Schriftsteller Clemens Meyer: "Unterschicht - was soll denn das sein?"

Knast, Stütze, Drogen: Seine Figuren stehen am Abgrund - doch den Begriff "Unterschicht" lehnt der für den Leipziger Buchpreis nominierte Autor Clemens Meyer ab. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über seinen neuen Band "Die Nacht, die Lichter", Jugendgewalt und Taxifahren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Meyer, wie geht es eigentlich Piet?

Meyer: Meinem Hund? Och, ganz gut. Der wird ja schon 13 dieses Jahr. Er hat diverse Gebrechen, Knie kaputt und so.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Beziehung zu Ihrem Hund in dem neuen Erzählband "Die Nacht, die Lichter" auch literarisch verarbeitet - in der sehr ergreifenden Geschichte eines Mannes, der für eine überlebenswichtige Operation von Piet das letzte Geld auf der Rennbahn verwettet. Würden Sie das auch für Ihren Hund tun?

Meyer: Ich war sogar mal in so einer Situation - aber ich hatte das Glück, dass ich meine Großmutter anpumpen konnte. Das waren damals deutlich über 1000 Euro für eine Operation. Wie gesagt, er ist jetzt in die Jahre gekommen - und ich bin deshalb selten lange weg von zu Hause.

Autor Meyer: "Ich wollte nie Außenseiter sein"
Jürgen Bauer

Autor Meyer: "Ich wollte nie Außenseiter sein"

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Geschichten geht es dagegen häufig ums Reisen, ums Fortgehen, die Ferne - vor allem das Wegfahren im Taxi ist ein ständiges Motiv. Sind Sie ein Taxi-Fan?

Meyer: Ich fahre sehr gerne Taxi. Aus Solidarität mit der Branche, weil die Leute so unglaublich geizig sind. Aber auch, weil es Spaß macht, sich in fremde Hände zu begeben. Ich bin sogar mal mit dem Taxi von Berlin nach Leipzig gefahren. Nachts, alle Züge waren weg, aber ich musste unbedingt nach Hause.

SPIEGEL ONLINE: Sitzen Sie im Taxi vorne oder hinten?

Meyer: Lieber hinten, obwohl das in Leipzig schwierig ist. Weil die Taxifahrer beleidigt sind, wenn man hinten sitzt. Das ist ein Überbleibsel aus der DDR, eine Art Kumpelhaftigkeit, man sitzt vorne auf Augenhöhe und quatscht ein bisschen.

SPIEGEL ONLINE: Die DDR, das ist auffällig, spielt anders als in Ihrem Debütroman "Als wir träumten" in Ihrem neuen Buch überhaupt keine Rolle mehr.

Meyer: In einer Zeitung stand gerade, meine Helden seien Wendeverlierer. Das stimmt überhaupt nicht. Es gibt in meinem neuen Buch nur eine Geschichte, die so wohl nur im Osten spielen kann. Alle anderen könnten genauso in Gelsenkirchen oder anderswo im Westen spielen. Das ist ein gesamtdeutsches Buch.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem ersten Buch heißt es gleich zu Beginn: "Sicher hatten wir eine Menge Spaß damals. Doch war bei dem, was wir taten, eine Art Verlorenheit in uns." In Ihren Erzählungen ist davon nur noch die Verlorenheit übrig geblieben. Liegt es daran, dass die Figuren älter und desillusionierter geworden sind?

Meyer: Mich interessiert es, Menschen zu beschreiben, die gescheitert und verloren sind. Es müssen Konflikte vorhanden sein in meinen Geschichten. Und die finde ich bei Figuren, die auf der Schattenseite leben, oder eben nicht konform mit der Gesellschaft sind.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum sind die Menschen in den neuen Geschichten so verzagt, so passiv?

Meyer: Es stimmt schon, die Menschen in dem Buch haben eine gewisse Passivität, weil sie alle in irgendwelche Mühlen gekommen sind. Aber was sie sich alle bewahren, ist ihre Würde. Selbst der Mann, der sich immer wieder zusammenschlagen lässt. Weil er immer wieder aufsteht. Das ist Würde.

SPIEGEL ONLINE: Weisen Sie deshalb auch den Ausdruck "Unterschicht" für die Lebenswelt Ihrer Figuren zurück?

Meyer: Unterschicht, was soll denn das sein? Wer gehört dazu und wer nicht? Die klassischen Schichten gibt es doch längst nicht mehr. Ich beschreibe Menschen, denen es nicht ganz so gut geht, gesellschaftlich und finanziell. Weil es da mehr Tragödienpotential gibt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Figuren machen auch den Eindruck, dass Sie an nichts mehr teilnehmen, sind nicht politisch weder links noch rechts, sie wirken in gewisser Weise von der Gesellschaft gelöst.

Meyer: Das sehe ich nicht so. Wenn man über Kriminelle schreibt, über Gefängnisse oder Drogendealer, dann hat das viel mit der Gesellschaft zu tun. Das knüpft auch an Debatten an. Dennoch: Die Leute sind mit ihrem eigenen Überleben beschäftigt. Jeder für sich.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie andere Geschichten schreiben, wenn Sie statt in einer Leipziger Plattenbausiedlung in einem Hamburger Villenviertel aufgewachsen wären?

Meyer: Vielleicht schon. Ich dachte halt früher immer, dass die Leute, über die ich schreibe, das eigentlich auch lesen müssten. Und teilweise ist das auch so. Nicht nur Leute, die in meiner Gegend leben und mich kennen. Ich habe mal einen Brief von einem Mechaniker aus Bottrop bekommen, der hatte meinen Roman gelesen und war ganz begeistert. Der hatte es früher auch wild getrieben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich seit Ihrem ersten großen Erfolg äußerlich sehr verändert, haben sich sogar die Haare wachsen lassen, Ihre Brille …

Meyer: … die trag' ich seit zehn Jahren. Ich weiß aber, was Sie meinen. Sigrid Löffler hat geschrieben, pünktlich zum Start meines neuen Buches würde ich mich generalüberholt à la Mainstream präsentieren. Dabei kennt die mich gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich denn die Haare wachsen lassen?

Meyer: Ich wollte mich mal verändern. Ich habe sie jetzt zehn Jahre kurz getragen, bis eine Frau mir geraten hat, die Haare wachsen zu lassen. Außerdem - ich habe immer noch meine Tätowierungen. Na gut, jetzt trage ich auch mal einen schönen Mantel - aber warum denn nicht? Klar, mein Image ist mir schon bewusst, aber ich wollte nie Außenseiter sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind gelassener geworden?

Meyer: Ich habe sechs Jahre an meinem ersten Roman geschrieben, nebenher musste ich mein Geld verdienen, teilweise auf sehr unschöne Art und Weise. Vielleicht waren die kurzen Haare damals auch eine Kampffrisur. Doch jetzt brauche ich diesen Kampf nicht mehr, um meine literarischen Ziele zu erreichen. Der ganz große Druck ist weg.

SPIEGEL ONLINE: Um beim Bild eines Boxers zu bleiben - Sie wollen unbesiegt bleiben, auch als Autor eine makellose Bilanz haben.

Meyer: Klar, irgendwie schon. Wenn man nach Klagenfurt fährt, will man nicht verlieren. Das nervt mich auch an diesem merkwürdigen Literaturbetrieb, dass man nicht sagen kann: Ja, ich will gewinnen. Da heißt es gleich, der ist verrückt, der ist größenwahnsinnig. Allerdings ist ein Literaturpreis auch nicht das absolute Qualitätskriterium.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn Sie jetzt den Buchpreis in Leipzig gewinnen würden - das wäre schon ganz schön, oder?

Meyer: Absolut. Nicht zuletzt wegen des Geldes.

SPIEGEL ONLINE: Die Figuren in Ihrem ersten Roman - sind das Jugendliche, vor denen man Angst haben muss, so wie Roland Koch sie in seinem Wahlkampf beschrieben hat?

Meyer: Möglicherweise ja. Es sind einige Figuren dabei, die unberechenbar sind. Vor allem, wenn sie getrunken haben.

SPIEGEL ONLINE: Was macht die Politik mit solchen Jugendlichen?

Meyer: Ich habe ja selbst mal im Jugendarrest gesessen und weiß, dass 80 Prozent derer, die da drin waren, später in den richtigen Knast wandern. Das Problem ist, allzu große Härte, wie sie in Amerika praktiziert wird, bringt nichts. Man darf aber auch nicht zu weich sein. Es wird so was immer geben, das ist einfach so.

SPIEGEL ONLINE: Die ostdeutschen Freunde in Ihrem Roman, unterscheiden die sich von Problemjugendlichen mit Migrationshintergrund aus Berlin-Neukölln?

Meyer: Es gibt Gemeinsamkeiten, was den Zusammenhalt betrifft. Aber in Bezug auf das pervertierte Männlichkeitsbild, das vor allem in türkischen Milieus gepflegt wird, gibt es gewaltige Unterschiede.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie heute zwischen Hartz IV und Knast pendeln - ohne die Schriftstellerei?

Meyer: Die Frage stellt sich nicht, weil Schreiben immer mein Ziel war. Ich habe das schon mit neun Jahren gemacht. Gleichzeitig haben mich das Extreme und die Abgründe immer interessiert, mich hat es immer in solche Welten gezogen. Auch wenn es oft Spitz auf Knopf stand, und ich zum Beispiel vor Gericht stand, war ich mir aber immer sicher, dass das klappt mit der Schriftstellerei.

Das Interview führten Florian Gathmann und Jenny Hoch


Clemens Meyer: "Die Nacht, die Lichter", S. Fischer Verlag, 272 Seiten, 18,90 Euro

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback