Fußballroman "Schweine befreien" Literatur ist kein Ergebnissport

Endlich wieder ein Fußballroman: In der schwungvollen Satire "Schweine befreien" erzählt Jens Kirschneck die Geschichte eines abgehalfterten Sportreporters, der in einen Strudel aus Suff und Skandalen gerät.

Autor Jens Kirschneck
Nane Diehl

Autor Jens Kirschneck


Anwälte und Architekten stehen einträchtig auf der Stehtribüne, die Fanschals um den Hals geschlungen: Längst hat sich Fußball in der bürgerlichen Mittelschicht etabliert, das Bekenntnis zum Lieblingsverein ist über Milieugrenzen hinweg salonfähig geworden. Seinen Anteil dazu beigetragen hat "11Freunde", das selbsternannte "Magazin für Fußballkultur". Bedient die Zeitschrift doch monatlich all jene ironiefreudigen Leser, die vom Sportjournalismus nicht bloß schnöde Statistiken und immer gleiche Phrasen erwarten.

Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis sich einer der Autoren zur Langform aufschwingen und sich der noch immer sträflich vernachlässigten Gattung des Fußballromans annehmen würde. In diese Bresche springt nun der Redakteur Jens Kirschneck mit seinem Krimi "Schweine befreien".

Im Mittelpunkt steht Theo Grabowski, Mitte dreißig, Hypochonder und eine mitleiderregende Inkarnation des hard-boiled detective. Sein Vorbild heißt Lew Archer, der lässige Privatdetektiv aus Ross Macdonalds Krimiklassikern. Sein Namensvetter: Jürgen Grabowski, einst Flankengott bei Eintracht Frankfurt.

Ehemaliger Fussballnationalspieler Jürgen Grabowski
DPA

Ehemaliger Fussballnationalspieler Jürgen Grabowski

Doch dieser Grabowski hier ist weder hartgesotten noch ein echter Ermittler, am wenigsten aber Fußballstar. Vielmehr schlägt er sich als Reporter eines Anzeigenblatts durch, schreibt über Esoterikmessen und den örtlichen FC Teutonia, der nach fetteren Jahren inzwischen im Abstiegskampf der zweiten Liga steckt. Als Grabowski nach einer durchzechten Nacht den Vereinsmanager leblos in einem Schweinetransporter zu erkennen glaubt, erwacht sein Misstrauen. Bald stellen sich Fragen: War das Ganze nur eine suffgetrübte Erinnerung oder aber die Spur zu einem Skandal? Und was haben die Neuzugänge vom Balkan mit der Angelegenheit zu tun?

Berater waren eine irritierende Erscheinung - damals

Kirschnecks Protagonist kommt als versoffener Slacker ohne Lebensplan daher. Journalistischer Jagdinstinkt scheint ihm fremd, sein Chef nennt ihn "bequem", die Exfreundin "feige". Dass man trotzdem Sympathie für diesen Antihelden entwickelt und sich auch noch eine Handlung entspinnt, die Grabowski bis an die kroatische Adriaküste und hinein ins windige Geschäft der Spielerberater treibt, folgt der ganz eigenen Logik des Romans, mitsamt seiner haarsträubenden Zufälle, und wird im munteren Plauderton erzählt.

Bei aller Kurzweil verwundert, dass Kirschneck seinen Roman im Jahr 2001 ansiedelt. Zwar kann so Grabowskis Handyverzicht noch als charmante Eigenart abgetan werden und der 11. September Eingang in die Geschichte finden, doch wirkt die Aufregung um Spielervermittler wie aus der Zeit gefallen. Wenige Jahre nach dem Bosman-Urteil von 1995, das es Profifußballern ermöglichte, nach Ende ihres Vertrags ablösefrei den Verein zu wechseln, mögen Berater noch eine irritierende Erscheinung gewesen sein - heute sind sie längst allseits akzeptierter Bestandteil des Profisports. Das Thema wirkt fast obsolet.

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Sieht man darüber hinweg, weiß der Roman durchaus zu unterhalten. Denn der Autor kann aus dem Vollen schöpfen, wenn es um die Gesetze und den Sprachduktus des Fußballgeschäfts geht. Sein fiktiver FC Teutonia gehorcht den wohlvertrauten Regeln des Marktes, denen zufolge man einem angezählten Trainer öffentlich auch dann noch das Vertrauen ausspricht, wenn schon mit dessen Nachfolger verhandelt wird, und wo auf Pressekonferenzen so herrlich plattitüdenhafte Sätze fallen wie: "Fußball ist ein Ergebnissport".

Überzeugende Fußball- und Mediensatire

Kirschneck bringt den nötigen Stallgeruch mit, auch in Sachen Medienbetrieb. Boulevardzeitungen kalauern hier direkt aus der Wortwitzhölle, wobei Grabowski immerhin als "Schmalspur-Schönschreiber" gilt. Trotzdem (oder gerade deshalb) muss er nebenbei Gebrauchsanweisungen für Duschvorhänge texten, um über die Runden zu kommen. Sein Chefredakteur, ein promovierter Literaturwissenschaftler, ist ebenso unsanft gelandet im "Service- und Gebrauchsjournalismus".

So überzeugt "Schweine befreien" weniger als packender Whodunit-Krimi denn als Fußball- und Mediensatire, die gleich auch noch das öde Kleinstadtleben mit aufs Korn nimmt. In Grabowskis Nest kennt jeder jeden, im Zweifel schon seit Schulzeiten. Kirschnecks verschrobenes Figurenpersonal zeugt von einer profunden Kenntnis der Provinz, von einem genauen Blick auf die kleinen Lokalmatadore und ihre Großmachtfantasien.

Bei genauem Hinsehen entpuppt sich Grabowski gar als lustvoll abgehalfterer Wiedergänger seines Schöpfers, schließlich managten beide, Autor wie Romanheld, früher mal eine Rockband. Während Kirschnecks "Hip Young Things" gemeinsam mit den Ramones auftraten, gingen Grabowskis "Torcida" mit Nirvana auf Tour, bevor alles den Bach hinunterging. Vielleicht dürfen wir "Schweine befreien" als persönliche Dystopie des Jens Kirschneck lesen und am Ende aufatmen: Wie gut, dass es der Junge zu was gebracht hat!

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insgesamt 2 Beiträge
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shalom-71 15.10.2016
1. Paderborn
ich verstehe das Buch einfach mal als Liebeserklärung an Paderborn und Osnabrück.
toll_er 15.10.2016
2. Die Latte hängt hoch
Schaun wir mal. Mit Philip Kerr und seinen Fußballkrimis hängt die Latte sehr hoch. Und die sind zeitlich auf der Höhe.
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