Schriftsteller H.C. Artmann starb in Wien

Im Alter von 79 Jahren ist der österreichische Schriftsteller am Montag in Wien gestorben. Mit seinen eigenwilligen Konstrukten aus Stilen, Sprachen, Mundarten und Klischees zählte er zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dichtern der Nachkriegszeit.


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H.C. Artmann
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H.C. Artmann

Wien - Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Künstler polarisierte Artmann sowohl mit seiner Arbeit als auch als Persönlichkeit. Der notorische Querdenker war nicht in eine Schublade einzuordnen.

Artmann gilt als Mitbegründer der surrealistischen Literatur, wurde aber hauptsächlich durch seine Mundartdichtungen bekannt. Seine poetischen Bilder rütteln an der Phantasie des Lesers. Idylle und Erotik schlagen plötzlich in Horrorbilder um. Schreckensvisionen stehen neben Trivialem und Kinderliedern. Insgesamt zehn Gedichtbände füllte er mit seiner eigenwilligen Poesie.

Unbekümmert mischte Artmann sämtliche Genres zusammen, die die Literatur zu bieten hat. Der Wiener Dreigroschenroman findet in seinem Werk genauso Platz wie Avantgarde und Volkstümlichkeit. Als beispielhaft für sein ungewöhnliches Gemisch aus Wiener Stadtrand-Plauderei und Surrealismus, aus Sprachkritik und Sprachgaunerei gilt besonders der Band "gedichte von der wollust des dichtens in worte gefaßt".

Sein künstlerischer Durchbruch gelang ihm mit dem Werk "med ana schwoazzn dintn". Dialektgeschichten über die düsteren Seiten der Wiener Gemütlichkeit. Dieser Band prägte ganze Generationen von Nachwuchsautoren, unter anderem auch Raoul Schrott.

Hans Carl Artmann wurde am 12. Juni 1921 in Wien geboren und wuchs als Sohn eines Schuhmachermeisters auf. Er absolvierte die Hauptschule und fing als 15-Jähriger an, Detektivgeschichten zu verfassen. Fremde Sprachen faszinierten ihn. Schon als Kind begann er, mehrere Sprachen zu studieren. Im Laufe seines Lebens soll er sich mit 26 Sprachen auseinander gesetzt haben, darunter Assyrisch und Malaysisch.

1940 wurde Artmann im Alter von 19 Jahren zur Wehrmacht eingezogen. An der Ostfront wurde er mehrfach verwundet. 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Altmann galt als eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Wiener Nachkriegszeit. In den fünfziger Jahren sorgte er zusammen mit der "Wiener Gruppe" mit ungewöhnlichen Auftritten bei Lesungen für Aufruhr in der Literaturszene. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt Artmann 1997 den Georg-Büchner-Preis, eine der wichtigsten deutschen Literaturauszeichnungen.



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