Schriftstellerin Mian Mian Kulturrevolution im Stundenhotel

Sex, Drogen, Rock'n'Roll und das Lebensgefühl zwischen Mao und Moderne: Die Bücher der chinesischen Schriftstellerin Mian Mian dürfen in der Volksrepublik nicht gedruckt werden. Im Ausland erfreuen sich die Geschichten der schillernden Kult-Autorin dafür größter Beliebtheit - trotz kulturellem Jetlag.

Von Verena Carl


Schriftstellerin Mian: "Deutschland wirkt auf mich sehr ernsthaft und sehr kalt"
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Schriftstellerin Mian: "Deutschland wirkt auf mich sehr ernsthaft und sehr kalt"

Hamburg St. Georg ist die Art von Viertel, die Stadtplaner als sanierungsbedürftig einstufen und Medienmenschen "szenig" finden: schwule Subkultur-Clubs neben Bistros mit "Business-Lunch"-Karte, Designerboutiquen neben Stundenhotels, in denen minderjährige Huren ihre nächste Dröhnung finanzieren; mittendrin der Protzbau des Deutschen Schauspielhauses. Ein typisches Großstadtrevier, das genau so gut in New York oder Buenos Aires liegen könnte - oder auch in einer beliebigen asiatischen Metropole.

Genau der richtige Kiez für einen Auftritt von Mian Mian (mit bürgerlichem Namen Shen Wang), Skandal-Schriftstellerin aus Schanghai, die während ihrer Deutschland-Tour einen Zwischenstopp in der monatlichen "Machtclub"-Leseshow im Schauspielhaus einlegte. Denn ihre Geschichten spielen in Stundenhotels und Clubs, die sich kaum von ihren Hamburger Pendants unterscheiden. Geschichten voller Sex, Drugs and Rock'n'Roll, die der 34-jährigen Schriftstellerin nicht nur in ihrer Heimat Kultstatus garantieren.

Lila Trainingsjacke und Kunstpelzschal

An diesem Morgen wirkt die fernöstliche Diva allerdings nicht so, als würde sie gleich ihr Hotelzimmer zerlegen, Wodka zum Frühstück bestellen oder den Schauspielhaus-Intendanten in der Garderobe verführen. Mian Mian kauert auf einem zerschlissenen Sesselchen in der Lobby des Hotels "Reichshof". Sie trägt eine lila Trainingsjacke und einen Kunstpelzschal, sieht schüchtern und sehr verfroren aus, und die mausbraune Haartönung schimmert unter dem Kunstlicht beinahe grau. "Deutschland wirkt auf mich sehr ernsthaft und sehr kalt", sagt sie, und das zweite ist an diesem Herbsttag nicht metaphorisch gemeint.

Der Kosmos, in dem sich Mian Mians Figuren bewegen, ist westlichen Lesern seltsam vertraut. China-Klischees spielen keine Rolle darin: Die Protagonisten sind eher Heroin rauchende Rockgitarristen als Fahrrad fahrende Arbeiter und Bauern; eher vergnügungssüchtige Partygirls als schweigsame Konkubinen. Auch Politik ist kein Thema, wenigstens nicht direkt. Dennoch ist Mian Mians Prosa den Partei-Kadern nicht genehm. Ihre Kurzgeschichtensammlung "Candy" hatte sich in den ersten vier Monaten nach ihrem Erscheinen bereits 40.000 Mal verkauft, als die Veröffentlichung von höchster Stelle untersagt wurde. Mian Mian sei "eine Symbolfigur geistiger Umweltverschmutzung", so lautete das Verdikt.

"Das ist nicht mein Leben"

Chinesische Metropole Schanghai: Zwischen Mao und Moderne
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Chinesische Metropole Schanghai: Zwischen Mao und Moderne

Das war im Jahr 2000, seitdem dürfen ihre Bücher von keinem chinesischen Verlag gedruckt werden. Die meisten Exemplare sind Raubdrucke, die auf dem Schwarzmarkt verscherbelt werden. Lange Zeit lebte sie hauptsächlich von ihren Jobs als Partyveranstalterin, durch das staatliche Verbot ist sie allerdings auch interessant für das internationale Buch-Business geworden: In Frankreich landeten ihre Kurzgeschichten sofort auf der Bestsellerliste, ihr deutscher Verlag Kiepenheuer & Witsch hat gerade den zweiten Titel von ihr vorgelegt: "Meine Nacht, dein Tag", eine Art literarisches Best-of-Album, teils mit bereits veröffentlichten Erzählungen, teils mit neuen Geschichten.

Ihr neuestes Projekt, ein Kurzroman mit Amateur-Fotos, erscheint demnächst im Original unter dem Titel "Panda Sex" bei einem Hongkonger Verlagshaus, das nicht im staatlichen Besitz ist. Was es mit dem Sexleben der Pandabären auf sich hat, darüber will sie noch nicht zu viel verraten - vermutlich plündert sie wieder einmal ihr eigenes Leben, vermischt eigene Erfahrungen mit denen von Freunden, bedient sich bei Fernseh-Dialogen und Alltagsbeobachtungen. Ihre Geschichten wirken authentisch - autobiografisch aber, darauf legt sie wert, sind sie nicht.

Dennoch hält sich hartnäckig das Medien-Gerücht, sie sei durch den Selbstmord einer Freundin zum Schreiben gekommen. "Das ist nicht mein Leben, das stammt aus einer meiner Geschichten", stellt sie klar. Und auch als Sex-Symbol sieht sie sich nicht: "Ich würde nie von mir aus auf einen Mann zugehen - aggressive Anmache liegt mir nicht, da bin ich sehr chinesisch. Und ich habe auch noch nie mit jemandem geschlafen, der meine Bücher gelesen hat."

Ich habe mich an anderen Themen versucht, aber das geht nicht"

Es liegt allerdings nahe, Mian Mian mit ihren Figuren zu verwechseln. Auch sie hat lange Zeit Drogen genommen, ihre ersten literarischen Gehversuche waren eine Form von Selbsttherapie ("Schreiben war wie Medizin, ich habe mich dann besser gefühlt"). Sie ist in der Club- und Partyszene Schanghais zu Hause, hat ein Kind bekommen und sich scheiden lassen - die vierjährige Tochter lebt bei ihrem Vater in Peking.

Mian-Roman Deine Nacht, mein Tag": "Ich kann nur über das schreiben, was ich kenne"

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"Ich kann nur über das schreiben, was ich kenne", sagt Mian Mian, "ich habe mich an anderen Themen versucht, aber das geht nicht." Im Übrigen sei sie gar nicht besonders interessiert an den Details der "Sex, Drugs & Rock'n'Roll"-Welt: "Das ist nur der Hintergrund. Ich interessiere mich viel mehr für die Figuren, für ihr unperfektes Leben in einem Land, das gerade große Veränderungen durchmacht, für ihre Suche nach Liebe."

Ihr Stil, voll von Weltschmerz und cooler Abgebrühtheit, schwankt zwischen poetischen Momenten und Tagebuch-Prosa, manchmal sinkt er allerdings auch auf "Schicksalsfilm der Woche"-Niveau: "Deshalb liebte sie ihn und hatte zum ersten Mal das Gefühl, dies sei endlich die große Liebe. Sie erlebte echtes Glück, Trauer, Eifersucht... Sie wollte dauernd Sex mit ihm haben, mehrmals am Tag, pausenlos", heißt es etwa in der Titelerzählung des neuen Kiwi-Bandes.

Revolution in China, Gähnen im Westen

Profitiert Mian Mian eher von ihrem Ruf als Verbal-Dissidentin als von ihrem Talent? "Bullshit!", ruft sie empört, "ich bin eine gute Schriftstellerin. Und außerdem waren ausländische Verlage schon vor dem Verbot meines ersten Buches an mir interessiert." Dennoch, und das weiß sie, ist sie privilegiert: "Ich würde mich nicht als Underground-Autorin bezeichnen, denn ich verdiene gut an meinen Auslandshonoraren, ich kann reisen. Viele chinesische Künstler leben dagegen in großer Armut."

Das Problem von Mian Mians Texten: Sie leiden an einer Art kulturellem Jetlag. In China mögen ihre Geschichten einer zweiten Kulturrevolution nahe kommen, international ist der literarische Stoff reichlich durchgenudelt: Klassiker der Drogenliteratur wie "Naked Lunch" entstanden bereits in den fünfziger Jahren. Dass Frauen über Sex schreiben können, haben schon vor 30 Jahren amerikanische Autorinnen wie Erica Jong ("Angst vorm Fliegen") vorgemacht, und Party, Pop und Co. wurden gerade in Deutschland in den letzten Jahren mehr als genug beackert. Dass Mian Mian ihre unabsichtlichen literarischen Vorbilder nicht kennt ("Ich habe mit 16 die Schule abgebrochen, und das alles habe ich nicht gelesen"), macht die Geschichten nicht interessanter.

Studentenproteste auf dem "Platz des Himmlischen Friedens" (1989): "Wir hatten eine beschissene Schulbildung"
AFP

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Spannend wird es allerdings, wenn Mian Mian ausnahmsweise das Lebensgefühl ihrer eigenen Generation einfängt, der heute 30- bis 35-jährigen Chinesen, die nach der Kulturrevolution und vor der Globalisierungswelle der letzten Jahre aufgewachsen sind. "Wir sind mit russischen und nordkoreanischen Filmen groß geworden, nun hören wir Musik aus England, sitzen bei Instant-Nudeln in der Küche, befürchten, AIDS zu haben und rauchen Haschisch aus Xinjiang", lässt Mian Mian die Erzählerin in der Geschichte "Wir fürchten uns" sagen - und ist in diesem Moment ganz eins mit ihrer literarischen Figur. "Die Älteren haben noch den Mao-Kommunismus erlebt, die heute 20-Jährigen wissen dafür nicht einmal von den Studentenunruhen von 1989. Wir sind genau dazwischen. Wir hatten eine beschissene Schulbildung, wir wissen nicht einmal über unsere eigenen Traditionen Bescheid", sagt sie.

Die Auswirkungen beobachtet die Autorin täglich in ihrer Wahlheimatstadt: "Geld ist reichlich vorhanden, aber den Leuten fehlt der Geschmack. Das habe ich erst auf meinen Auslandsreisen gemerkt - in Schanghai selbst halten die Leute sich für den Nabel der Welt."

Als Mian Mian am Abend vor ihrem Auftritt im Schauspielhaus ankommt, hat sie etwas gegen die deutsche Kälte getan und einen Mantel gekauft. Doch bei ihrem Auftritt sieht sie wieder genau so verloren aus wie in der Lobby des Hotels: kauert mit krummem Rücken auf einem bunten, chinesischen Stoffdrachen und zupft die langen Ärmel ihres Shirts über ihre Finger, während die Schauspielerin Christiane Paul mit großen Gesten Texte aus "Deine Nacht, mein Tag" zum besten gibt. Mian Mian selbst liest zwei Drei-Minuten-Stücke auf chinesisch. Es klingt monoton und ausdruckslos, und sie entschuldigt sich: "Lesungen haben in China keine Tradition, das muss ich nur in Europa machen". Nach der Veranstaltung taucht sie ab in die Hamburger Nacht. Eine anonyme Kultfigur, eine Partyqueen ohne Clique, mit Klamotten made in Taiwan, Make-up made in France, und einer großen Traurigkeit, made in Shanghai.


Mian Mian: "Deine Nacht, mein Tag", aus dem Chinesischen von Karin Hasselbladt; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004; 144 Seiten, 7,90 Euro



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