Schlüpfrig: Blüte der Geisha-Memoiren

Von Karin Liebe

Von der Kunst des Kimonobindens bis zur Zeremonie der Entjungferung wird keine Facette ausgelassen. Die Autobiographie "Die Geisha" ist ein Weltbestseller und wird von Steven Spielberg verfilmt. Dabei ist die Geschichte fiktiv und von einem Mann geschrieben.

Schlüpfrige Gedanken spinnen sich um diesen alten Beruf, den es nur in Japan gibt - und der langsam ausstirbt. Sind Geishas devote Dienerinnen, verkappte Prostituierte oder hochgebildete Unterhaltungskünstlerinnen? Die Neugier auf diese Fragen ist so groß, daß die eben erschienene fiktive Biographie einer Geisha, die ein Mann geschrieben hat, sofort in Deutschland und Amerika in die Bestsellerlisten kam. Gelesen wird Arthur Goldens Roman, anders als sonstige Belletristik-Bestseller, auch von vielen Männern. Steven Spielberg wird das Buch als nächstes Projekt verfilmen. Die Dreharbeiten beginnen bereits im Januar.

Die Vorstellung einer rundum sie verwöhnenden Frau, die selbst keine Forderungen stellt, kommt wohl manchen wie das verlorene Paradies auf Erden vor. Denn eine klassisch ausgebildete Geisha, so erfahren wir aus dem Mund von Goldens Ich-Erzählerin Chiyo, kümmert sich selbstlos um das Wohlergehen ihrer männlichen Kunden. Sie tanzt, singt und spielt die japanische Laute, sie schenkt unermüdlich Tee und Sake ein und weiß geistreiche oder auch anzügliche Anekdoten zu erzählen. Eigene Bedürfnisse versteckt sie diskret unter einer weißen Schminke aus Unnahbarkeit.

So wie Golden gedanklich in den Körper einer Geisha schlüpft, so hat auch ein anderer Amerikaner geistige Geburtshilfe für die echten Memoiren einer Geisha geleistet. Die in Tokio lebende ehemalige Geisha Kiharu Nakamura plaudert in ihrer Biographie "Kiharu-Memoiren einer Geisha", die letztes Jahr auf deutsch erschienen ist, aus dem Nähkästchen. Von sich aus wäre die alte Dame wohl nie auf den Gedanken gekommen, ihre Memoiren zu schreiben - was literarisch auch kein Verlust gewesen wäre. Doch ein amerikanischer Lektor hat sie überredet, ihren staubtrockenen Lebensbericht zu veröffentlichen. Farblos reiht sie Detail an Detail und beweist durch Geschwätzigkeit, daß Schreiben nicht zur gestrengen Ausbildung einer Geisha gehört.

Arthur Golden dagegen kann schreiben. "Die Geisha" erzählt einfühlsam und unterhaltend vom Schicksal des Fischermädchens Chiyo, das in den dreißiger Jahren in Kyoto zu einer berühmten Unterhaltungskünstlerin in Teehäusern und auf Gesellschaften heranwächst. Vom Vater aus finanzieller Not an einen Industriellen verkauft, muß sich die Neunjährige in der strengen Hierarchie eines Geisha-Hauses behaupten. Dort trifft das kluge Mädchen mit den ungewöhnlichen grauen Augen auf eine boshafte Rivalin, die ihr fast den Lebenstraum zerstört: endlich eine Geisha zu werden.

Von der Kunst des Kimonobindens bis zur Zeremonie der "mizuage", der Entjungferung - Golden läßt keine Facette der Lehrjahre einer Geisha unerwähnt. Ein Enthüllungsroman ist "Die Geisha" trotzdem nicht geworden. Golden schaut zwar sehr genau auf die weißgepuderten Masken, er reißt sie den dienenden Damen aber nicht vom Gesicht. Diese Diskretion zeugt von einem tiefen Respekt vor der japanischen Kultur.

Beiden Büchern gemein ist der Duft der Nostalgie. Denn in die hohe Kunst des Entertainments, das traditionell fern von käuflichen Liebesdiensten liegt, lassen sich heute nur noch wenige junge Japanerinnen einführen. Das Durchschnittsalter klassisch ausgebildeter Geishas liegt mittlerweile über Vierzig. Längst haben Schnellkurse die jahrelange teure Ausbildung verdrängt. Für ihre Dienste verlangen diese Schmalspur-Geishas nur noch einen Bruchteil der früheren Preise. Nachdem in Tokio auch Striptease-Shows im Geisha-Outfit boomen, gleitet der ehemals hochgeachtete Beruf ins Rotlichtmilieu ab. Dann ist die traditionelle Welt der Geishas tatsächlich nur noch in Büchern zu finden.

Arthur Golden: "Die Geisha". C. Bertelsmann Verlag, München; 576 Seiten; 46,90 Mark

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