Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin Christa Wolf ist tot

Sie galt als eine der wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit und als die große Chronistin von DDR und deutscher Teilung. Nun ist Christa Wolf im Alter von 82 Jahren gestorben.

dapd

Hamburg - Christa Wolf, eine der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit, ist tot. Wolf, 1929 als Tochter eines Kaufmanns in Landsberg im heutigen Polen geboren, floh 1945 mit ihrer Familie nach Mecklenburg - und trat nur vier Jahre später in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) ein. Ein Entscheidung, die Weichen stellen sollte - auch und gerade für ihr Werk.

Denn in ihren Arbeiten offenbarte sie nicht nur ihre ambivalente Haltung sich selbst gegenüber - sondern vor allem gegenüber den politischen Systemen, in denen sie nach dem Krieg lebte. Ihr schriftstellerisches Werk ist eng mit der Existenz der DDR verknüpft. Trotz mancher Auseinandersetzung mit der SED-Obrigkeit hielt die Autorin dem Staat die Treue. Noch im November 1989, wenige Tage vor dem Mauerfall, hoffte sie auf einen sozialistischen Neubeginn - und machte das auch öffentlich.

"Der geteilte Himmel", eine Erzählung über eine Liebe kurz vor dem Mauerbau, hatte Wolf 1963 schlagartig bekannt gemacht. Endgültig etabliert im Literaturbetrieb war sie, die 1964 die Bundesrepublik und den Frankfurter Auschwitz-Prozess besucht hatte, mit der Erzählung "Nachdenken über Christa T." (1968), in der sie die Spannung zwischen den Ansprüchen der Gesellschaft und dem Anspruch der Protagonistin auf individuelle Entfaltung thematisiert.

Pflichtlektüre der Friedens- und Frauenbewegung

Mit Werken wie dem semi-autobiographischen Roman "Kindheitsmuster" (1976), der Erzählung "Kein Ort. Nirgends" (1979), die eine imaginierte Begegnung zwischen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderode beschreibt, avancierte sie schließlich selbst zur Person der Zeitgeschichte.

"'Kein Ort. Nirgends', das ist der Ausdruck für mein Lebensgefühl damals. Es gab für mich keine Alternativen, keinen Ort. Ich habe in der DDR nicht mehr mitgespielt", sagte Wolf selbst später und beschrieb damit ihre widerstreitenden Gefühle für das DDR-Regime. Natürlich habe man sich oft gefragt: "Wollen wir nicht gehen?" Doch dafür, dass sie dann eine der "ganz wenigen Revolutionen der deutschen Geschichte" miterleben durfte, habe es sich gelohnt zu bleiben.

Mit ihrer Erzählung "Kassandra", die 1983 zuerst in der Bundesrepublik erschien, setzte sich Wolf auch mit dem und der Gefährdung des Friedens auseinander (wofür Geschlechterkonfliktsie sich der homerischen Figur der Kassandra bediente). Die Erzählung wurde zur Pflichtlektüre der Friedens- und Frauenbewegung in Ost und West.

1976 gehörte sie zu den Mitunterzeichnern des "offenen Briefs gegen die Ausbürgerung" des Liedermachers Wolf Biermann und wurde mit einer Rüge abgestraft, wohingegen ihr Mann Gerhard aus der SED ausgeschlossen wurde.

Stasi-Vorwürfe

Nachdem Wolf im Juni 1989 schließlich selbst aus der SED ausgetreten war, mischte sie sich im Wendeherbst des Jahres 1989 öffentlich mit dem Begehren ein, gemeinsam mit den Bürgerbewegungen "aus dem eigenen Land heraus Veränderungen" zu bewirken. Sie forderte die Einsetzung von Untersuchungsausschüssen, in denen sie mitarbeitete. Am 28. November 1989 trat sie mit Stefan Heym, Friedrich Schorlemmer und anderen im Aufruf "Für unser Land" für die Weiterexistenz der DDR und gegen eine "Vereinnahmung" durch die Bundesrepublik ein. An die Ausreisewilligen wandte sie sich mit der Bitte zu bleiben, um eine "wahrhaft demokratische Gesellschaft zu gestalten". Nach zahlreichen Stellungnahmen, Reden, offenen Briefen, Lesungen und Interviews zog sich Wolf, die als "Verfechterin des Sozialismus" und "domestizierte Opponentin" des SED-Staates angegriffen wurde, von der Tagespolitik zurück.

Die Auseinandersetzung verschärfte sich noch einmal, als im Januar 1993 Wolfs frühere Stasikontakte publik wurden. Harsch kritisiert wurde die Schriftstellerin, die sich in der "Berliner Zeitung" zu ihrer Vergangenheit als "IM (Informelle Mitarbeiterin) Margarete" bekannte, vor allem deshalb, weil sie seit Mai 1992 Kenntnis von ihrer "Täterakte" hatte und dennoch weitere Monate darüber schwieg. Wolf reagierte darauf, indem sie 1993 in einem bis dahin beispiellosen Vorgang ihre Stasi-Akte veröffentlichte ("Akteneinsicht Christa Wolf") und damit alle Spekulationen beendete.

2010 veröffentlichte Wolf ihren letzten Roman "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud", in dem wieder die Hinterlassenschaft der DDR im Zentrum stand. Hauptschauplatz ist Kalifornien, wo die Autorin von September 1992 bis Juli 1993 als Gast der Getty-Stiftung lebte. In diese Zeit fiel auch die Nachricht, dass ihre Dokumente in der damals von Joachim Gauck geleiteten Behörde für die Stasi-Unterlagen aufgetaucht waren.

Zuletzt lebte sie in Berlin und Woserin in Mecklenburg-Vorpommern. Über den Tod sagte sie einmal in einem SPIEGEL-Interview: "Ich denke viel an den Tod, und es ist mir fast jeden Tag bewusst, dass die Frist, die mir noch bleibt, kurz ist. Während des Schreibens habe ich manchmal gedacht: Na, das werden sie mich vielleicht noch zu Ende schreiben lassen."

sha



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