Premiere in Hamburg Die Säge kommt zum Schluss

Heinz Strunks Buchbestseller "Der goldene Handschuh" macht sich als Schreckensrevue auf der Theaterbühne prächtig. Allerdings wird beim Spiel um den Serienmörder Honka der Horror dem Spielwitz geopfert.

Sinje Hasheider

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"Alkohol ist keine Lösung. Sondern eine Verbindung." Der alte Chemiker-Witz um die Volksdroge in Schnaps und Co. könnte als Motto über dieser breitwandigen Honka-Revue im Hamburger Schauspielhaus stehen: Die Kneipentruppe im Kiez-Etablissement "Der goldene Handschuh" funktioniert als trinkende Verbindung bestens. Der Ort, an dem in den Siebzigerjahren der vierfache Frauenmörder Fritz Honka seine Opfer fand, entfaltet in seinem beweglichen, schwankenden Bau auf der Schauspielhausbühne einen morbiden Charme.

Er zieht den Zuschauer buchstäblich in die Gosse der Begierden und schalen Witze. Der Raum ermuntert durch die Offenheit, die Figuren wie Zootiere zu begaffen und ihrem Zappeln in der Drogenfalle seltsame Lust vor dem erwartbaren Untergang zu entwickeln.

Geschlagen und gedemütigt

Mit dem Untergang beginnt die rund zweistündige Fahrt vom Fegefeuer der Kneipe in die Hölle von Wahn und Tod, doch erst ganz zum Schluss packt Honka die Säge aus - diese Inszenierung des Buches für die Bühne braucht wenig Blut, der Schrecken entsteht zwischen den Menschen, die sich gegenseitig ein Wolf sind und sich ineinander verbeißen. "Oben rein und unten raus" ist eine der unzähligen flachen Weisheiten, die sie sich pausenlos um die Ohren hauen.

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"Der goldene Handschuh" im Schauspielhaus Hamburg: Schreckensrevue auf der Theaterbühne

Das Ende des Zweiten Weltkrieges mit Bombenhagel und Feuersturm deutet sich hinter einem flickendurchzogenen Plastikvorhang durch Lichtgewitter auf der Bühne an: Hamburg in Chaos und Tod, Chiffre für die mentale Positionierung des jungen Honka, der mit Mühe dem Schrecken zunächst physisch entkommt, ihn aber fortan in sich trägt. Geschlagen und gedemütigt, fast umgebracht von Bauern, für die er arbeitet, beginnt er ein verzweifeltes Leben.

Eine Reise in ein verzweifeltes Leben

"Es geht eine Träne auf Reisen": Salvatore Adamos melancholischer Hit von 1968 zieht sich als Themensong durch die Inszenierung, die Autor Heinz Strunk im Team mit seinen Studio-Braun-Kollegen Jacques Palminger und Rocko Schamoni gleich selbst besorgte. Mal auf trauriger Mundharmonika gespielt, mal als Original aus der Musikbox, dieser rührselige Schmerz bringt die falsche, tödliche Lust auf einen schaurigen Punkt: der Soundtrack des langsamen Todes.

Harter Schnitt: Das Torkelballett der Stammkundschaft des "Handschuh" legt zu Beginn eine kesse Sohle aufs Parkett, sind wir vielleicht doch in Schmidt's Tivoli auf der Reeperbahn gelandet? Spätestens wenn sich Charlie Hübner, der unbestrittene Star des Abends und auch des Schauspielhaus-Ensembles, mit wiegendem Harald-Juhnke-Gang als wandelnde Trunksucht über die Bühne schiebt, bleiben alle hinter seiner Präsenz zurück. Der besessene Blick, die schnellen Stimmungswechsel, die hilflose Zärtlichkeit, die explosiv-antisoziale Aggression, das alles feuert er mit einer rasenden Brillanz ab, die die drückende Last von Schicksal und Tod fast vergessen lässt. Man lacht im Parkett, aber lachen kann auch eine Flucht sein.

Kurzer Schein der Hoffnung

Die Bühne (zielführend und schlüssig erdacht von Stéphane Laimé) folgt im Drehen oft schwindelerregend den Fäden der Handlung. Wenn sich der Sohn der Hamburger Reederfamile Van Dohren (rührend naiv auf der Suche nach Kiez-Sex: Jonas Hien) sich auf der Flucht vor seiner skrupellosen Familie in die St. Pauli-Abgründe verirrt, glänzt kurz ein Schein der Hoffnung in die Schattenwelt zwischen Theke und Honkas verdreckter Wohnung. Die Poledancerin Ruth (Rica Blunck) setzt ihm als flott-zufriedene Nachwuchs-Nutte erotische Flausen in den Kopf, um ihn kurz darauf wieder in den Wind zu schießen. Enttäuschung und kalte Ernüchterung: überalls das Gleiche.

Die gebeutelten Frauen um Honka, allesamt noch größere Alkohol- und Sozialopfer als der im Kern mit bürgerlichen Ambitionen ausgestattete Mörder, bieten in der Bühnenversion des "Handschuh" das größere Spiegelbild des Schreckens als die männlichen Höllenbewohner. Wo der zynische und gefühllose "Soldaten-Norbert" ("Früher war er SS-Mann. Was für ein Abstieg") oder der ehemalige Profiboxer und jetziger Kneipenchef Herbert (routiniert und laut von Heinz Strunk selbst gespielt) sich ihre Pseudowürde mit vulgären Scherzen bewahren, stürzen die Frauen ab oder mutieren zu Witzfiguren. Bettina Stucky entwickelt die unterwürfige Gerda Voss in Honkas verkommenem Haushalt zu einem hilflosen Opfer, sie spielt den puren Schrecken als auswegloses Leben, das selbst dem bodenlosen Wesen Honkas nur Verachtung entlockt. In diesen Szenen zwischen Hübner und den Frauen, die er unter sich wähnt, entfaltet sich eine emotionale Gewalt, die der Inszenierung über Strecken fehlt.

Notgeil und tragikomisch

Die andere Ebene, der bürgerliche Honka, erlebt eine scheinbare Erfolgsstory, als er einen Job als Wachmann bekommt und sich prompt in die Frau (brillant: Lina Beckmann) seines Arbeitgebers Erich Dennigsen verliebt (fast unerträglich tragikomisch und notgeil: Josef Ostendorf) und damit weitere Abstürze ins Elend programmiert. Lina Beckmann in tollen Masken ist der zweite Star der Höllenfahrt: Wie sie den zwei Frauenfiguren (bürgerliche Gattin und Alkoholopfer Anni), die sie in der Inszenierung verkörpert, Profil gibt, Komik und Trauer zelebriert, rührend schlicht und derbe ein verletztes Innenleben verschiedenen Zuschnitts glaubhaft macht, ist große Kunst.

Ein wenig entgleiten diese Momente des herzzerreißendes Schmerzes in den musikalischen Einlagen der sehr gut aufgestellten Bühnenband mit Bläsern und der flotten Heilsarmee-Sopranistin Gisela (Rosemary Hardy). Aber hier sollte es ja eine Revue sein, wie das Studio-Braun-Team vor der Premiere verkündete. Zu viel Horror kann die Laune verderben. Und die Show soll ja wohl noch ein bisschen weitergehen, das geht nur mit Humor und Comic Relief.

Das Premierenpublikum jedenfalls applaudierte dankbar, vor allen dem Star Charly Hübner, der nicht mal inmitten des Jubels seinen Wahnblick ablegte: ein Mann, ein Horror.

Der goldene Handschuh. Regie: Studio Braun.
Im Deutschen Schauspielhaus Hamburg, nächste Vorstellungen am 23.11., 10.12., 11.12., 17.12., 18.12., 22.12. sowie am 17.1.2018.



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