Von Christoph Dallach
Den Großteil seines Lebens schrieb der Amerikaner Philip K. Dick gegen den Untergang an: gegen Psychosen, Verfolgungswahn und vor allem gegen drastischen Geldmangel. Er starb abgekämpft im März 1982 mit 53 Jahren an einem Schlaganfall, und wahrscheinlich hätte er sich in seinen wildesten Träumen nicht ausmalen können, wie viel Ruhm und Erfolg seinem Werk noch zuteil werden würde.
Längst gilt Philip Kindred Dick als einer der wichtigsten Science-Fiction-Autoren überhaupt. Und auch wenn den meisten Menschen sein Name nicht geläufig ist, so besteht die gute Chance, dass sie eine seiner Geschichten als Film gesehen haben. Dick lieferte die Vorlagen für Hollywood-Blockbuster wie "Blade Runner", "Total Recall", "Paycheck", "A Scanner Darkly", "Minority Report" und viele mehr. Oft sind das Geschichten, in denen sich meist einsame Gestalten in düster surrealen, aber visionären Parallelwelten behaupten müssen.
"Time" zählt Dicks Roman "Ubik" zu den 100 bedeutendsten englischsprachigen Büchern
Aber obwohl Science-Fiction-Autoren im überwiegenden Teil der literarischen Welt als spinnerte Narren gelten, wird Philip K. Dick mittlerweile offiziell als brillanter Schriftsteller anerkannt. Das US-Magazin "Time" wählte seinen Roman "Ubik" unter die hundert bedeutendsten Werke in englischer Sprache seit 1923. Vor drei Jahren wurde Philip K. Dick sogar als erster Science-Fiction-Autor in die prestigeträchtige "Library of America" aufgenommen. Dazu kommen junge Literaturstars wie Jonathan Lethem, die begeisterte Dick-Anhänger sind.
Weitgehend unbekannt sind Philip K. Dicks acht "realistischen" Romane. Was vor allem daran liegt, dass die meisten davon erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden. Jene, die von der Existenz dieser Bücher überhaupt wussten, interessierten sich kaum dafür. Aber nun werden diese untypischen und teils hervorragenden Werke ausgegraben und entdeckt. Vergangenes Jahr begeisterte Dicks "Unterwegs in einem kleinen Land" auch deutsche Feuilletonisten und sorgte für Vergleiche mit Richard Yates. Nun ist "Mary und der Riese" erschienen, und im Herbst folgt dann "Stimmen der Straße".
Melancholische Betrachtungen des Kleinstadtlebens
Dick's Gesellschafts-Romane, die in den fünfziger Jahren entstanden, waren der verzweifelte Versuch des jungen Schriftstellers, endlich mal vom Schreiben seine Rechnungen bezahlen zu können. Für einen Science-Fiction-Roman bekam er damals um die tausend Dollar und null Anerkennung. Beides wollte er ändern, so beschloss er, Science-Fiction aufzugeben und seriöse Bestseller zu produzieren. Eine Rechnung, die nicht aufging.
Kein Wunder, diese Romane sind melancholische Betrachtungen des Kleinstadtlebens in den fünfziger Jahren. Geschichten, bevölkert von überwiegend desillusionierten Menschen auf der Suche nach einem Platz im Leben. So wie Mary in "Mary und der Riese": Sie ist zwanzig und wartet in einem sauber geordneten Kaff darauf, dass ihr Leben endlich in Schwung kommt. Ihr Job ödet sie an, mit Männern laufen die Dinge auch kompliziert, und zu Hause ist es sowieso ein Alptraum.
Meisterlich seziert Dick die Tristesse des kleinbürgerlichen provinziellen Alltags, die Sinnsuche in einer desillusionierenden Welt. Dabei half ihm auch Selbsterlebtes. So wie Mary und ihr "Riese" und Liebhaber Joseph Schilling arbeitete Dick zum Beispiel lange in einem Plattenladen für Klassische Musik, wo er seine erste Frau kennen lernte - denn auch mit zertrümmerten Liebesbeziehungen kannte er sich bestens aus.
Dick selber hat diesen Roman mal als seine Version von Mozarts "Don Giovanni" bezeichnet. Und er opferte sogar das ursprünglich finstere Ende auf Anraten seines Agenten, um einen Verkaufserfolg zu erzielen. Trotzdem fand sich kein Interessent - nicht für diesen Roman, nicht für seine anderen realistischen Bücher.
Vielleicht zum Glück, denn sonst wären seine späteren Science-Fiction-Meisterwerke wohl nie entstanden.
Philip K. Dick: "Mary und der Riese". Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber. Edition Phantasia, Bellheim; 302 Seiten; 45 Euro.
Philip K. Dick: "Stimmen der Straße". Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind, München; 400 Seiten; 22 Euro. Erscheint im August.
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