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Schwarzer und Burma: Alice im Wunderland

Die Junta, das kleinere Übel? "Emma"-Gründerin Alice Schwarzer zeigt in einem Zeitungsbeitrag Verständnis für die Politik der burmesischen Diktatoren - und kritisiert die westlichen Helfer. Zynischer kann eine Journalistin kaum werden, schreibt Matthias Matussek in einem offenen Antwortbrief und verlangt ihren Rücktritt als Nannen-Preis-Jurorin.

Liebe Alice Schwarzer,

unsere Differenzen sind hinreichend bekannt, wir haben uns oft gestritten, auch öffentlich, aber auch sehr unterhaltsame und fröhliche Begegnungen gehabt, und bei einigen großen Kontroversen - etwa dem Burka-Streit - haben wir auf der gleichen Seite argumentiert. Nun werde ich wohl den Verdacht in Kauf nehmen müssen, dass ich lediglich einen Schauplatz für einen neuen Gefechtsgang suche. Doch hier geht es nicht um Frauen- oder Männerrollen, sondern um Wesentlicheres: um die Essentials unseres Berufes, um handwerkliche und gesinnungsethische Prinzipien des Journalismus.

Alice Schwarzer: Abstoßendes ideologisches Gebräu
DPA

Alice Schwarzer: Abstoßendes ideologisches Gebräu

Ihr Artikel "Warum Burma echte Freunde braucht" in der "FAZ" vom 31. Mai 2008 ist ein Skandal, der nicht unkommentiert bleiben darf. Er mischt Vorurteile, Schlampigkeiten und kitschige Reisebilder zu einem wahrhaft abstoßenden ideologischen Gebräu und ist insgesamt eine Schande für unseren Berufsstand.

Die Fakten zur burmesischen Katastrophe sind bekannt. Über die Bilder, die der Zensur der Junta entschlüpften, über Korrespondentenberichte und burmesische Informanten wurde alle Welt Zeuge, wie die Flutopfer im Irrawaddy-Delta nicht nur allein gelassen, sondern auch daran gehindert wurden, sich aus dem Katastrophengebiet zu retten.

Und Ihnen fällt dazu der saloppe Satz ein: "Wohin hätten Sie auch fliehen sollen?"

Systematisch und aktiv blockierte die Junta Rettung und Entlastung durch Hilfsorganisationen - und Sie vergleichen die Situation mit der Flutkatastrophe in New Orleans und ihren Pannen, wo "wirklich effektive humanitäre Hilfe erst Tage nach der Katastrophe" gegriffen habe.

Es ist erschreckend, wie Sie selbst simple Nachrichten-Zeilen ideologisch aufrüsten. Seit Wochen erleben wir, wie sich Wasseraufbereitungsanlagen, Zelte und Reissäcke in Rote-Kreuz-Camps stapeln, weil sie nicht verteilt werden dürfen - und Sie beklagen die Zeile der "FAZ" "Hunderttausende Burmesen weiter ohne Hilfe" als "vorwurfsvoll". Diese Zeile, werte Kollegin, stand so in sämtlichen anderen Blättern auch, und sie bezeichnet keine Meinung, sondern eine Tatsache.

Muss man das einer Journalistin wirklich noch erklären? Sie nennen einen Freund, der sich seit Jahren "unbehelligt vom Militärregime" im Land bewegen dürfe - und erwecken damit den Eindruck, dass all jene Journalisten und Helfer, die sich beklagen, genau das nicht zu dürfen, unglaubwürdig seien. Der selige Karl Eduard von Schnitzler in seinem "Schwarzen Kanal" hätte das nicht virtuoser gekonnt.

Die internationale Gemeinschaft, schreiben Sie, "gibt sich mitfühlend". Das heißt: In Wahrheit ist sie es nicht. In Wahrheit verfolge sie in ihren Hilfsaktionen wohl andere Ziele, nämlich das, was die burmesischen Generäle – und sämtliche uniformierten Blutsäufer-Cliquen, die ihr Volk als Geisel nehmen - als "Einmischung in die inneren Angelegenheiten" bezeichnet haben.

Die nennen es Unterwanderung, und Sie, Alice Schwarzer, liefern Belege. Sie erwähnen das Weißbuch "From Dictatorship to Democracy", das von einer "von Präsident Reagan initiierten" Organisation herausgegeben wurde und nun auf burmesisch erschien. Ändert sich damit irgendetwas an der Tatsache burmesischer Menschenrechtsverletzungen? Irgendetwas an der Tatsache, dass Hunderttausende hungern und Tausende krepieren, weil die Militärs aus einem zynischen Machtkalkül heraus Hilfe blockieren?

Sie gehen sogar auf Dissidenten los: Viele der im letzten Jahr protestierenden und zusammengeschlagenen und inhaftierten Mönche, so führen Sie aus, seien nur "Mönche auf Zeit" gewesen, was Ihnen den Schluss nahelegt, dass es sich wohl um Agitatoren gehandelt haben muss. Zynischer kann eine Journalistin die Inhaftierten in Myanmar wohl nicht denunzieren.

Sind Sie als Journalistin nicht zu ganz besonderer Sensibilität in dieser Frage verpflichtet?

Nun besorgen Sie den ideologischen Hintergrund Ihrer Fakten-Klitterung. Sie erinnern an die englische Kolonialzeit, und beschwören die fortdauernde Gültigkeit der zurückliegenden Traumatisierungen, die Sie aus eigenem Augenschein bestätigt sahen: "Als ich begann, das Land zu bereisen, trafen mich, die Europäerin, so manches mal noch diese dunklen, verletzten Blicke."

Sie brauchen diese kitschige Behauptung für ihr Argument, denn Sie wollen die Abriegelung durch die Militärs als Fürsorge einkleiden. Die Junta beschützt das Volk vor neuen Kolonialherren - was für eine Pointe! So ähnlich funktioniert sie wahrscheinlich auch in Nordkorea. Wenn nun also englischsprechende Leute mit Rot-Kreuzbinden am Ärmel auftauchen, wissen die Burmesen: "Der Ex-Kolonialherr liegt schon lange auf der Lauer."

Lassen Sie mich meinen eigenen Augenschein dagegen stellen. Als ich das Land bereiste, und das ist schon eine Weile her, da wurde ich im Schatten des "Strand"-Hotels von Taxifahrern, Verkäuferinnen, Studentinnen um Schwarztausch-Geschäfte gebeten, und die Blicke waren erst dann "verletzt", wenn ich ablehnte. Die Stadt war dunkel, heruntergekommen, ein verschüchtertes Armenhaus, und sie wirkte noch hässlicher, als man Spuren einstiger Schönheit erkennen konnte. Mir ist es, im Unterschied zu Ihnen, nicht gelungen, "auf der Swedagon-Pagode die Sonne untergehen zu lassen", aber daran hätten mich wohl auch die Offiziellen gehindert, die auf solchen Rundreisen immer zur Stelle sind.

Auch ich habe die schwimmenden Märkte auf dem Inle-See bepaddelt und natürlich habe ich mir auch die Pagoden-Landschaft des "mythischen Pagan" nicht entgehen lassen. Burma ist schön, aber ich habe gelitten darunter, dass Familienväter gezwungen waren, mich anzubetteln, und dass sie immer erst dreimal über die Schulter schauten, bevor sie sich dazu durchrangen. Und ich fand es ekelhaft, wie sich jeder kleine Uniformierte mit Schlagstock spreizte und die Angst genoss, die er auslöste.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 240 Beiträge
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1. Danke!
Weppenstolf 01.06.2008
Da kann man wohl nicht mehr sagen als: "Danke" Eine Antwort wie diese von Herrn Matussek hält den Glauben an denkende Menschen mit Widerspruchsgeist, unabhängig von der Autorität des "Experten", dem widersprochen werden soll, lebendig!
2. titel
R Panning, 01.06.2008
Zitat von sysopDie Junta, das kleinere Übel? "Emma"-Gründerin Alice Schwarzer zeigt in einem Zeitungsbeitrag Verständnis für die Politik der burmesischen Diktatoren - und kritisiert die westlichen Helfer. Zynischer kann eine Journalistin kaum werden, schreibt Matthias Matussek in einem offenen Antwortbrief. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,556969,00.html
Schwarzer hat bei vielen Sache eine komische Meinung, aber warum sich Mattusek nun gerade hier so aufgeilt, nur weil mal jemand sagt, daß die westliche Hilfe eben nicht immer einfach nur uneigennützig ist, verstehe ich nicht. Ist wirklich seltsam, daß Leute, die dort lange vor Ort waren und immer schon geholfen haben scheinbar weit weniger Probleme haben, als die, welche jetzt mit einem Hubschrauberträger vor der Küste auftauchen und helfen wollen... Riesen Überraschung.
3. Bravo!
mbberlin, 01.06.2008
Hevorragende Reaktion auf Freu Schwarzer. Besser hätte man es nicht formulieren können.
4. Aschwarzer
JuliusK 01.06.2008
Schade,dass man in solchen relevanten Debatten das Unwort des Jahrtausends benutzen mußte ("aufgeilt") es hat nichts mit erotischen Erlebnissen des Herrn Karasek, sondern es ist sein gesundes Wahrheitempfinden! Frau Schwarzer verpestet die Medienlandschaft seit Jahrzehnten, vermutlich mit autoerotischer Koponente die mit Omnipräsenz und Präpotenz verbunden sind. Ihre Kommentare über die Junta und die tragische Situation der Menschen dort sind ein Zeichen der fortschreitenden Demenz und schlicht DUMM. Weg mit ihr und nicht nur aus dem Jury der Nannen Stiftung.
5. Ich bin gewiß kein Feminist
reinhard_m, 01.06.2008
aber ich habe volles Verständnis für Frau Schwarzers Kritik an dem als Humanismus getarnten westlichen Imperialismus. Die ewigen Gutmenschen und Befreier wollen hier nur ohne Militärintervention unblutig den Fuß in die Türe bekommen, um das Land dann schrittweise von innen auszuhöhlen und zu übernehmen. So kann man billiger als mit Bomben und Granaten seinen Einflußbereich ausweiten.
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