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Satiriker Heino Jaeger: Die ganz normale Groteske

Von Christoph Schröder

In den siebziger Jahren war der Anarchohumorist Heino Jaeger ein Star, nun wird er wiederentdeckt. In seinen Sprechstücken lässt er den Kleinbürger gnadenlos ausreden.

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Harold Müller

Humorist Heino Jaeger: Anarchisch bis hin zur Grenze des Dadaismus

Herr Kaiser ist ein verdienter Mitarbeiter, auch der Personalchef ist absolut zufrieden mit ihm. Sagt er jedenfalls. Der Kaiser, das sei ein Mann, "den können wir gebrauchen und der ist auch im Betrieb nicht zu übersehen; immer dieser puterrote Kopf und diese Wurststullen. Das ist ein Bild, auf das wir nicht verzichten wollen." Und die Pornoheftsammlung im Schreibtisch von Herrn Kaiser: Da hat der Personalchef sich auch mal zwei Hefte ausgeliehen und zu Informationszwecken durchgeblättert ("ich selbst bin über so was ja schon lange weg"). Am Ende eines rund zehnminütigen, so virtuosen wie komplizierten Monologes ist Herr Kaiser entlassen, hat aber die Aussicht, irgendwann mal wiederkommen zu dürfen.

Das ist die Welt des Heino Jaeger: Anarchisch bis hin zur Grenze des Dadaismus. "Ein Genie", so sagt es der Schriftsteller Eckhard Henscheid, und zwar "ein Jahrhundertgenie, wenn nicht gar ein Jahrtausendgenie" sei der 1938 in Hamburg geborene Kabarettist, Maler und Satiriker Jaeger gewesen. Der schnoddrige norddeutsche Tonfall gehört untrennbar zu Jaegers labyrinthischen Sprachkunstwerken, die dem vermeintlichen Normalbürger ein Podium verschaffen. Jaeger lässt ihn ausreden. Bis zum bitteren Ende. Was oft bedeutet, dass seine Sprecheinlagen ohne Pointe enden.

Versponnener Außenseiter

In den siebziger Jahren war Jaeger fast so etwas wie ein Star, danach geriet er in Vergessenheit. Er starb 1997 an den Folgen eines Schlaganfalls, nachdem er die letzten zehn Jahre seines Lebens in einem sozialpsychiatrischen Heim zugebracht hatte - der geradezu klassische Fall des versponnenen Außenseiters. Ein Zeitgenosse Jaegers wird mit den Worten zitiert, dass dieser "vorsichtig gesagt ein ausgesprochen merkwürdiger Mensch war und auch die Menschen, mit denen er sich umgab, waren mehr als merkwürdig, und mir gelang es nie, deren Gedankenwelt nachzuvollziehen."

Der Verlag Kein & Aber hat soeben eine CD mit Jaeger-Archivaufnahmen von Auftritten und Studioeinspielungen aus den Jahren 1973 bis 1978 herausgebracht, die vierte mittlerweile. Und auch hier erscheint die Welt, wie wir sie täglich erleben, als die ganz normale Groteske.

Der begnadete Rollensprecher Jaeger geht vollkommen auf in seinen zumeist kleinbürgerlichen Figuren und führt sie vor, ohne sie auf platte Weise bloßzustellen: Das Ehepaar, das im nächsten Jahr lieber wieder in den Schwarzwald fährt anstatt nach Mallorca, weil sie mit dem Bier nicht so ganz zufrieden waren und sich außerdem an die hübschen Tannen gewöhnt haben. Den Fliesenleger, der die ganze Welt zukachelt, sogar das Taxi, das er hauptberuflich fährt. Oder den Ostflüchtling, dessen Möbel durch zu starkes Heizen mit Eierbriketts eingelaufen sind (das Bett sogar so stark, dass die Füße herausragen).

Der Anrufer, der sich in seiner Not an die Sendung "Fragen Sie Dr. Jaeger" wendet, erhält den Rat, sich an die eigens dafür geschaffene neue Behörde in Bad Godesberg zu wenden, wobei man allerdings mit einer Wartezeit von ein bis drei Jahren zu rechnen habe.

Beinahe jeder Satz ist ein Widerspruch in sich, alles zusammen allerdings ist in sich schlüssig, wenn auch weit doppelbödiger, als es klingt. Ein eigenes Universum, in dem jede Albernheit erlaubt ist. Darin kommt bereits vieles von dem vor, was heute als gehobener Humorkonsens anerkannt wird.

Es ist kein Zufall, dass eine Verfilmung von Heino Jaegers Leben in Vorbereitung ist. Das Drehbuch schreibt Rocko Schamoni; die Hauptrolle soll Olli Dittrich spielen.

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1. Bloßstellen
Physicker 13.12.2010
"Der begnadete Rollensprecher Jaeger geht vollkommen auf in seinen zumeist kleinbürgerlichen Figuren und führt sie vor, ohne sie auf platte Weise bloßzustellen." Das Schöne an diesen Satiren ist, dass man seinen Nachbarn, seine Kollegen, seine Verwandten etc. in Jaegers Figuren wiedererkennt und über diese innerlich lachen kann, innerlich bloßgestellt auf Jaegers anspruchsvolle Art.
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