Schriftstellerin Juli Zeh "Ich verstehe, dass mein Stil viele nervt"

Juli Zeh hat mit "Schilf" einen komplizierten Krimi über Physik und Männerfreundschaft geschrieben. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt sie, warum sie gerne dreiste Metaphern verwendet, wie sehr sie ihr Image als Streberin stört und warum junge Autoren nicht politisch sein dürfen.


SPIEGEL ONLINE: Frau Zeh, waren Sie in der Schule eigentlich gut in Physik?

Zeh: Ich muss gestehen, dass ich das Fach gleich abgewählt habe. Aber das lag nicht am mangelnden Interesse, sondern an meiner mangelnden Mathebegabung. Meine einzige Erinnerung an den Physikunterricht ist, dass der Lehrer eine riesige Bleikugel nahm, sie runterfallen ließ und sagte: "Das ist Gravitation". Danach war eine riesige Delle im Boden.

Schriftstellerin Zeh: "Auch meine vorherigen Romane waren in gewisser Weise kriminalistisch"
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Schriftstellerin Zeh: "Auch meine vorherigen Romane waren in gewisser Weise kriminalistisch"

SPIEGEL ONLINE: Dann ist es ja umso erstaunlicher, dass Sie sich in Ihrem neuen Roman "Schilf" mit Fragen der Quantenmechanik auseinander setzen.

Zeh: Ich habe mit meinem Bruder immer viel über physikalische Phänomene gesprochen. So bin ich eher laienhaft darauf gestoßen, dass es Überschneidungen zwischen den Naturwissenschaften und der Philosophie gibt und dass Physiker an Grenzen stoßen, an denen sie ihren Bereich verlassen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich in Ihren Büchern mit sehr unterschiedlichen Themen und Genres beschäftigt, einen Reisebericht aus Bosnien veröffentlicht und ein Buch aus der Sicht Ihres Hundes geschrieben. Warum haben Sie sich jetzt an einen Krimi gewagt?

Zeh: Ich habe erst, seitdem das Buch erschienen ist, kapiert, dass Krimis eine eigene Gattung sind. Dass mein Buch einen Kommissar hat und vom Plot her ein Krimi ist, war für mich kein großer Schritt. Auch meine vorherigen Romane waren in gewisser Weise kriminalistisch, es ging fast immer um begangenes Unrecht, um einen moralischen Grenzfall und um den Versuch, das Weltengleichgewicht durch Aufklärung wieder herzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Die lesende Welt unterteilt sich ja offenbar in Krimileser und Nicht-Krimileser, was sind Sie?

Zeh: Ich lese manchmal welche, aber gerade in den letzten Jahren, als ich versucht habe, skandinavische Krimis zu lesen, die ja sehr populär sind, muss ich zugeben, dass mich das nicht so sehr anspricht.

SPIEGEL ONLINE: Sie äußern sich in "Schilf" ja auch sehr kritisch über Krimis als Fernsehgenre, vor allem über den "Tatort". Was gefällt Ihnen daran nicht?

Zeh: Am deutschen Fernsehen stört mich generell diese bestimmte Bildästhetik, die ich echt abartig finde. Das kann ich mir nicht anschauen.

SPIEGEL ONLINE: Davon sind Sie als Schriftstellerin ja zum Glück unabhängig. Wie würden Sie denn die Ästhetik Ihres Romans auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene beschreiben?

Zeh: Über ein ästhetisches Konzept habe ich so abstrakt noch nie nachgedacht. Der Stoff hat es verlangt, in der Sprache für meine Verhältnisse schlichter zu werden. Normalerweise gehe ich noch viel barocker, ausschweifender und dreister mit Metaphern um. Das ist das, was viele Leute an meinem Stil total nervt. Das kann ich auch gut verstehen. Dennoch ist das die Potenz von Sprache, die mich am meisten reizt. Nur zu den Figuren in "Schilf" passte das nicht, ich kann aber nicht genau begründen, warum.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht, weil es Naturwissenschaftler sind?

Zeh: Das kann sein. Zum ersten Mal waren das zwei Figuren, die ich mir nicht aus eigener Erfahrung erschließen konnte. Fragen wie: Wie reden Physiker in der Kneipe, wenn sie überhaupt in eine Kneipe gehen?

SPIEGEL ONLINE: Sie konzentrieren sich nicht auf eine Hauptfigur, sondern es gibt einerseits die Physikerfreunde Sebastian und Oskar und andererseits die Kommissare Schilf und Rita. Konnten Sie sich nicht entscheiden?

Zeh: Das wollte ich nicht. Für mich hat das Buch zwei Hälften. Es gibt echte Romanfiguren, das sind Sebastian und Oskar, die sehr eng zusammen gehören. Im Grunde sind das zwei Facetten derselben Figur. Oskar hat alle schwarzen und alle Kopf-Eigenschaften bekommen und Sebastian alle hellen und gefühlsbetonten. Die Polizisten kommen dagegen aus einer anderen Welt. Sie sind wie Comic- Figuren, haben etwas Groteskes und Satirisches.

SPIEGEL ONLINE: Der Kommissar löst den Fall auch nicht gerade nach den Buchstaben des Gesetzes.

Zeh: Weil er einen Tumor hat und weiß, dass er bald sterben wird, fühlt sich Schilf an nichts mehr gebunden. Mich hat die Situation interessiert, in der man weiß: Das Leben ist endlich, und auf einmal stellt die Gewissheit, dass man sterben wird, einen Zustand größtmöglicher Freiheit her.

SPIEGEL ONLINE: Eine existenzielle Situation.

Zeh: Ich glaube, darum geht es in vielen Kriminalromanen, deshalb gibt es auch so viele gehandicapte Kommissare, das ist ein Topos für sich. Auch ich kreise in meinen Texten immer wieder um die Frage, was den Menschen moralisch ausmacht, was Verantwortung bedeutet, was in diesem Zusammenhang ein Begriff wie Freiheit bedeutet. Das sind Themen, die eng verbunden sind mit Sterblichkeit und Vergänglichkeit. Das Krimigenre schreit gewissermaßen nach diesen Themen.

SPIEGEL ONLINE: Über Oskar steht im Buch, für ihn sei "Rechthaben kein Bestreben, sondern ein natürlicher Zustand". Hat dieser Satz irgendetwas mit Ihrem Leben zu tun?

Zeh: Ich würde ihn nicht unterschreiben, aber es ist eine Aussage, an der ich mich abarbeite: Wenn wir über Moral und Gerechtigkeit sprechen, ist das was Rationales oder geht es dabei um Gefühle? Kann man Werte und Entscheidungen überhaupt mit dem Verstand lösen oder kann man sie nur fühlen? Oskar ist ein totaler Kopfmensch, der durchdenkt alles bis zu dem Punkt, an dem sich rechts und links die gleiche Anzahl von Argumenten befinden und unterm Strich steht null. Der ist ein Hardcore-Individualist, ein total autonom denkender Anti-Moralist.

SPIEGEL ONLINE: Es fällt auf, dass Ihre Figuren, auch in ihren vorherigen Romanen, stets Sonderbegabungen und Ausnahme-Talente sind. Sind Ihnen "Normalos" zu langweilig?

Zeh: Ich fürchte, ja. Denn die Figuren müssen ja auch zu den Themen passen, die ich in meinen Büchern behandeln möchte. Und da wirkt es nun mal eher unglaubwürdig, wenn ich eine Figur vorher als dumm charakterisiere.

SPIEGEL ONLINE: Auch Ihnen wird in den Medien oft das Image einer Sonderbegabung, sogar einer Streberin aufgedrückt. Nervt Sie das?

Zeh: Und wie! Ich fürchte, dass liegt daran, dass ich zusätzlich zu meinem Autorendasein Juristin bin und mich auch noch zu politischen Fragen äußere. Damit kommen viele Journalisten nicht zurecht.

SPIEGEL ONLINE: Dürfen sich in Deutschland nur Günter Grass und Co. zu politischen Fragen äußern?

Zeh: Nicht einmal mehr die! Gut, die sind schon sehr alt und wiederholen sich oft, da kann ich schon verstehen, dass manche die Nase voll davon haben. Aber man darf auch nicht vergessen, dass diese Autoren über viele Jahrzehnte zu sich selbst und ihren Überzeugungen stehen, worin eine eigene Qualität liegt. Würden sie alle paar Monate ihre Meinungen ändern, um neu und frisch und aufregend zu bleiben, würde man ihnen zu Recht Wankelmütigkeit vorwerfen.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch trotzdem diese Sehnsucht nach einer moralischen Instanz, oder?

Zeh: Man projiziert diese Sehnsucht auf die Schriftsteller und wirft vor allem der jüngeren Generation vor, sie sei unpolitisch und nicht bereit, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Wenn sich dann jemand zu einem politischen Thema äußert, heißt es plötzlich, er wolle sich vordrängen, wichtig machen und unberechtigt einmischen. Das finde ich extrem bigott.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind vor kurzem von Leipzig in ein kleines brandenburgisches Dorf gezogen, mit der Begründung, Leipzig sei literarisch tot. Warum ziehen Sie nicht nach Berlin, wie man das als erfolgreiche junge Schriftstellerin so macht?

Zeh: Da liegt ein Missverständnis zugrunde: Ich bin nicht aus Leipzig weggegangen, weil mir die Stadt nicht aufregend genug ist, was den Literaturbetrieb anbelangt. Zum Schreiben brauche ich keine Literaturszene – dafür kann ich auch auf dem Mond sitzen. Aber es ist eine wohlbekannte Tatsache, dass Leipzig sein literarisches Leben dem ökonomischen Sektor opfert und deshalb in dieser Hinsicht nicht mehr viel zu bieten hat.

Das Interview führte Jenny Hoch


Juli Zeh: "Schilf", Schöffling & Co, 384 Seiten, 19,90 Euro

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