Krimis des Monats Sebastian Fitzek auf dem Traumschiff

Ein abgestürzter Polizist sucht in Andrew Browns "Trost" einen Kindermörder. Sebastian Fitzeks "Passagier 23" begibt sich ins Kreuzfahrtmilieu. Und in James Lee Burkes "Regengötter" hat ein Irak-Veteran ein Massaker beobachtet.

  Tatort Kreuzfahrtschiff: Wie verschwanden die Passagiere?
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Tatort Kreuzfahrtschiff: Wie verschwanden die Passagiere?


Politisch, fiebrig und bewegend: Andrew Browns "Trost"

Irgendwann wird Inspector Eberard Februarie in einer miesen Spelunke irgendwo in Kapstadt von Bier zu Rum wechseln. Ein anderer Polizist wird eine schräge Karaoke-Version von Bon Jovis "It's My Life" zum Besten geben. Und Februarie zum Nachdenken bringen: Was ist das, mein Leben? Und wann fing eigentlich alles an, schiefzugehen?

Schiefgegangen ist es jedenfalls gründlich, dieses Polizistenleben: Kaum eine Nacht, in der Februarie sich nicht ins Koma säuft, für ein bisschen Zärtlichkeit bezahlt er eine drogensüchtige Prostituierte und hält es für Liebe, und bevor er ins Bett geht, deponiert er seine Waffe außer Reichweite - für den Fall, dass die nachtschwarzen Gedanken ihn wieder einmal um Schlaf und Verstand bringen.

Der Mann ist eine tickende Zeitbombe - auch im Job. Als er einmal einen Verdächtigen verhört, wäre er "am liebsten über den Tisch gehechtet und hätte den Kopf des Mannes gegen die Wand geknallt, um zu hören, wie der Schädel brach." Ausgerechnet Februarie, der seine Aufgaben so subtil angeht wie ein Kampfhund, wird mit einem höchst delikaten Fall beauftragt. In einer Synagoge wird ein ermordetes Kind gefunden, dem Anschein nach ein junger Moslem. Während sich vor der Synagoge ein gewaltbereiter Mob sammelt, findet Februarie zügig einen Tatverdächtigen. Doch der geistig zurückgebliebene Mann, so stellt sich bald heraus, ist nur ein Sündenbock, die Spur führt Februarie zu einer christlichen Sekte - und in höchste Regierungskreise.

Der Weg bis zur Aufklärung des Falls ist lang und schmerzhaft, Andrew Brown, der mit "Trost" seinen dritten Kriminalroman vorlegt, schickt Februarie durch so ziemlich jeden Kreis der Hölle, den Kapstadt zu bieten hat. Der Polizist wird mit äußeren und inneren Dämonen ringen und schon bald nicht mehr wissen, ob es sich überhaupt lohnt zu kämpfen angesichts einer Welt, die nach den Gesetzen von Hass und Gier funktioniert. Oder wie es ein Pathologe ausdrückt: "Gott hat uns schon vor längerer Zeit auf seinem Labortisch liegengelassen. Wahrscheinlich ist er mit etwas Besserem beschäftigt."

Andrew Brown, Anwalt und Anti-Apartheid-Aktivist, gehört zu den aufregendsten neuen Autoren aus Südafrika. Er schreibt weniger blutrünstig als Roger Smith und nicht so gediegen-skandinavisch wie Deon Meyer, dessen Serienheld Benny Griessel hat in "Trost" übrigens ebenso einige Kurzauftritte wie Riedwaan Faizel, der eigentlich in den Büchern von Margie Orford ermittelt.

Browns Romane sind politischer als die vieler seiner südafrikanischen Kollegen, welthaltiger, bewegender. Doch bei aller Wut über die Verhältnisse, Brown macht nicht den Fehler, die Genreanforderungen außer Acht zu lassen - auch sein neuer Roman zeichnet sich durch eine permanent gesteigerte fiebrige Spannung aus. Und am Ende wird sogar das Titelversprechen eingelöst: "Es war an der Zeit vorwärtszuschauen, dachte der Detective. (…) Und auf Trost zu hoffen - an die Möglichkeit zu glauben, dass Neuanfang möglich war." Marcus Müntefering

Packende Suche nach verschwundenen Urlaubern: Sebastian Fitzeks "Passagier 23"

Der Amerikaner Son Michael Pham besitzt drei Telefone: eins für Privatanrufe. Eins für Geschäftsanrufe. Und eins für die anderen Opfer, wie Son Michael Pham sagt. Was er damit meint: eins für die Anrufe von Menschen, die ebenfalls einen Angehörigen während einer Kreuzfahrt verloren haben. So wie Son Michael Pham, dessen Eltern spurlos von einem Schiff verschwanden. Das dritte Telefon klingelt oft.

Jedes Jahr verschwinden einige Dutzend Passagiere von Kreuzfahrtschiffen, die vielleicht freiwillig von Bord gesprungen sind, vielleicht aber auch nicht. Die Vermissten werden selten gefunden und ebenso selten die Gründe für ihr Verschwinden, was Kreuzfahrtschiffe nicht nur zum perfekten Ort für Urlaube macht, sondern auch für Verbrechen.

Son Michael Pham hat mit einem Journalisten über seinen Kampf gegen die Kreuzfahrtindustrie gesprochen. Der Journalist schrieb vor sechs Jahren einen Artikel für eine deutsche Zeitschrift über das Phänomen der verschwundenen Passagiere. Unter den Lesern dieses Artikels war damals auch ein Autor, der gleich ahnte, dass dieses Phänomen zum Kern einer guten Geschichte werden könnte; Sebastian Fitzek, der damals schon seit zwei Jahren höchst erfolgreich Psychothriller schreibt.

"Die Therapie" ist zum Bestseller geworden, ebenso wie "Amokspiel", aber noch fehlte Fitzek die richtige Idee, wie aus dem Thema der vermissten Passagiere eine Geschichte werden kann. Die Jahre vergingen, Fitzek schrieb weiter und wurde immer erfolgreicher mit den Thrillern "Der Augensammler" oder "Der Augenjäger". Bis die Idee - und mit ihr die Geschichte - plötzlich da war, wie Fitzek im Nachwort schreibt: Viel unheimlicher als ein Passagier der verschwindet, ist nur ein Passagier, der plötzlich wieder auftaucht.

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Dieser Passagier ist ein kleines Mädchen mit dem Namen Anouk, die eigentlich irgendwo im Meer treiben sollte, über Bord geworfen von ihrer ebenfalls verschwundenen Mutter. Die Angelegenheit war wie üblich als Selbstmord deklariert worden. Und weil die Behörden das auch weiterhin denken sollen, gibt es nur einen möglichen Ermittler: den traumatisierten Polizisten Martin Schwartz, der keine Angst und keine Regeln mehr kennt, seit er seine Familie - oh dramaturgisches Wunder - während einer Kreuzfahrt verloren hat.

Aus dieser Konstellation entwickelt Fitzek einen sehr dicht geschriebenen, sehr gewalttätigen Thriller, der von der ersten bis zur letzten Seite funktioniert. Keine Szene ist zu viel. Keine Wendung so, wie man sie erwartet. Es gibt aus sprachlicher Perspektive in diesem ganzen Roman nur einziges Wort, das die glatte, funktionale Sprachoberfläche bricht: es ist das hübsche Adjektiv "ingwergrau". Aber darüber zu meckern wäre in etwa so ungerecht, wie eine Kreuzfahrt zu buchen und sich hinterher zu beschweren, man habe ja gar nichts Tiefgründiges über die besuchten Länder erfahren. Denn ehrlicherweise wollte man professionelle, seichte Unterhaltung. Und dieses Buch ist unterhaltsamer, als es jedes Bord-Musical je sein könnte. Maren Keller

Reise in die Abgründe der Seele: James Lee Burkes "Regengötter"

Jack Collins, der Mann, den sie Preacher nennen, ist alles andere als ein Heiliger. Neun asiatische Frauen, mit einem Maschinengewehr niedergemäht und hinter einer Kirche verscharrt, zeugen davon. Der bibelfeste Killer, der die Hölle nicht fürchtet, weil er sicher ist, bereits in ihr zu leben, ist nicht das einzige Monster in James Lee Burkes "Regengötter". Seine Auftraggeber sind nicht weniger grausam - nur zivilisierter, assimilierter, unangreifbarer: Zuhälter, Menschenhändler, Drogenbarone, die sich längst in der Mitte der Gesellschaft eingenistet haben.

James Lee Burke schreibt, als wäre Cormac McCarthy unter die Krimiautoren gegangen: sprachgewaltig, düster, mit dem Hang zum Mystischen. "Regengötter", im Original bereits 2009 erschienen, ist seit mehr als einem Jahrzehnt der erste Roman des 77-Jährigen, der in deutscher Übersetzung vorliegt. Wie in allen seinen Geschichten erkundet Burke hier die Natur des Bösen in den vielfältigen Formen, in denen es auftritt. Doch er setzt ihm etwas entgegen: den unbeirrbaren Glauben an das Gute im Menschen. Und er entlässt uns aus seinem Roman mit einer mächtigen Sentenz: "Imperien kamen und gingen. Die unbezwingbare Natur der menschlichen Seele hingegen lebte ewig fort."

Helden wie Schurken müssen sich den Abgründen in ihrer Seele erst stellen, viel zu leicht ist es, dem Bösen zu verfallen oder sich in der Gleichgültigkeit einzurichten. Hackberry Holland zum Beispiel, Koreakriegsveteran und 74-jähriger Sheriff einer unscheinbaren texanischen Kleinstadt, führte früher ein Leben als Alkoholiker und Ehebrecher, korrupt und verlogen. Auch heute noch wird er von Albträumen geplagt, doch hat er, wenn vielleicht noch keine Erlösung, so zumindest einen Weg gefunden, sich mit den Fehlern und Schrecken der Vergangenheit zu arrangieren.

Holland ist auf der Jagd nach Collins, der Weg zu dem Killer führt über den jungen Ex-Soldaten Pete Flores, der Zeuge des Massakers wurde und seitdem auf der Flucht ist. Der im Irakkrieg entstellte Säufer Flores wird lernen müssen, mit seinen Dämonen fertig zu werden, das Richtige zu tun. So wie auch der Nachtclubbesitzer Nick Dolan, an dessen Frau Esther Collins ein ungesundes Interesse hat. War Dolan bislang stets den Weg des geringsten Widerstands gegangen, so muss er jetzt bereit sein, sein bisheriges Leben zu opfern.

Die Geschichte der Konfrontation von Gut und Böse erzählt James Lee Burke im Breitwandformat. So gewaltig sind die Naturpanoramen, die er aufzieht, dass seine Protagonisten zeitweise zu Winzlingen schrumpfen. Doch dann zoomt Burke wieder nah heran an seine Figuren, legt ihr Innerstes bloß, zeigt, wie sie wurden, wer sie sind - und wer sie sein könnten.

Selten war ein Krimi so sehr Western wie "Regengötter". Doch während es im klassischen Western noch einen zivilisatorischen Impuls gab, eine lineare Bewegung von Ost nach West, der Hoffnung entgegen, drehen sich die Figuren in Burkes Roman im Kreis. Zu gewinnen gibt es nichts, außer vielleicht das eigene Seelenheil. Marcus Müntefering

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Ludwig Eser 13.11.2014
1. Der Hund von Baskerville
heißt im Original "The Hound of the Baskervilles", also "Der Hund der Baskervilles". Das ergibt einen völlig anderen Sinn.
disi123 13.11.2014
2. Passagier 23
Eben angelesen und das scheint klassischer Hitchcock Krimi zu sein, wo man am Anfang den Taeter und die Tat vorgestellt bekommt, in einer Art Vorwort, dann ab Kapitel 1 nach und nach die Zusammenhaenge liest. Allerdings wurde hier im Vorwort nur etwas die Umgebung der Tat beschrieben und nicht was mit der kleinen Anouk tatsaechlich passiert sondern nur angedeutet. Bei Koontz z.B. stirbt Jemand im ersten Kapitel in 99% der Buecher. Die Sprache finde ich nun nicht so hart wie im Artikel beschrieben.
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