Schriftsteller Andreas Altmann Wie man seine Eltern exorziert

Ehrlich, aufreibend, kraftvoll: Andreas Altmann hat ein Buch über seine Jugend im bigotten Wallfahrtsort Altötting geschrieben. Es ist die Abrechnung eines Mannes, der sich endlich befreit hat von seinem tyrannischen Vater und seiner trostlosen Vergangenheit.

Wolfgang Schmidt

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Da sitzt er, und fast könnte er einem leid tun. Einst der jüngste Kisch-Preisträger aller Zeiten, schon lange erfolgreicher Reporter und Reiseschriftsteller, und jetzt auch noch Bestsellerautor, aber das bedeutet ihm nicht viel, er könnte auch den Nobelpreis gewinnen, sagt Andreas Altmann, vielleicht drei Tage lang würde er sich dann daran freuen, aber danach käme es zurück: das Gefühl der Wertlosigkeit.

Jedes Kind, sagt Andreas Altmann, kommt mit der unbedingten Gewissheit auf die Welt, geliebt zu werden: "Er begleitet Dich Dein Leben lang, er schützt Dich wie eine Ritterrüstung: Der Satz 'Ich wurde geliebt.'"

Andreas Altmann wurde nicht geliebt. Nicht von der Mutter, einer Frau, die sich früh aufgegeben hat in einer mit dem Wort "unglücklich" noch viel zu heimelig beschriebenen Ehe, die sich unbedingt eine Tochter wünschte, und Andreas mit Missachtung strafte, sobald sich dieser Wunsch erfüllt hatte. Und nicht vom Vater. Vom Vater sowieso nicht.

Hass auf alles und jeden, insbesondere die Familie

Franz Xaver Altmann aus dem erzkatholischen Wallfahrtsort Altötting in Bayern, ein Sohn aus begütertem Haus, gut aussehend, Bestnoten auf dem Gymnasium, er hätte Akademiker werden, die Enge der Heimat verlassen können, aber er wurde, was sein Vater war und vor dem sein Großvater: Rosenkranzhändler.

Er muss ein grausamer Mann gewesen sein, dieser Franz Xaver Altmann, gekränkt von der Erbärmlichkeit und Bigotterie seines Berufs, gezeichnet von seinen Erlebnissen im Krieg, verbittert und voller Hass auf alles und jeden. Insbesondere auf seine Frau und seine Kinder.

Andreas Altmann hat ein Buch geschrieben über diesen Vater, über das Leiden als Kind, das Ungeliebtsein, die Enge von Altötting, die Verlogenheit der katholischen Moral. "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" ist ein anstrengendes Buch mit einem ehrlichen Titel. Auf über zweihundert Seiten schildert Altmann, wie der Vater die Familie tyrannisiert, wie er geschlagen wurde, in der katholischen Schule schikaniert, wie Demütigung auf Demütigung folgt, bis er endlich, endlich aufbegehrt, in einem Kampf über den Vater siegt und sein Elternhaus für immer verlässt.

Keine Elendsjeremiade, keine Selbsttherapie

Mehr Handlung ist nicht - es handelt sich bei dem Buch um eine authentische Schilderung, und das Leben ist eben manchmal so geradlinig schrecklich wie Altmanns Jugend. Das Faszinierende an Altmanns "Scheißleben" ist denn auch weniger die Überraschung, die auf der nächsten Seite wartet (tatsächlich geschieht nie etwas überraschendes, es wird nur alles schlimmer und schlimmer, bis sich der junge Altmann endlich befreien kann), sondern die Sprache, in die der renommierte Reporter seine Jugenderlebnisse gekleidet hat.

Das ist ihm sehr wichtig: Er sei kein "armes Schwein, das sich frei schreibt". Sein Buch soll auf keinen Fall eine Elendsjeremiade sein, keine Selbsttherapie. Therapien hat Andreas Altmann in seinem Leben genug gemacht, 19 Jahre lang, berichtet er, in allen Teilen der Welt, doch, sie haben ihm geholfen, durch den Tag zu kommen, aber befreit, geheilt haben sie ihn nicht. Die innere Befreiung kam erst, als er, der von daheim Geflüchtete, das Schreiben entdeckte, zunächst nur für sich, im Tagebuch, und später als gefeierter Reporter.

Altmann hat vor dieser Autobiographie zahlreiche Bücher über seine Weltreisen geschrieben, viele seiner Texte sind in "Geo" erschienen und in anderen Magazinen, aber erst jetzt, mit über sechzig Jahren, hat er die Sprache gefunden, sich mit seiner Jugend, seinen Eltern, seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Erst jetzt habe er "die Flughöhe" gefunden, den nötigen "Rotz", damit sein Text gerade nicht weinerlich klingt, sondern stark.

Sein Leben ist anders geworden

Und das tut er. "Das Scheißleben" ist eine kraftvolle Abrechnung geworden, in sich steigernden Episoden, mündend in die finale Auseinandersetzung mit dem Alten, deren Schilderung in einem einzigen Satz geschieht, der sich über zweieinhalb Seiten erstreckt, die ganze Wut, der Hass, die Auflehnung hat Altmann hier hinein gepackt, und am Ende die Erlösung: "Ich war frei." Endlich.

Das Interesse an Altmanns Buch ist beträchtlich, er hat es bereits auf die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft, und berichtet von zahlreichen Leserzuschriften. Zu vielen Menschen ist es offenbar in ihrer Jugend ähnlich ergangen wie ihm, für sie drückt er aus, was sie nicht sagen können. Vielleicht noch nicht sagen können.

Viele von Altmanns früheren Bekannten sitzen heute noch in Altötting, sind Beamte geworden oder Sachbearbeiter, fristen ihr Dasein im immer noch erzkatholischen, bigotten "AÖ", wie Altmann nur sagt, weil er den vollen Namen des Ortes am liebsten gar nicht aussprechen würde. Altmann ist raus. Er lebt heute in Paris. Er reist, er schreibt, er liest. Man muss den Titel seines Buches genau lesen: Bei Mutter und Vater sind es "Scheißleben". Bei ihm ist es nur eine "Scheißjugend". Sein Leben ist anders.

Andreas Altmann muss einem nicht leid tun.



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
duk2500 19.10.2011
1. dröge
Bücher von Söhnen, die sich an ihren Vätern abarbeiten oder von Töchtern mit der dominanten Mutter sind zwar manchmal für dei Autoren therapeuthisch wertvoll, aber meistens ziemlich dröge Lektüre für den Leser. Das muss man sich nicht unbedingt antun.
Vox libertatis 19.10.2011
2. Ein grossartiges Buch!
Andreas Altmanns Abrechnung mit dem Elternhaus, oberbayrischem Mief und der katholischen Religion ist ausserordentlich sprachgewaltig und kein bisschen larmoyant. Kafkas Brief an den Vater wirkt dagegen fast wie eine Liebeserklärung. Allerdings: Ehrenbürger Altöttings dürfte Altmann nun kaum noch werden.
smasher42 19.10.2011
3. Ich würde mal sagen: nicht hilfreich
Zitat von duk2500Bücher von Söhnen, die sich an ihren Vätern abarbeiten oder von Töchtern mit der dominanten Mutter sind zwar manchmal für dei Autoren therapeuthisch wertvoll, aber meistens ziemlich dröge Lektüre für den Leser. Das muss man sich nicht unbedingt antun.
Klingt nach einer Fern-Rezension eines Buches welches Du nicht gelesen hast. In dem Sinne ist auch Dein Beitrag für den Leser eher von geringerer Bedeutung ...
Stefan Neudorfer, 19.10.2011
4. Katholikenphobie ist modern
Katholikenphobie ist modern und deshalb wird das Mileau auch so beleuchtet. Nur ist dieses Mileau überall anzutreffen und hat weder mit Altötting noch mit sonst etwas zu tun. Nur man stellt es sich gerne so vor. Hauptsache es wird das eigene Mileau nicht beleuchtet, hauptsache es kommt nicht heraus das man die eigenen Kinder geoutsourced ganztägig betreuen lässt, damit man möglichst ungestört leben kann. Hauptsache das Kind plappert nicht heraus das man alla materiellen Wunsch erfüllt, nur einen Wunsch nicht - mal Zeit zum Spielen zu haben. Hauptsache es kommt nicht heraus das es keine Liebe in der Familie gibt und man Probleme Pillen und Therapien löst und nicht mit Gesprächen in der Familie. Hauptsache es kommt auch nicht heraus das der Onkel, der Bruder oder sonst jemand immer so komische Sachen macht. Hauptsach es kommt nicht heraus das man sich selber immer wieder die Birne zuschüttet. Hauptsache es kommt nicht heraus das man immer wieder eine andere Frau oder einen anderne Mann anschleppt und das Kind Probleme damit hat, weil mann/frau eben nicht alleine sein möchte. Hauptsache es kommt nicht heraus das ich Lüge und Betrüge und meinen Kindern nichts Gutes vorlebe. Hauptsache es kommt nicht heraus das ich immer so klug tue, aber meinen Kindern Antworten nach dem Sinn des Lebens verweigere, weil ich sie selber nicht habe. Beim Lesen des Buches sollte man sich überlegen was die eigenen Kinder in 20 oder mehr Jahren schreiben. Ist das Mileau besser in dem wir leben? Machen wir es besser? Mir reichen meine Fehler und das was ich von anderen Familien mitbekomme ... und das lässt erahnen welche Bücher in 20 Jahren geschrieben werden. Warum machen wir es nicht besser?
matze1958 19.10.2011
5. Wohl kein Einzelfall
Altmann führt das tyrannische Verhalten seines Vaters zum Teil auf dessen Erlebnisse im Krieg zurück. Damit dürfte seine Jugend, wenn vielleicht auch nicht in dieser drastischen Form, der Jugend vieler seiner Generation ähneln. Denn es ist ja wohl nicht anzunehmen, dass die Soldaten der Wehrmacht ohne Verletzungen an ihrer Seele aus dem Krieg zurückgekehrt sind. Wäre schon damals - ab den 50er Jahren - dies ein Thema in der bundesdeutschen Gesellschaft gewesen, gäbe es vielleicht die Bundeswehr nicht , ganz sicherlich aber nicht diese unsinnigen Kriegseinsätze deutscher Menschen in Afghanistan.
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