Schreibmaschinenbilder Tipp, tipp, tipp, die Kunstmaschine...

Von "Lallbrocken" zu Liebhaberobjekten: Mit der Erfindung der Schreibmaschine entstand eine lebendige Künstlerszene, die das neue Werkzeug und seine Möglichkeiten ausloteten. Frauen bereiteten der konkreten Poesie den Weg.

The Sackner Archive of Concrete and Visual Poetry/ Sieveking Verlag

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"ooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo"
So lautet die erste Zeile des Gedichts "Night Sky from My Daughter's Room", das der britische Schriftsteller Michael Mott 1971 verfasste. "oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooMMMMMMMMMM"
lautet die zweite Zeile.

Eine laaaaange Reihe kleiner o, dann ein paar M. Nicht gerade Schillers "Glocke". Und für manche vielleicht ein Anlass, sich über den Dichter lustig zu machen. Es lohnt allerdings, sich auf das Stück einzulassen, zu erkennen, was für eine ungeheure Ruhe die Reihung dieser beiden Buchstaben ausstrahlt. Wie Mott allein durch diese Zeichen, diesen Klang und ganz ohne Worte die Stimmung des Nachthimmels wiedergibt.

Dennoch wird dieses Gedicht wohl von den wenigsten Lesern von links nach rechts und von oben nach unten, Zeile für Zeile wahrgenommen, sondern als Ganzes. Denn Motts Schilderung des Nachthimmels vom Fenster des Zimmers seiner Tochter aus ist ein Werk der konkreten Poesie.

"Night Sky from My Daughter's Room": konkrete Poesie von Michael Mott
The Sackner Archive of Concrete and Visual Poetry/ Sieveking Verlag

"Night Sky from My Daughter's Room": konkrete Poesie von Michael Mott

Ein Quadrat, ein Textfenster, 51 Zeichen breit und 51 Zeilen hoch, ein Feld aus großen und kleinen o, großen und kleinen m, Fragezeichen, Punkten, Plus- und Gleichzeichen. Ein Ausblick auf sanft bewegte Nachtluft oder graue Schatten, in die ein junges Mädchen, das gedankenverloren aus dem Fenster sieht, seine Gewissheiten (.), Vermutungen (=) und Fragen (?) zu streuen scheint.

"Sprachknochensplitter, die sich für Poesie halten"

Bei konkreter Poesie haben die meisten deutschen Leser vermutlich Reinhard Döhls Gedicht "Apfel" vor Augen. Das besteht aus nichts als dem Wort Apfel, und die Wörter bilden die Form eines - genau - Apfels. Döhl war Medienwissenschaftler und Professor für Germanistik an der Universität Stuttgart. Er arbeitete aber auch als Künstler, schuf konkrete Poesie, Collagen und Mail Art.

Lyrik ist eine Gattung mit wenigen Fans, konkrete Poesie ist eine Form, die selbst innerhalb der raren Spezies der Lyrikenthusiasten wenig Begeisterung auslöst. Das wusste auch Döhl. Einen Aufsatz über konkrete Poesie begann er mit Verrissen aus der Presse. "Sprachknochensplitter, die sich für Poesie halten", schrieb etwa die "Zeit" über den Gedichtband "33 konstellationen" von Eugen Gomringer, dem Vater der heute bekannten Sprachkünstlerin Nora Gomringer, und ätzte weiter: "Sie entstammen einer Kiste, die Lallbrocken enthält, aber auch Wörter, die von Tischen reicherer Männer in diese Armseligkeit fielen."

Nun hat der Sieveking Verlag Typewriter Art und der konkreten Poesie einen reichen Band gewidmet mit dem Titel "Schreibmaschinenkunst" (jedes Cover ist übrigens ein Unikat und - natürlich - im Stil der "Schreib/ Maschinen/ Kunst//" gestaltet). Die Autoren Marvin und Ruth Sackner haben 1979 gemeinsam das Sackner Archive of Concrete and Visual Poetry gegründet - aus ihrem Archiv stammen die gezeigten Werke im Buch. Auch die Texte hat das Ehepaar verfasst.

In Artikeln voller interessanter Anekdoten geben sie einen klugen Überblick von der Entwicklung der Schreibmaschine, den Anfängen der Typewriter Art bis hin zu einer kleinen Geschichte der konkreten Poesie.

Monatelange Arbeit für ein Motiv

So erfährt man, dass die ersten Künstler an der Schreibmaschine Frauen waren. Nicht überraschend - wenn man bedenkt, dass das Maschineschreiben ein Frauenberuf war. Doch die Autoren erklären auch, wie es dazu kam: Der Zeitungsverleger, Politiker und Erfinder der ersten kommerziell erfolgreichen Schreibmaschine war Christopher Latham Sholes. Das neue Werkzeug ließ er 1869 patentieren - und seine Tochter das Modell auf Messen und Plakaten vorführen. Als die Firma Remington & Sons Sholes Erfindung übernahm, griffen auch sie bei ihren Präsentationen auf gutaussehende Damen zurück, um den Maschinen mehr Anziehungskraft zu verleihen. Später wurde das Maschineschreiben für Frauen der damaligen Zeit zu einer guten Möglichkeit, Geld zu verdienen - bis zu zehnmal so viel wie in einem Fließbandjob in der Fabrik.

Doch schnell gab es auch Frauen, die nicht nur ihre Zehn-Finger-Technik perfektionierten, sondern in ihrer Freizeit komplexe, mitunter beinahe fotorealistische und - dank farbiger Bänder - sogar bunte Bilder mit ihren Maschinen schufen. Einzig durch die Zeichen, die ihnen zur Verfügung standen, und das unterschiedliche Einziehen des Papiers in die Maschine. Mit den unterschiedlichen Buchstaben und angepassten Laufweiten wurden Schattierungen erzeugt, aus Satzzeichen entstanden Schraffuren. Auf diese Art ein Bild zu erzeugen, erforderte ungeheure Präzision und Geduld. Mitunter dauerte die Arbeit an einem Motiv Wochen und Monate.

"Pia de la Seu" im Detail: Ein Bild von Montserrat Alberich i Escardivol
The Sackner Archive of Concrete and Visual Poetry/ Sieveking Verlag

"Pia de la Seu" im Detail: Ein Bild von Montserrat Alberich i Escardivol

Eine der bekanntesten Künstlerinnen dieser Disziplin war die Spanierin Montserrat Alberich i Escardivol, die mit ihren Bildern die Effekte der Malerei gekonnt in ihr Medium übersetzte. So entstanden etwa ein Porträt der Herzogin von Devonshire oder ein Bild der gotischen Kathedrale "Pia de la Seu". Zwischen den dreißiger und sechziger Jahren hatte Escardivol etliche Ausstellungen in spanischen Galerien.

Wie die Aufsätze des Bandes, so vermittelt auch die Auswahl der Kunst einen Überblick über die unterschiedlichen Disziplinen. Dabei wird allen Gattungen derselbe Respekt entgegengebracht, sei es nun Kunst, Kunsthandwerk oder einfach nur ein Kapitel über Schreibmaschinenlehrer, die sich mit der Präsentation und Verschönerung von Texten beschäftigt haben.

So empfahl etwa Julius Nelson in seinem "Stylebook for Typists" von 1949 Texte d u r c h d i e V e r ä n d e r u n g d e r L a u f w e i t e
d e r B u c h s t a b e n oder
durch die
Verkürzung
von
Zeilen
lebendiger zu gestalten.

George A. Flanagans "Ornamental Typewriting": Grafik als Zierde
The Sackner Archive of Concrete and Visual Poetry/ Sieveking Verlag

George A. Flanagans "Ornamental Typewriting": Grafik als Zierde

Den tiefsten Einblick geben dennoch die Werke selbst. So ist es eine gute Entscheidung, auf rund 250 der 350 Seiten des Buchs einfach Beispiele für die verschiedenen Arten der Schreibmaschinenkunst zu präsentieren. Diese vermitteln nicht nur ein Verständnis für die feinen Unterschiede zwischen den jeweiligen Disziplinen, sondern bieten auch einen fantastischen Anlass, sich in die Wortbilder und Zeichenmotive zu vertiefen und so Auge und Denken an den Werken zu schulen. Da sie alle aus dem Sackner Archiv stammen, ist dies natürlich nicht der absolut definitive Band über konkrete Poesie und Typewriter Art. Aber in jedem Fall ist es eine vielstimmige Klaviatur, um seinen Verstand auf dieser eindrucksvollen Kunstform zwischen Sprache und Bild, Form und Inhalt spielen zu lassen.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
kulinux 02.11.2015
1. Ein schönes und tiefgründiges Beispiel von Ernst Jandl:
[aus dem Kopf zitiert] m mm mmm mmmm mmmmm mmmmmmoral Ist es nicht witzig, wie der Berg von "m"s die "Last" der Moral zum Ausdruck bringt …*und hinter dem Berg dann ausgerechnet "oral" kommt? (Obwohl ich vermute, dass Jandl das vielleicht nicht unbedingt beabsichtigt hat ;-))
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