Schriftstellerin Monica Ali Beiläufig zerschellen Träume

Geboren ist sie in Bangladesch, aufgewachsen in Südlondon. Nachdem sie Mutter geworden war, begann die Britin Monica Ali zu schreiben - eigentlich nur für sich selbst. Trotzdem gelang ihr aus dem Stand ein Bestseller. "Brick Lane" erzählt feinfühlig vom Einwandererleben in Londons East End.

Von Ulf Lippitz


"Brick Lane": Totes Gras statt Reisfelder

"Brick Lane": Totes Gras statt Reisfelder

Das Schicksal schlägt auf Seite 16 zu. Die hübsche Nazneen ist achtzehn Jahre alt, ihre Kindheit im sonnendurchfluteten Bangladesch gerade mit ein paar Skizzen abgehakt - da ertränkt die Tristesse einer Londoner Sozialbauwohnung alle Farben in Staubgrau. Eben bestimmte noch ein Reisfeld die Landschaft, jetzt sind es totes Gras und zerbrochene Pflastersteine. "Wenn ich mir was wünschen würde, wüsste ich schon, was ich mir wünschen würde", denkt Nazneen im Halbschlaf. Dann wacht sie auf - und erblickt neben sich den frischgebackenen, aber mit 40 Lenzen keineswegs frischen Ehemann.

So beiläufig zerschellen Träume in Monica Alis Debütroman "Brick Lane". Die Lebens- und Leidensgeschichte vor dem Hintergrund der Titel gebenden Straße, auf der zum großen Teil Immigranten aus Bangladesch und Pakistan leben, trumpft nicht mit Mitleid, aber viel Präzision. Die 36-jährige Ali beschreibt einfühlsam und humorvoll die Kreise, die Nazneen erst vorsichtig, dann aufbegehrend im Londoner East End zieht - wie sie zaghaft erste Brocken Englisch lernt, das erste Kind verliert, ihren Mann überredet, sie arbeiten zu lassen und einen Liebhaber findet. Eine wunderbare Geschichte, ohne Pathos und Weichzeichner.

Das fanden die Juroren des renommierten Literatur-Magazins "Granta" auch. Sie setzten Ali 2003 auf die Liste der besten Jungautoren Großbritanniens - und das zu einem Zeitpunkt, als nur ein Kapitel des Romans öffentlich vorlag. Eine große Ehre: Auf den weltweit gelesen Seiten begannen auch die Karrieren von Zadie Smith ("Zähne zeigen") und Arundhati Roy ("Der Gott der kleinen Dinge"). Als der Roman in den britischen Buchläden stand, entwickelte er sich sofort zum Bestseller. Im Herbst kam eine Nominierung für den Booker Prize hinzu, den dann aber DBC Pierre für seine Satire "Jesus von Texas" erhielt.

1100 wissensdurstige Leser im Publikum

Wenn man Monica Ali gegenüber sitzt, spürt man eine gewisse Erleichterung, dass sie nicht auch noch den Booker gewann. Ihr Leben ist seit einem Jahr aus dem Ruder geraten. Interviews, Lesungen, Interviews. Wer kümmert sich um die Wäsche zu Hause, die beiden kleinen Kinder und die Einkäufe? "Mein Mann hilft sehr gut mit", sagt sie, "und meine Mutter auch." Trotzdem: die vom Publikum gewünschte Präsenz kann sie nicht bieten. Sie schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen, als sie an die Lesung auf der Kölner Litcologne denkt. "Oh God", sagt sie nur, deren Mutter aus England und deren Vater aus Bangladesch stammt. 1.100 wissensdurstige Menschen wollten sie sehen - und alles, was Monica Ali sah, waren unbarmherzige Scheinwerfer.

Autorin Ali: Schreiben als Ausgleich zu Mutterpflichten
AP

Autorin Ali: Schreiben als Ausgleich zu Mutterpflichten

Ihr Leben verlief bisher in versteckten Bahnen. Die Familie zog von Dhaka nach Bolton, als Monica vier Jahre alt war. Dort lebte sie in der asiatischen Gemeinschaft der Kleinstadt, ging nach Oxford zum Studium und arbeitete lange in der Marketing-Abteilung eines kleinen Verlags. Das Schreiben wurde ihr zum Bedürfnis, als die Kinder geboren wurden. Sie setzte sich nachts an den Computer und schuf sich einen Ausgleich für die aufreibenden Anforderungen an eine Mutter. Zufällig sah eine Bekannte einige Seiten - und schlug sie dem Doubleday-Verlag vor. Der Rest ist eine Erfolgsgeschichte, wie sie selten genug in der Literatur passiert.

Viele Leser glauben, Ali sei selbst ein Kind der Brick Lane. Doch die Autorin lebt in Südlondon, kommt nur zum Einkaufen hierher, manchmal auch am Sonntag zum Bummeln, wenn die neuen Cafes und Bars ein trendiges Publikum anziehen. Auf der bunt gemischten Strasse entspannt sie - und findet Erinnerungen. "Mein Lieblinsgeschäft ist das Ambala", sagt sie und strahlt. "Dort gibt es traditionelle Süßigkeiten aus Indien und Bangladesch, die ich auch als Kind gern gegessen habe. So weiße milchige Bälle, die eine Konsistenz wie ein Schwamm haben. Lecker!"

"Die Menschen verkauften Müll auf dem Bordstein"

Das erste Mal auf der Brick Lane - daran erinnert sich Ali sehr genau. Es war ein ähnlich hässlicher Eindruck wie die Buchheldin Nazneen ihn von ihrem Fenster aus beobachtet: "Das muss vor fünfzehn Jahren gewesen sein. Ich ging in die kleinen Seitenstraßen, in denen sich ein Markt befand. Die Menschen verkauften ihre Sachen direkt von einer dreckigen Decke, die auf dem Bordstein gelegt war. Und sie verkauften Müll - das waren Sachen, die niemand mehr gebrauchen konnte, irgendwelche Objekte aus Metall oder Holz."

Heute ist die Brick Lane eine ausgewiesene Touristengegend. In den Reiseführern werden die vielen kleinen Restaurants empfohlen, die sich eng aneinander reihen. Die Banker aus der nahe gelegenen City kommen jeden Abend auf ein Chicken Curry vorbei, am Wochenende lockt das 93 Feet East ein hippes Club-Publikum aus aller Herren Länder. Die ehemaligen Lagerhäuser um die Ecke haben findige Investoren zu ultra-teuren Designwohnungen umgebaut. Das Künstlerpaar Gilbert & George wohnt seit vier Jahren hier. "Was mich überrascht ist, dass es nicht mehr Spannungen gibt", merkt Monica Ali an. "Wir haben junge Leute, die mit neuem Geld reinkommen und Menschen, deren Verhältnisse sich seit Jahren nicht grundlegend verbessert haben. In den Sozialbau ist ja kaum investiert worden. Vor diesem starken Kontrast kommen sie recht gut miteinander aus."

Und wo ist Nazneen? Sie ist eine der vielen Frauen Ende 30, die hier ihrer Geschäfte nachgehen. Vielleicht kauft sie gerade beim Metzger ein oder verkauft ein genähtes Kleid in einem Laden. Sie lächelt möglicherweise über die zerschnittenen Jeans und komischen Frisuren der neuen Klientel, aber es ist ein nachsichtiges und zufriedenes Lächeln. Denn ihr Traum ist wahr geworden. Monica Ali hat ihn stellvertretend aufgezeichnet: einen Wunsch von der Hoffnung beseelt, geachtet, geliebt und unabhängig zu werden.

Monica Ali: Brick Lane, aus dem Englischen von Anette Grube, Droemer/Knaur, München 2004, 544 S., 19,90 Euro



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