Bela B als Romanautor Er treibt den Schund auf die Spitze

Holzhammer-Cliffhanger, ständige Selbstüberbietung, Verzicht auf nachvollziehbare Handlung: Der Debütroman von Ärzte-Schlagzeuger Bela B Felsenheimer ist ein großer Spaß - mit tiefen Abgründen.

Konstanze Habermann

Von Jan-Paul Koopmann


Karten für die Lesereise gibt es schon lange nicht mehr. Und diese über 20 ausverkauften Termine sind schon beachtlich für Literaturveranstaltungen, zumal es sich bei dem Roman "Scharnow" auch noch um ein Debüt handelt. Es liegt natürlich am prominenten Autor: Ärzte-Schlagzeuger Bela B Felsenheimer, der sich seit einigen Jahren auch als Vorleser, Synchronsprecher und Schauspieler einen Ruf als Experte für abseitige Genrestoffe erworben hat - von zu Unrecht vergessenen Italowestern, über untergründige Krimis bis zu Gruselcomics.

Dass Felsenheimers erster eigener Roman sich da nun einreiht, ist zwar richtig, aber auch eine maßlose Untertreibung. "Scharnow" treibt die Schundhaftigkeit vielmehr auf die Spitze, ist ein Parforceritt durch die endlosen Weiten des Pulp-Fiction und tatsächlich mutig in seiner irren Absage an eine nachvollziehbare Handlung.

Schon formal lässt sich kaum festlegen: Ist "Scharnow" nun Coming-of-Age-Drama, Psychothriller, Superheldenstoff, Verschwörungsgeschichte oder eine Milieustudie ostdeutschen Kleinstadtlebens? Ein bisschen von allem, hartgekocht in brodelndem Chaos. Es ist jedenfalls nicht immer ganz leicht, das sich überschlagende Geschehen im Blick zu behalten, da hilft auch das fünfeinhalbseitige Personenverzeichnis am Anfang nur wenig. Klar ist das Absicht, ein Scherz irgendwie - auch wenn er ohne Pointe bleibt.

Echte Provinztristesse schlummert unterm Gagaplot

Was in "Scharnow" passiert: Leute kommen unter mysteriösen Umständen ums Leben, eine Mischung aus Trinker-WG und Geheimbund überfällt nackt und kotzend einen Supermarkt, ein Superheld wird nach 25 Jahren von der Öffentlichkeit entdeckt, weil er nach einer Krebsdiagnose die Nerven verliert und im Flug ein paar Schornsteine zertrümmert.

Selbst die im Hintergrund drohende außerirdische Verschwörung ließe sich streichen, ohne die eigentliche Erzählung ins Wanken zu bringen. Die entfaltet sich unaufhaltsam weiter als komplexes und weitgehend zufälliges Beziehungsgeflecht der Einwohner Scharnows, einer fiktiven Kleinstadt im Norden Berlins, wo es nur einen Supermarkt gibt - und einen Plattenbau, in dem die meisten Figuren des Buchs aneinander vorbeileben.

Dass hier zumindest über Eck jeder jeden kennt, aber doch keiner von irgendwem wirklich etwas weiß, ist gewissermaßen der Motor dieser Geschichte. Versteckt unter einer Handbreit Gagaplot schlummert hier echte Provinztristesse zum Nachfühlen. Und die ist übrigens auch wirklich ziemlich witzig.

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Bela B Felsenheimer:
Scharnow

Roman

Heyne Verlag; 416 Seiten; 20 Euro

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Die Erzählperspektive mäandert durch den Text wie die Kamera über ein Filmset: Sie folgt mal jenem hierhin, bleibt dann wieder an einem hängen, der gerade ins Bild stolpert. Dass Felsenheimer sein Schreiben vom Kino gelernt hat, wird endgültig klar, als einem Klischee-Bullen inmitten der Action ein Zahnstocher aus dem Mund fällt und mit Platsch in einer Blutlache landet: Zeitlupe und Großaufnahme in Worten - in einem Buch zudem, das inhaltlich von auffällig vielen VHS-Video-Fetischisten bevölkert wird.

Narrenfreiheit als Glück

Felsenheimer erzählt auf den maximalen Effekt hin: Ob es nun Holzhammer-Cliffhanger am Ende der späteren Kapitel sind, seine vorsätzliche Leserverwirrung durch immer verrücktere Zutaten ("Seelenparkplätze" in Rentnergehirnen etwa, wo verstorbene Figuren des Buches auf ihre Wiedergeburt warten) oder die ständige Selbstüberbietung. Die tragische Heldin Sylvia verliert etwa nicht nur ihren Ehemann und dann ihren Liebesersatzhund, es muss auch noch ihr neuer Liebhaber dran glauben - und der Kater.

Das macht großen Spaß, man nimmt die Ratlosigkeit in Kauf, weil die Sprache so herrlich locker dahinfliegt, als würde Bela B sich die Story grinsend an der Bar aus dem Ärmel schütteln. Da mag mal eine Dopplung zu viel sein und die Metaphern etwas schief... völlig egal. Hier spricht ein selbstbewusster und scharfsinniger Erzähler in bester Laune - mit unbestreitbarer Kompetenz fürs Genre.

Bis zur letzten Seite durchschaut keine der handelnden Personen wirklich, was nun eigentlich los war am "Tag X", um den die Geschichte aufgebaut ist. Auch das ist eine Anlehnung an ein heute wieder angesagte Erzähltradition: an den Cosmic Horror aus den "Pulps" der Zwanziger- und Dreißigerjahre, gepaart mit (im doppelten Wortsinn) fantastischen Assoziationsketten irgendwo zwischen gutgelaunter "Twin Peaks"-Episode, einem ausgenüchterten William S. Burroughs und Douglas Adams im Blutrausch.

"Scharnow" ist eine Konstruktion, in der nun wirklich alles passieren könnte, in der auch tatsächlich eine ganze Menge geschieht, und wo sich zwischen all den sympathisch-harmlosen Schluffi-Freaks mitunter auch echte Abgründe auftun. Ein Promi-Buch ist "Scharnow" nur insofern, als dass man es einem namenlosen Debütanten sicher nicht abgenommen hätte. Und diese Narrenfreiheit erweist sich als großes Glück - für uns alle.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
gehdoch 25.02.2019
1. Ich weiß nicht...
...Das liest sich nicht so, als müsste ich das Lesen. Eher in die Richtung: "Ist das Kunst oder kann das weg?"
roflxd 25.02.2019
2.
Wer Bücher von Bela B. liest, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.
louissipher 25.02.2019
3. @roflxd
ist das nicht wunderbar!?!
t_mcmillan 25.02.2019
4. Ich lese ja so manches...
... aber das hier muss wohl nicht sein. Ein Stichwort aus der Rezension stößt mir aber auf: Provinztristesse. Ich glaube, das ist schlichte Ignoranz. Es íst in der Provinz um keinen Deut trister als in der City, welcher auch immer. Oder umgekehrt: "Großstadttristesse" liest sich genauso gut. Die Tristesse ist innerlich, nicht äußerlich.
Newspeak 25.02.2019
5. ...
"Ein Promi-Buch ist "Scharnow" nur insofern, als dass man es einem namenlosen Debütanten sicher nicht abgenommen hätte. Und diese Narrenfreiheit erweist sich als großes Glück - für uns alle." Ist das wirklich so? Ich glaube, die Welt waere ein besserer Ort, wenn es wirklich nur um echte Leistung ginge. Nicht im Sinne des kapitalistischen Wettbewerbs, sondern auf der Basis von Koennen. Buecher von Prominenten sind leider in der Mehrheit der Faelle eben nur dem Namen zu verdanken, und sind nur ein weitere Mosaikstein im Rauschen, das einen bestenfalls nicht tangiert, und einen schlimmstenfalls nur noch nervt.
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