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Schätzings neuer Roman: Zurück in die Zukunft

Von Ulrich Baron

Nach dem "Schwarm" geht Frank Schätzing jetzt ans "Limit". Die 1320 Seiten seines neuen Romans stopft er voll naiver Science-Fiction, rasanter Action und purer Nostalgie. Touristen reisen im Mondlift, Helium wird zur Energiequelle - und David Bowie singt mit 78 "Space Oddity" im All.

Science-Fiction-Roman "Limit": Frank Schätzings Space-Odyssee Fotos
Corbis

Erinnern Sie sich noch an die Zukunft?

An den Russen, der Bayern München gekauft hat? Den Filmschauspieler, der Perry Rhodan und Kurt Cobain verkörpert hat? Den Sänger, der im Musical "Nine Eleven" den Osama Bin Laden gesungen hat?

Wenn nicht, dann steht Ihnen ja noch einiges bevor. Zumindest in Frank Schätzings 1320-Seiten-Wälzer. Denn in diesem vereint sich Science-Fiction mit Nostalgie.

"Limit" ist der Nachfolger des Ökokatastrophen-Bestsellers "Der Schwarm", der sich seit seinem Erscheinen vor fünf Jahren millionenfach verkauft hat. Wie groß die Erwartungen an das neue Werk des Kölner Schriftstellers sind, kann man an der Erstauflage ablesen: 400.000 Exemplare druckte der Verlag Kiepenheuer & Witsch. Ein Gutteil davon ist schon vorbestellt - ein Bestseller mit Abnahmegarantie also.

Leider versucht Schätzing, dem schon umfangreichen "Schwarm" noch eins draufzusetzen, was Handlungsstränge, Themenspektrum, Actionreichtum und den Anspruch betrifft, die Zukunft der menschlichen Gesellschaft möglichst allumfassend abzubilden.

Das Ergebnis ist ein Koloss auf vielen, oft solide recherchierten, manchmal aber auch recht tönernen Füßen, die im Takt einer altvertrauten Melodie auftreten. In "Limit" singt der 78-jährige David Bowie noch einmal seine Ballade vom blauen Planeten. Er singt als Ehrengast eines noblen Weltraumbahnhofs, von dem unlängst ein Astronaut in den Tod geschleudert worden ist, bevor er auch nur "Major Tom" sagen konnte.

Ungeschnetzeltes Wiener Schnitzel

Hier verwandelt sich eine Reisegesellschaft milliardenschwerer Investoren in einen kichernden Schwarm menschlicher Kullerpfirsiche. Der wird per Weltraumaufzug in die Schwerelosigkeit und dann auf den Mond verfrachtet, um dort lustvoll geschreddert, zermatscht und gefriergetrocknet zu werden.

Da mischt sich Erlebnisastronomie mit Erlebnisgastronomie, wenn sich ein Berlin-Besucher aus dem fernen China im Restaurant ohne Stäbchen der Herausforderung eines ungeschnetzelten Wiener Schnitzels stellt. "Er legte Messer und Gabel beiseite, nahm das Schnitzel zwischen die Finger und biss hinein."

Kurz und gut: Wir schreiben das Jahr 2025. Ein privat finanzierter Weltraumlift hat die Frachtkosten im Erde-Mond-Verkehr so stark gesenkt, dass lunares Helium-3 die fossilen Energieträger verdrängt und die Öl- und Gaskonzerne an den Rand des Ruins bringt.

China und die USA sind zwei der Hauptakteure, doch der wirklich starke Mann im Mondgeschäft ist der Unternehmer Julian Orley. Der hält nicht nur die Patente für Weltraumlift und Fusionsreaktoren, sondern hat mit dem von seiner Tochter Lynn entworfenen Mondhotel "Gaia" auch im Weltraumtourismus die Nase vorn.

Blutiger Showdown auf dem Airbike

Wie Weltraumlift und Helium-3-Reaktor funktionieren, sollte man lieber nicht fragen. Zum einen reagiert Schätzings Erzähler auf so etwas entweder gar nicht oder erschöpfend ausführlich. Zum anderen bekommen Neugierige hier bald Sicherheitsprobleme. Allen voran die chinesische Dissidentin Yoyo und der Internetdetektiv Jericho. Im erdnahen Teil des Romans kommen sie dem mörderischen Netzwerk Hydra und einem schlangenhaften Berufskiller in die Quere.

Wenn Killer Xin auf seinem Airbike zum blutigen Showdown reitet, kann man nur sagen: Abwrackprämie war gestern, und Schätzing kennt da kein Limit.

Xin ist die vollkommene Mordmaschine. Und doch auch wieder nicht, denn seine explosiven Geschosse treffen zwar mit tödlicher Sicherheit, aber immer nur Autos und Nebenfiguren. Davon gibt es in diesem Roman genug. Nicht nur auf der Erde, wo die Handlung zwischen China, den USA, London und Berlin rotiert und ein Strang bis zurück nach Afrika führt, wo das Ölgeschäft mit blutigen Händen betrieben wurde.

Auch die Mondreisegruppe enthält Charaktere, die zum Kollateralschaden geradezu prädestiniert erscheinen. "Jedenfalls freu ich mich waaahnsinnig auf die Reise", sagt die fidele Milliardärswitwe Miranda und droht: "Ich werde die ganze Zeit über kreischen!" Niemand zweifelt an der Ernsthaftigkeit dieser Behauptung, aber das ist nicht der wahre Grund dafür, dass es den Mondreisenden bald ergeht wie Agatha Christies zehn kleinen Negerlein.

So etwas ist manchmal ein bisschen anstrengend, auch wenn Frank Schätzing sein Bestes tut, die Stimmung durch ausführliche Referate etwa zur Geschichte der Raumfahrttechnik und des postkolonialen Afrikas aufzuhellen. Gleichwohl sind die Spannungsbögen hier so solide und mitreißend wie das Seil, an dem der Weltraumlift hängt. Und dessen Zigtausende Kilometer Länge vermag man ja auch nicht mit einem Blick zu überschauen.

Naives Verhältnis zu Science-Fiction

Was stört: Schätzing erzählt seine Story so, dass man sie in der Ausstellung "100 Jahre Science-Fiction" etwa in der Mitte platzieren würde. Ihr Soundtrack stammt aus den sechziger und siebziger Jahren und enthält neben Bowies "Space Oddity" auch Pink Floyds "The Dark Side Of The Moon". Der Geist der Erzählung wiederum ist noch älter. Zwar gibt es neben fliegenden Taxis und Airbikes auch Avatare, Nanoröhrchen und interaktive 3-D-Brillen - doch das Verhältnis dazu bleibt naiv.

Jerichos Computer spricht mit weiblicher Stimme und macht, was man ihm sagt, kennt weder Spam noch Fehlermeldungen. Wenn Jericho einen heimtückischen Internetpädophilen zur Strecke bringen will, schickt er ihm per Handy einen Trojaner und übernimmt dessen Überwachungskameras, die offenbar noch kein Virenschutzprogramm gesehen haben.

Diese Welt ist keine grundlegend andere, auch wenn es ein paar neue Dinge in ihr gibt.

Autoren wie Philip K. Dick haben der einst von Radiobastlern und Bordfunkern geschriebenen Science-Fiction neue virtuelle Erzählräume erschlossen. Doch ein solches Entgleiten liegt noch jenseits von Schätzings Horizont.

In seinem Weltbestseller "Der Schwarm" hatte er die Faszinosa einer Welt ausgebeutet, die zu unseren Füßen liegt. Seine Mondkulisse dagegen wirkt so grau und staubtrocken, wie sie nun einmal ist. Da helfen auch Fußspuren alter Amerikaner und neue Energieträger nichts.

Um seinen Konkurrenten Atombomben unterzuschieben, Hotels in flammende Infernos zu verwandeln und sich Verfolgungsjagden zu liefern, hätte man sich den Umweg einer Mondfahrt schenken können. Schließlich ist es auf der Erde schlimm genug: "Wir sollen nach Berlin?", krächzt Yoyos Vater ängstlich, "mitten in der Nacht?"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
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1. reziproker Ansatz
visitor_2007 05.10.2009
Zitat von sysopNach dem "Schwarm" geht Frank Schätzing jetzt ans "Limit". Die 1320 Seiten seines neuen Romans stopft er voll naiver Science-Fiction, rasanter Action und purer Nostalgie. Touristen reisen im Mondlift, Helium wird zur Energiequelle - und David Bowie singt mit 78 "Space Oddity" im All. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,653263,00.html
Bislang bin ich immer gut mit folgendem Ansatz gefahren: Wenn der Spiegel etwas verreißt ist, es im Allgemeinen gut zu lesen und wenn der Spiegel etwas gut findet, ist es öde und langweilig. Vermutlich werde ich also mit dem neuen Schätzing gut unterhalten werden...
2. Naja
Lietus 05.10.2009
Ich habe Tod und Teufel nach 120 aufgehört zu lesen, weil ich es einfach naiv und plakativ geschrieben finde. Weiß gar nicht, wieso dieser Autor so gehyped wird. Wahrscheinlich weil es bei deutschen Autoren sowieso mau aussieht, da nimmt man eben das beste der sowieso schon schwachen Glieder.
3. Space Opera alla Banks oder Reynolds ?
ra-berlin 05.10.2009
Mit Phil K.Dick sollte man dieses Buch vielleicht gar nicht vergleichen. Mich erinnert die Schilderung eher an Alastair Reynolds "Revelation Space" bzw. die ganze Serie von Reynolds oder auch Ian M. Banks "Excession". Schätzing scheint dieses im englischsprachigen Raum als "Space opera" bereits seit über zehn oder sogar zwanzig Jahren etablierte Genre nun nach Deutschland tragen zu wollen. Gerade bei Reynolds mit der Idee des Glitterband finden sich viele derbeschriebene Elemente. Auch der Altmeister William Gibson - wenn auch häufig im Cyberspace - griff solche Themen auf. Bin mal auf Kritiken von Leuten gespannt, die Banks, Reynolds und auch die anderen etablierten Space-Opera-Autoren kennen. Mal sehen ob Schätzig da mithalten kann. Das wird nicht einfach werden. Man sollte oben genannte Bücher aber unbedingt im Original lesen.
4. Ich geben keinen Titel mehr an
john mcclane, 05.10.2009
Zitat von LietusIch habe Tod und Teufel nach 120 aufgehört zu lesen, weil ich es einfach naiv und plakativ geschrieben finde. Weiß gar nicht, wieso dieser Autor so gehyped wird. Wahrscheinlich weil es bei deutschen Autoren sowieso mau aussieht, da nimmt man eben das beste der sowieso schon schwachen Glieder.
Der erste Teil vom Schwarm, wo noch relativ ausführlich wissenschaftlich referiert wird, ist wirklich verdammt gut. Später, als Schätzing offenbar gedacht hat, er muß den Tom Clancy für Arme geben, wird das Buch von Seite zu Seite weniger lesenswert und driftet irgendwann in hanebüchene Spinnerei ab. Einen Beigeschmack bekommt das Ganze noch dadurch, das er die Amerikaner durchweg als die Bösen oder die Deppen vom Dienst darstellt. Das mag zwar teilweise seine Berechtigung haben, aber noch zeitgeistiger ging es gar nicht. Die Antwort, warum Schätzing so gehypt wird, findet sich in dessen Vergangenheit: als ehemaliger Chef einer Werbeagentur weiß er, wie man auch den größten Stuß noch irgendwie an den Mann bringt...
5. Besser nicht
Monark, 05.10.2009
Zitat von visitor_2007Bislang bin ich immer gut mit folgendem Ansatz gefahren: Wenn der Spiegel etwas verreißt ist, es im Allgemeinen gut zu lesen und wenn der Spiegel etwas gut findet, ist es öde und langweilig. Vermutlich werde ich also mit dem neuen Schätzing gut unterhalten werden...
Davon sollten Sie lieber nicht ausgehen. Ich habe "Der Schwarm" gelesen und habe mir schon nach den ersten Seiten die Frage gestellt, ob eigentlich jemals ein Lektor über den Text drübergegangen ist. Frank Schätzing kann gut recherchieren, aber nicht schreiben. Null Sprachgefühl - und alles von anderen kopiert. Von seinem neuesten Werk werde ich, wie von allen anderen, schön die Finger lassen. Wenn Science Fiction, dann lieber William Gibson, Philip K. Dick o.ä. Die haben wenigstens was im Schädel und reproduzieren nicht nur die gängigen Hollywood-Blockbuster auf Papier.
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