wurde Deliss inzwischen - in der Wirklichkeit - abgesetzt, weil sie es wagte, ethnologische Fundstücke gemeinsam mit zeitgenössischen Kunstwerken auszustellen.

Offenbar sind solche Dialoge in Frankfurt unerwünscht. "Satin Island" dagegen veranschaulicht aufs Beste, das alles mit jedem kommuniziert. Bei Google hat man das längst begriffen.

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