Science-Fiction-Bestseller Welcome to the Vereinigte Staaten von Thüringen

Plopp! Plötzlich taucht mitten im Thüringen des Dreißigjährigen Krieges eine moderne US-Kleinstadt auf. Eric Flint hat sich die absurde Szenerie ausgedacht. Und mit "Ring of Fire" eine der erfolgreichsten Science-Fiction-Buchreihen geschaffen - in der Nation Building in Kampfgebieten noch funktioniert.

Baen Books

Von Joachim Telgenbüscher


Am Anfang glauben die Bewohner von Grantville, ein Blitz habe sie getroffen. Dann fällt ihnen auf, dass Osten plötzlich Norden ist, am Horizont die Berge fehlen und dass um die Stadt ein zwei Meter hoher Erdwall verläuft. Als Männer mit Musketen den Ort stürmen, wird ihnen langsam klar: Grantville liegt nicht mehr in den USA von heute, sondern im Deutschland des Dreißigjährigen Krieges.

Was wäre, wenn eine komplette amerikanische Kleinstadt auf Zeitreise ginge, inklusive Kraftwerk, Bibliothek und Tankstelle? Das ist das Prinzip der "Ring of Fire"-Serie des Science-Fiction-Autors Eric Flint. Über eine Million Bücher hat der Amerikaner schon verkauft; drei seiner insgesamt elf Werke haben es sogar auf die Bestsellerliste der "New York Times" geschafft. Sie lesen sich so als hätte Guido Knopp eine Mischung aus "GZSZ" und "Star Trek" geschrieben. Sie triefen vor amerikanischem Optimismus, sind hölzern erzählt und die Figuren wirken wie ausgeschnitten. Doch Flints Gedankenexperiment entwickelt einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Denn der kosmische Unfall, der "Ring of Fire", hat Folgen: Die 3000 Bewohner von Grantville werden zu den Gründungsvätern eines demokratischen Europas - 150 Jahre vor der amerikanischen Revolution.

Die Geschichte der Serie beginnt im März 1999, als Eric Flint im Autorenforum seines Verlages einen Aufruf veröffentlicht. Er habe eine "schamlose Bitte". Der studierte Historiker sucht Hilfe für sein neues Buchprojekt: Er wolle ein Experiment starten und einen "Was-wäre-wenn-Roman" schreiben. In seiner E-Mail legt Flint die Regel fest, die bis heute das Grundgesetz des "Ring of Fire"-Universum ist: "Keine Schummelei". Alles, was in Grantville passiert, wie die Bewohner Strom erzeugen, Essen beschaffen und die plündernden Soldaten bekämpfen, soll so realistisch wie möglich sein. Dafür holt sich Flint Hilfe von Biologen, Ingenieuren und Historikern. Wie lange reichen die Ressourcen einer amerikanischen Kleinstadt? Lässt sich die moderne Zivilisation auch in der frühen Neuzeit aufrechterhalten? Wie hätten die Mächtigen auf die Neuankömmlinge reagiert? Das sind die Fragen, die Flint stellt.

"Dies ist amerikanischer Boden!"

Als Grantville in Thüringen auftaucht, nähert sich der Dreißigjährige Krieg gerade seinem Höhepunkt. Man schreibt das Jahr 1631, nur wenige Wochen zuvor haben die katholischen Truppen Magdeburg in Schutt und Asche gelegt. Der schwedische König, Gustav Adolf, ist in Pommern gelandet, um für die Sache der Protestanten zu kämpfen. Die Verwunderung der Leute von Grantville über ihr seltsames Schicksal dauert nur ein paar Seiten, dann handeln sie. Realismus scheint für Flint weniger eine psychologische als eine technische Angelegenheit zu sein.

"Lasst uns diese Sache so anpacken wie wir Amerika aufgebaut haben!", ruft der Held des Romans, Mike Stearns, seinen Mitbürgern zu. Sollte das den "abergläubigen, flohverseuchten Fürsten und Pfaffen nicht passen, dann erwürgt sie. Keine Kapitulation, kein Rückzug. Dies ist amerikanischer Boden!" Bald gründen die Leute aus der Zukunft ihren eigenen Staat. Aus Grantville werden die "New United States" und der Minenarbeiter Stearns wird ihr erster Präsident. Die "NUS" nehmen Flüchtlinge auf, die kaiserlichen Truppen bekämpfen sie mit Pick-Up-Truck und Maschinengewehr. Zum Glück verfügen amerikanische Kleinstädte über ausreichend Feuerkraft. Zwei Monate nachdem Grantville in Thüringen aufgetaucht ist, geht dort das Fernsehen wieder auf Sendung.

"Meine Bücher sind nicht nationalistisch", sagt Eric Flint. "Es sind Abenteuergeschichten, die zeigen wie wichtig die Demokratie ist." Flints Serie wirkt wie eine Nacherzählung der amerikanischen Geschichte - Gründerväter, Pioniermythos, Unabhängigkeitskrieg. Die Stationen werden abgeklappert mit Mike Stearns als Washington und Lincoln in einer Person. Doch wie viele, die etwas zum zweiten Mal tun, vermeiden auch die Amerikaner alte Fehler: Die "NUS" sind ein Staat ohne Sklaverei, Indianerkriege und Rassenhass.

Hier funktioniert das Nation-Building

Man kann die Serie aber auch als Kommentar zur amerikanischen Außenpolitik verstehen: Die "New United States" betreiben Nation-Building, das funktioniert. Die "NUS" werden zum effektiven Weltpolizisten, Keimzelle eines guten Deutschlands, das erfolgreich gegen die Achse des Bösen aus finsteren Strippenziehern wie den französischen Kardinal Richelieu kämpft. Dennoch es ist nicht die Außenpolitik von George W. Bush, die sich Flint zum Vorbild nimmt. "Meine Helden tun das Gegenteil von dem, was die amerikanische Regierung von heute tun würde." Wenn diese versuche, Nationen aufzubauen, hinterließe sie am Ende doch nur Tote. Grantville macht es besser. Seinen Bürgern gelingt, was den USA weder in Vietnam noch im Irak gelingen wollte: Sie schaffen einen friedlichen, freiheitlichen und zutiefst amerikanischen Staat. Denn anpassen müssen sich im "Ring of Fire" vor allem die Deutschen.

Eigentlich sollte der 2000 veröffentlichte erste Band, "1632", auch der letzte sein. Doch bald nach seiner Veröffentlichung wurden die Online-Foren des Verlages mit Postings überschwemmt. Es schien als hätten Tausende auf diese Spielwiese gewartet. Seitdem wuchern wilde Diskussionen im "1632Tech"-Forum und auf den einschlägigen Fanseiten: Wie baut man eine Lokomotive? Kann man aus verschimmeltem Brot Antibiotika gewinnen? Und lassen sich vielleicht auch Tampons herstellen? Angesichts des großen Echos war es nicht überraschend, dass der dritte Band der Serie bereits zur Hälfte aus Fangeschichten bestand. Mittlerweile haben die Fans ihre eigene Bühne. Alle zwei Monate erscheint ein E-Zine, die "Grantville Gazette", mit den besten Geschichten aus dem Fan-Universum.

Dirigent statt Diktator

Nach neun Jahren hat sich eine feste Arbeitsteilung etabliert: Die "Grantville Gazette" widmet sich den Details, der Mikro-Historie. Die Romane schreiben dagegen die großen Entwicklungslinien weiter. In den Gazetten erscheinen meist romantische Episoden über Nebenfiguren oder technische Abhandlungen. Damit die innere Logik gewahrt bleibt, verwalten die Gazette-Redakteure das "Grid", eine Datenbank aus allen verfügbaren Charakteren, und ellenlange Excel-Tabellen der wichtigsten Handlungsstränge. Nur wenn sie einem Fan eine Figur zugewiesen haben, darf er schreiben. Die besten Geschichten landen in der "Gazette", die nicht so guten in einem eigens eingerichteten Online-Forum. Flint selbst schätzt den harten Kern des Autorenkollektivs auf 70 Personen. 27 Anthologien sind bereits erschienen.

Flint herrscht in diesem ständig wachsenden Universum nicht als Diktator, sondern als Dirigent. "Natürlich treffe ich die finale Entscheidung, aber ich tue das normalerweise mit sanfter Hand." Denn die Fanbeiträge hält er für unerlässlich für die Zukunft seines Werkes. "Ich will, dass sich dieses Universum in unvorhersehbare Richtungen bewegt - und mich überrascht." Er möge diese Art zu arbeiten. "Im Grunde funktioniert die Geschichte doch genauso, nämlich chaotisch."

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
leseratte59 15.12.2009
1. Gabs schonmal besser
Zitat von sysopPlopp! Plötzlich taucht mitten im Thüringen des Dreißigjährigen Krieges eine moderne US-Kleinstadt auf. Eric Flint hat sich die absurde Szenerie ausgedacht. Und mit "Ring of Fire" eine der erfolgreichsten Science-Fiction-Buchreihen geschaffen - in der Nation Buildung in Kampfgebieten noch funktioniert. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,665068,00.html
Carl Amery, "An den Feuern der Leyermark" ISBN 978-3485003698
Wolfgang Jung 15.12.2009
2. Wieso nur Englisch?
Wieso gibt es "Ring of fire" noch nicht auf Deutsch, wenn die Bücher von Eric Flint so erfolgreich sind? Der Lesermarkt ist doch da. Da soll sich mal ein Verlag hinterklemmen. Mich wenigstens würde es interessieren.
Jan B. 15.12.2009
3. lustige Sache
Ich persönlich finde ja solche Was-wäre-wenn-Geschichten ja schon sehr spannend, nur kann ich mir das aufeinanderprallen von zwei so unterschiedlichen Kulturen kaum ausmalen. angenommen so etwas würde wirklich passieren, braucht es nur einen beherzten Armeeführer, der mit 20.000 Mann diese Kleinstadt stürmt, um an die Technik zu kommen. da helfen dann auch keine Maschinengewehre mehr. Aber ich schau mir das Szenario mal an, klingt zumindest lustig.
betoni 15.12.2009
4. sorry, aber
das "der schwedische König, Gustav Adolf, in Pommern landete, um für die Sache der Protestanten zu kämpfen." stimmt so nicht. der gute mann wollte die vorherrschaft im ostseeraum und nutzte die gelegenheit. das war eine reine politische sache, auch wenn sie anders verkauft wurde/wird.
delta058 15.12.2009
5. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
Zitat von sysopPlopp! Plötzlich taucht mitten im Thüringen des Dreißigjährigen Krieges eine moderne US-Kleinstadt auf. Eric Flint hat sich die absurde Szenerie ausgedacht. Und mit "Ring of Fire" eine der erfolgreichsten Science-Fiction-Buchreihen geschaffen - in der Nation Buildung in Kampfgebieten noch funktioniert. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,665068,00.html
So realistische wie möglich? Würde mich ja schon mal interessieren, wie die das alles Handhaben. Allein schon die Munitionsvorräte, soweit ich die Amis von meinen Erfahrungen in der Bundeswehr her kenne, reichen die Vorräte einer Kleinstadt höchstens für drei ernsthafte Gefechte, dann ist Schluss. Am meisten interessieren würde mich aber wie lange die Amis brauchen um sowohl das Jahr als auch den Ort herauszubekommen. Ich war drei Wochen an der Ostküste im Rahmen eines Schüleraustausches und höchstens 2/3 der Amis dort wußten wo Dt. liegt, von Bavaria, Saxony oder Thuringa hatten nur die Wenigsten gehört. Auch wird Geschichte die nichts mit den USA zu tun hat, in den USA nicht den Kindern gelehrt, der Durchschnittsamerikaner kann also mit dem 30jährigen Krieg überhaupt nichts anfangen. Wobei dann ja noch als nächstes Problem die Verständigung mit den Ureinwohnern anfängt. Nicht nur das die wenigsten Amis eine Fremdsprache beherrschen (in diesem Falle Deutsch), damals gab es noch allgemeingültiges Hochdeutsch, in jedem Fürstentum mitunter auch in jedem Gebiet eines Fürstentums wurde ein anderer Dialekt, manchmal sogar eine komplett andere Sprache gesprochen und die Unterschiede in den Dialekten waren auch nicht ganz ohne. Und mit einem Thüringerdialekt haben die Grantviller ja richtig die A...karte gezogen, zumindest laut Meinung von 54% der Deutschen. Ja, interessant wäre das Buch schon.
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