Affäre im Nobelpreisgremium in Schweden König Carl Gustaf soll's richten

Drei Mitglieder der Schwedischen Akademie, die den Nobelpreisträger für Literatur kürt, ziehen sich zurück. Grund ist eine Affäre um Belästigung, Geheimnisverrat und Veruntreuung. "Eine sehr traurige Entwicklung", sagt Schwedens König.

Mitglieder der Schwedischen Akademie bei ihrem jährlichen öffentlichen Abendessen
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Mitglieder der Schwedischen Akademie bei ihrem jährlichen öffentlichen Abendessen


Am Montagvormittag wollte Schwedens König Carl XVI. Gustaf zu einem Termin im Grand Hotel in Stockholm eilen. Doch die vor dem Haus versammelte Presse hatte noch einige Fragen an den König - in seiner Funktion als Schutzpatron der Schwedischen Akademie; einer Institution, die sein Amtsvorgänger Gustav III. 1786 gegründet hatte - und die nun in einer schweren Krise steckt.

"Eine sehr traurige Entwicklung" nannte Carl XVI. Gustaf die Geschehnisse in der "sehr, sehr, sehr wichtigen Institution", über die er sich am Sonntagabend von der Ständigen Sekretärin der Akademie, Sara Danius, auf Schloss Drottningholm hatte informieren lassen. Doch alle Probleme seien früher oder später zu lösen, fügte der König optimistisch hinzu.

Dass die Lösung der Probleme nicht nur von innerschwedischem Interesse ist, liegt daran, dass die Akademie nicht nur mit Pflege und Förderung der schwedischen Sprache und Literatur befasst ist, sondern auch alljährlich bestimmt, wer mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wird.

Was war geschehen?

Im Laufe des Freitag hatten nacheinander drei Mitglieder der Schwedischen Akademie angekündigt, ihre Ämter bis auf Weiteres niederzulegen. Es handelte sich um den Romanautor und Übersetzer Klas Östergren, 63, den Lyriker und Literaturhistoriker Kjell Espmark, 88, sowie um den Journalisten und Historiker Peter Englund, 61. Am Samstag gab auch die 45-jährige Schriftstellerin Sara Stridsberg an, sie erwäge einen Austritt.

Alle vier hatten bei einer Versammlung der Akademie offenbar für den Ausschluss des Akademiemitglieds Katarina Frostenson gestimmt, doch die Ausschlussgegner hatten nach Angaben der Zeitung "Expressen" die Abstimmung mit 8:6 gewonnen. In persönlichen Erklärungen zu ihren Rücktritten sprachen die Unterlegenen von "schweren Problemen" der Akademie und einem Verrat an den Prinzipien ihrer Gründer.

Sara Danius, die Ständige Sekretärin, bei der Bekanntgabe des Nobelpreisgewinners 2017
REUTERS

Sara Danius, die Ständige Sekretärin, bei der Bekanntgabe des Nobelpreisgewinners 2017

Die Vorwürfe

Im Dezember 2017 hatte die Ständige Sekretärin Danius eine Anwaltskanzlei damit beauftragt, die Vorwürfe gegen die Lyrikerin Frostenson, 65, und ihren Ehemann, den französischen Fotografen Jean-Claude Arnault, 71, zu überprüfen. Im November hatten 18 Frauen in der Zeitung "Dagens Nyheter" angegeben Opfer von sexuellen Übergriffen Arnaults geworden zu sein.

Arnault leitete einen privaten Kulturverein namens "Forum", der als Sprungbrett für literarische Karrieren galt. Im Zuge seiner sexuellen Übergriffe soll er die Nähe seines Vereins zur Schwedischen Akademie betont haben. So durfte er auch die Räumlichkeiten der Akademie in Paris nutzen - auch dort soll es zu Vorfällen gekommen sein. Jean-Claude Arnault bestreitet alle Vorwürfe.

Seine Ehefrau Katarina Frostenson ist seit 1992 Mitglied der Schwedischen Akademie. Sie hält allem Anschein nach zu Arnault. Doch auch gegen sie sind Vorwürfe laut geworden: Als Teilhaberin des Kulturvereins Forum wird ihr Vorteilsnahme angelastet, denn das Forum erhielt über längere Zeit finanzielle Mittel von der Akademie. Darüber hinaus soll sie in mehreren Fällen dafür verantwortlich gewesen sein, dass die Namen der Literaturnobelpreisträger schon vor der Bekanntgabe durch die Ständige Sekretärin durchgesickert seien.

In ihrem Untersuchungsbericht soll die von der Akademie beauftragte Anwaltskanzlei vorgeschlagen haben, ihre Erkenntnisse an die Polizei weiterzugeben. Dazu entschloss sich die Akademie nicht, stattdessen entzweite sie sich über die Interpretation der Ergebnisse.

Die acht Mitglieder, die gegen einen Ausschluss Frostensons gestimmt hatten, erklärten ihre Beweggründe in einem Beitrag für das "Svenska Dagbladet" am Sonntag. Demnach seien für den Vorwurf des Geheimnisverrats im Untersuchungsbericht nur anonyme Quellen genannt worden, es fehle die Rechtssicherheit für eine "außergerichtliche Bestrafung". Einen solchen Ausschluss, darauf weisen die acht hin, gab es in der Geschichte nur für ein Mitglied: Gustaf Mauritz Armfelt war 1794 wegen Vorbereitungen zu einem Staatsstreich in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden.

Das Dilemma mit der Mitgliedschaft auf Lebenszeit

Ansonsten gilt: Die Mitgliedschaft in der Schwedischen Akademie wird auf Lebenszeit verliehen, alle 18 Literaturfachleute, die am Akademietisch ihre festen, nummerierten Plätze haben. Doch zwei Mitglieder haben sich vor Längerem von den Sitzungen zurückgezogen: Kerstin Ekman, inzwischen 84 Jahre alt, zog sich 1989 aus Protest gegen die als zu lax empfundene Haltung der Akademie zur Fatwa gegen Salman Rushdie zurück. Lotta Lotass hingegen verließ die Akademie aus eher persönlichen Gründen. Doch beider Stühle dürfen zu Lebzeiten nicht nachbesetzt werden.

Somit wären nach dem aktuellen Rückzug der drei Mitglieder aus Protest gegen den Umgang mit der Affäre nur noch höchstens 13 Stühle besetzt. Wie die "New York Times" und die "Süddeutsche Zeitung" berichten, gibt es ein Quorum von zwölf Mitgliedern, um wichtige Beschlüsse wie etwa die Aufnahme neuer Mitglieder zu fassen.

Aus diesem Dilemma sucht die Ständige Sekretärin, Sara Danius, nun gemeinsam mit dem König einen Ausweg. Auch sie habe mit Rücktrittsgedanken gespielt. "Doch unsere Mission ist wichtiger als unsere Meinungsverschiedenheiten," so Danius. Sie hofft, Regeländerungen erreichen zu können, nach denen Akademiemitglieder austreten und ersetzt werden können.

Vielleicht, das dürfte ihre Hoffnung sein, entschlösse sich ja dann Katarina Frostenson zum Austritt. Doch der Schaden für den Ruf der Akademie, er dürfte schwer reparabel sein.

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