Deutscher Gesellschaftskritiker: Joachim Seyppel ist tot

Sich anpassen? Widerlich. Der Schriftsteller, Journalist und Literaturprofessor Joachim Seyppel ging hart mit allen Ländern ins Gericht, in denen er lebte - ob in den USA, der Bundesrepublik oder der DDR. Am Dienstag ist der Berliner im Alter von 93 Jahren verstorben.

Auch im Alter schrieb Seyppel weiter kritische Werke über die Bundesrepublik Zur Großansicht
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Auch im Alter schrieb Seyppel weiter kritische Werke über die Bundesrepublik

Wismar/Hamburg - Selbst im hohen Alter schrieb Joachim Seyppel noch für das "Hamburger Abendblatt", die "Süddeutsche Zeitung" oder den "Tagesspiegel" und blieb als Reporter und auch als Schriftsteller eine der eigenwilligsten kritischen Stimmen in Deutschland.

Dem 1919 in Berlin geborenen Autor haftete schnell der Ruf eines unangepassten Grenzgängers an. Nach seiner Literaturpromotion in Rostock und der Rückkehr aus sowjetischer Gefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er ab 1945 als Dozent in Berlin. 1949 zog Seyppel als Hochschullehrer in die Vereinigten Staaten und nahm während seines elfjährigen Aufenthalts die amerikanische Staatsangehörigkeit an. Dennoch sparte er nicht mit Kritik an den USA, etwa in seinem Roman "Columbus Bluejeans oder Das Reich der falschen Bilder" (1965), in dem er die Versprechen des amerikanischen Traums den realen Erfahrungen der Menschen gegenüberstellte.

Harsch ging er auch mit der Bundesrepublik um: Seine Satiren über den Wiederaufstieg ehemaliger Nationalsozialisten fanden im Westen keinen Verleger, die Glossen erschienen 1965 im Ost-Berliner Aufbau Verlag unter dem Titel "Als der Führer den Krieg gewann oder wir sagen Ja zur Bundesrepublik". 1973 ging Seyppel schließlich freiwillig in die DDR und lebte sechs Jahre in Ost-Berlin. Doch er geriet immer wieder in Konflikt mit der DDR-Staatsmacht.

Als man ihn in den Westen ausreisen ließ, siedelte sich der Autor in Hamburg an, wo er eine Gastprofessur übernahm und als Journalist arbeitete. Bekannt wurde er durch seine Abrechnung mit dem Kulturbetrieb der DDR unter dem Titel "Ich bin ein kaputter Typ" aus dem Jahre 1982. Für Aufsehen sorgte nach der Wiedervereinigung Seyppels Werk "Trottoir & Asphalt" (1994), in dem er die prägende Rolle der Gruppe 47 für Nachkriegsdeutschland hinterfragte. Mit seinen Literaturkollegen suchte er häufig den Disput, 1997 trat er aus dem Verband deutscher Schriftsteller aus.

Bis vor einem Jahr pendelte Joachim Seyppel noch zwischen Hamburg und dem mecklenburgischen Dorf Drispeth bei Schwerin. 2011 zog er in Wismar in ein Pflegeheim, wo er im Alter von 93 Jahren am Dienstag friedlich entschlafen ist, wie sein Sohn Jonas mitteilte.

sbr/dpa

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Das war ein wahrer Held!
PsyDyn 27.12.2012
Mehr kann man zunächst noch nicht sagen.
2. Gesellschaftskritiker?
menetekel101 15.01.2013
Wohl eher nicht. Er hat diejenigen kritisiert, die Staaten immer wieder korrumpieren, und da spielt es keine Rolle, ob sozialistisch, kommunistisch oder kapitalistisch. Die Systeme gehen immer an der gleichen Sorte Menschen zugrunde. Wie einst die DDR und die UdSSR, so ist jetzt der Westen ihre Beute. Es ist immer das gleiche Dreckspack (die sogenannte "Elite"), das uns ins Elend stürzt.
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