Martin-Luther-King-Mörder im Roman Kein Buch für Realisten

Per Steckbrief gesucht, versteckte sich der Mann, der Martin Luther King ermordet hatte, in Lissabon. Ebendort spielte der Debütroman von Antonio Muñoz Molina. In seinem neuen Buch improvisiert er Zusammenhänge. Ein Genuss!

Martin-Luther-King-Attentäter James Earl Ray
AP

Martin-Luther-King-Attentäter James Earl Ray


Man kann Antonio Muñoz Molinas inzwischen fünfzehntes Buch "Schwindende Schatten" als meta-fiktionale Stilübung über einen Schriftsteller lesen, der darüber schreibt, wie er einst einen Roman schrieb - und nun in der Rolle des rückblickenden Historikers kommentiert, was er seinerzeit wie und weshalb getan hat. Sein Buch wäre somit als eine Art literarisches Bild im Bild zu begreifen, das sich - vielfach gespiegelt - immer neu selbst mitenthält.

Das klingt zugegebenermaßen ziemlich kompliziert. Aber es lohnt: Antonio Muñoz Molinas bereits 2014 im spanischen Original erschienener Roman entpuppt sich als Heidenspaß, bei dem Fans ausgeklügelter literarischer Tricksereien ebenso auf ihre Kosten kommen wie Liebhaber vermeintlich klar dimensionierter Geschichten.

Geradezu kriminalistische Detailversessenheit

Wie das? Weil es der 1956 im andalusischen Úbeda geborene Spanier diesmal - anders als noch in seinem doch eher zähen Riesenroman "Die Nacht der Erinnerungen" - auf höchst unterhaltsame Weise versteht, zwei an sich unzusammenhängende Geschichten homogen zu einer zu verbinden. Eingefügt in die rückblickend entrollte Entstehungsgeschichte seines 1987 erschienenen Debütromans "Winter in Lissabon" sind mit kriminalistischer Detailversessenheit angestellte Rekonstruktionen jener kurzen Zeitspanne im Frühsommer des Jahres 1968, in der sich der seinerzeit polizeilich gesuchte Attentäter Martin Luther Kings, der Amerikaner James Earl Ray, ebenfalls in Lissabon aufhielt.

Autor Antonio Muñoz Molinas
Elena Blanco/ Random House

Autor Antonio Muñoz Molinas

Immer wieder springt Molina ausgehend vom Jahr 2014, dem Jahr der Niederschrift des uns vorliegenden Romans, zwischen den Schauplätzen und Jahrzehnten hin und her. Dabei begleiten wir mal sein Autoren-Ich des Jahres 1985 bei dessen Recherchen zu dem geplanten Lissabon-Roman durch die Stadt am Tejo.

Dann wieder erleben wir James Earl Ray bei seinen Vorbereitungen für das geplante King-Attentat - und schließlich dessen Ausführung in Memphis am 5. März 1968: "Durch das Zielfernrohr sah er den Mann, der aus dem Zimmer auf die Veranda trat, sich mit der Hand durchs Gesicht fuhr als hätte er sich gerade rasiert (...…). Er löste sich von Balkongeländer und hatte sich noch nicht ganz aufgerichtet, als die Kugel, deren Abschuss er nicht hörte, Kings Kiefer durchschlug, dann den Hals und die Wirbelsäule, ihn vom Boden riss, wie eine mächtige Brandungswelle gegen die Tür des Zimmers 306 warf und dann auf den Boden, wo er ausgestreckt liegen blieb."

Am Ende ist doch alles anders

Wenig später begegnen wir Ray im frühsommerlichen Lissabon wieder, in das er sich abgesetzt hat, nachdem er als Mörder des Bürgerrechtlers steckbrieflich gesucht wird. Doch der Spieler Muñoz Molina weiß: "Man kann die Dinge so gut planen wie man will, am Ende ist doch alles anders." Und tatsächlich gehen die beiden Geschichten immer mal wieder scheinbar ununterscheidbar ineinander über und werden eins, so dass wie bei einem fotomechanischen Prozess der faszinierende Eindruck einer sekundenlangen Doppel- oder Mehrfachbelichtung entsteht.

Preisabfragezeitpunkt:
22.03.2019, 14:00 Uhr
Ohne Gewähr

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Antonio Muñoz Molina
Schwindende Schatten: Roman

Verlag:
Penguin Verlag
Seiten:
512
Preis:
EUR 26,00
Übersetzt von:
Willy Zurbrüggen

Schon einmal, nämlich in Don DeLillos 1991 auf Deutsch erschienenem Roman "Libra" über den vermeintlichen Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald, wurden wir Zeuge eines solchen Überblendungsverfahrens. DeLillo widmete sich vordergründig der Kennedy-Ermordung und ihren Umständen - vollzog aber immer wieder große zeitliche Sprünge zurück zu den biographischen Anfängen Oswalds, um dessen Tatmotive von dort her mit zu erklären.

Während DeLillo aber unterm Strich das Bild einer großen Verschwörung gegen Kennedy mit Oswald im Zentrum malte, frönt der Jazzliebhaber Muñoz Molina dem Prinzip der freien Improvisation, indem er immer wieder eigene Schreiberinnerungen mit der Genese eines historisch weitreichenden Politiker-Mordes kurzschließt - und beidem im Rückblick faszinierende Echos entlockt.

Kein Buch also für ausgemachte Realisten. Eher eines für solche, die begriffen haben, dass "Schreiben", so Muñoz Molina, "eine Arbeit an der Grenze ist. Ein unwägbares Vorangehen von dem, was man nicht weiß, zu dem, was man weiß. Und umgekehrt! Ein Spiel mit schwindenden Schatten." Dass es obendrein gespickt ist mit zahlreichen spannenden Reflexionen übers Schreiben, das Kino und den Jazz, macht es zu einem großen ausschweifenden Genuss.

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Seite 1
RuedigerGrothues 04.03.2019
1. Klingt vielversprechend
"Kein Buch also für ausgemachte Realisten. Eher eines für solche, die begriffen haben, dass "Schreiben", so Muñoz Molina, "eine Arbeit an der Grenze ist. Ein unwägbares Vorangehen von dem, was man nicht weiß, zu dem, was man weiß. Und umgekehrt! Ein Spiel mit schwindenden Schatten." Dass es obendrein gespickt ist mit zahlreichen spannenden Reflexionen übers Schreiben, das Kino und den Jazz, macht es zu einem großen ausschweifenden Genuss." Dank für die aufschlussreiche, "appetitanregende" Rezension - dieses Buch ist vorgemerkt auf der literarischen Einkaufsliste.
Frank_G 05.03.2019
2. Meine erste Assoziation...
Meine erste Assoziation nach der Lektüre dieser Rezension war "Der zweite Tod des Ramón Mercader" von Jorge Semprun, in dem eine Person gejagt wird, die durch Zufall den Namen des Mörders Trotzkis trägt. De Lillos Roman, auf den Sie verweisen, kenne ich (noch) nicht. Daher die Frage an den Verfasser der Rezension (falls er hier mitliest): Kennen Sie das genannte Buch von Semprun und , wenn ja, würden Sie eine solche Assoziation bestätigen? Vielen Dank.
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