Schriftstellerin Lola Arias Im Liebeswahn

Bekannt geworden ist sie mit biografischem Theater, nun legt Lola Arias ein beeindruckendes Buch vor. Im Vorwort ihres Sammelbands "Liebe ist ein Heckenschütze" fragt sie sich, wie es wohl ist, ihr Buch zu lesen. Nun, es ist aufwühlend.

Theatermacherin Arias: Familienforscherin in biografischen Performances
Kay Itting

Theatermacherin Arias: Familienforscherin in biografischen Performances

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Lola Arias leidet, so klingt es in ihrem Vorwort an, weil sie ein persönliches, ein privates, ein intimes Buch geschrieben hat, das sie nun aus den Händen geben muss, um es einer anonymen Leserschaft auszuliefern. Und so spricht sie diese ihr fremden Leser im Vorwort direkt an, persönlich und privat, sie malt sich also aus, wie zum Beispiel ich, einer ihrer Leser, ihr Buch in meinen Händen halte.

Sie fragt sich, wie viele Minuten, Stunden, Tage ich mit ihm verbringe, ob ich es alleine lese oder jemandem daraus vortrage, ob ich dabei an einer kühlen Wand lehne oder im Schatten eines Baumes liege, sie stellt sich vor, wie ich "an den Klippen der Sprache" entlanglaufe, "von einem Rhythmus, vom Klang eines Satzes, von einem Blick auf die Dinge bewegt", sie sehnt sich nach einem Blick auf das, was ich anstreiche.

Nun ja, diesen Blick kann ich ihr nicht geben, aber ich kann ihr und Ihnen beschreiben, wie es war für mich mit dem Buch, ganz persönlich und privat.

Fünfeinviertel Stunden Melancholie

Einen Abend, einen Vormittag und noch einen Abend lang habe ich darin geblättert, insgesamt fünfeinviertel Stunden lang, auf der Couch und im Bett und am Schreibtisch. Ich habe es von vorne nach hinten der Reihe nach einmal durchgelesen, die Theaterstücke zweimal, ich habe zunächst sehr wenig angestrichen, vielleicht, weil die Kurzgeschichten vorne im Buch schwächer sind als die Gedichte und vor allem die Theaterstücke weiter hinten, vielleicht auch, weil ich erst hineinfinden musste in ihren spröde poetischen Stil. Ich bin über das Lesen melancholisch geworden und manchmal sogar noch mehr: traurig und ängstlich. Ich habe zwischendurch immer wieder das hübsche Cover angeschaut mit dem herrlichen Titel "Liebe ist ein Heckenschütze", zudem das Autorenfoto von Lola Arias hinten im Buch, weil sie darauf so zart aussieht und so hart, so melancholisch und so stark. Kurzum: Ich habe das Buch zu mögen gelernt - und empfehle es nun weiter. Hier und auch privat.

Geboren 1976 in Buenos Aires, ist Lola Arias bei uns bislang vor allem als blitzgescheite Theatermacherin bekannt, als Familienforscherin in biografischen Performances: In "Mi Vida Después" näherten sich sechs argentinische Schauspieler um die 30 den Jugendjahren ihrer Eltern, bewegenden wie verstörenden Biografien aus der Zeit der Militärdiktatur; in "Familienbande" präsentierte sich die wohl ungewöhnlichste Patchwork-Familie des deutschen Theaters, ein lesbisches Schauspielerinnenpaar und ein Schauspieler mit zwei gemeinsamen Kindern, eines natürlich gezeugt und eines über eine Samenspende; in "That Enemy within" sinnierten zwei Zwillingsschwestern, die Regisseurin Anna K. Becker und die Schauspielerin Esther Becker, über das Wesen von Zwillingen und die Identität im allgemeinen.

Gedankenfetzen und Traumbilder

All diese Arbeiten bewegen sich auf der Grenze zwischen Realität und Fiktion, nicht unähnlich den Arbeiten von Rimini Protokoll, dessen Mitglied Stefan Kaegi mit Lola Arias liiert ist. Gemeinsam kuratierten die beiden unlängst das Dokutheater-Projekt "Ciudades Paralelas - Parallele Städte" für das Berliner Hebbel am Ufer, vor einiger Zeit erarbeiteten sie zudem "Airport Kids", eine Produktion mit modernen Nomaden: acht Kindern, deren Eltern Karriere in multinationalen Konzernen machen.

Im Blumenbar Verlag hat Lola Arias nun das erste Mal literarische Texte veröffentlicht: den Sammelband "Liebe ist ein Heckenschütze", "ein Sammelsurium aus unterschiedlichen Genres", wie sie im Vorwort schreibt, "als wäre alles, was ich schreibe, eine einzige Landschaft, die fortwährend ihre Form verändert". Sie springe von einer Textgattung zur nächsten, wisse manchmal gar nicht, ob das, was sie schreibe, ein Gedicht sei oder eine Erzählung oder ein Fragment ihrer Tagebuchaufzeichnungen, ja könne nicht einmal mehr sagen, was erfunden ist und was nicht.

Lola Arias schreibt nüchtern und konkret, ohne Pathos und aufgesetzte Pointen, so trist und zugleich skurril die Momentaufnahmen und Gedankenfetzen und Traumbilder auch sein mögen, die sie verwebt. Ihre Texte lesen sich wie Selbstgespräche, selbst wenn sie als Dialoge daherkommen. Es sind Skizzen zu Liebeswahn und Todessehnsucht, Protokolle der Einsamkeit.

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serdna 16.10.2010
1. lösbares Problem
"Lola Arias leidet, so klingt es in ihrem Vorwort an, weil sie ein persönliches, ein privates, ein intimes Buch geschrieben hat, das sie nun aus den Händen geben muss, um es einer anonymen Leserschaft auszuliefern. Und so spricht sie diese ihr fremden Leser im Vorwort direkt an, persönlich und privat, sie malt sich also aus, wie zum Beispiel ich, einer ihrer Leser, ihr Buch in meinen Händen halte." Wenn sie darunter leidet, dass das Buch veröffentlicht wird, dann soll sie es doch einfach nicht veröffentlichen und gut ist.
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