Erotikgeschichte "Lust und Freiheit"  Das unzüchtige Königreich

Bizarre Clubs, Kurtisanen als Medienstars und ein Schatzkanzler mit Liebestempel: "Lust und Freiheit" erzählt von der ersten sexuellen Revolution der Neuzeit - im Großbritannien des 18. Jahrhunderts.

Von Emily Bartels

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Es gab eine Zeit, da zelebrierten Männer der feinen, britischen Gesellschaft ihre Sexualität in geselliger Runde: Die Mitglieder des Clubs "Beggar's Benison" bestellten junge Stripperinnen, tranken gemeinsam und lasen sich erotische Gedichte vor. Anschließend ejakulierte man kollektiv in einen eigens dafür angefertigten Zinnteller.

Die Anekdote stammt aus dem 18. Jahrhundert - einer Epoche, die man gemeinhin bislang eher mit Prüderie in Verbindung brachte. Zu Unrecht, wie nun der Historiker Faramerz Dabhoiwala in seinem Buch "Lust und Freiheit" erklärt. Darin beschreibt der Wissenschaftler aus Oxford, wie sich die Sexualität in Europa zu dem entwickelte, was sie heute ist: selbstbestimmt, kommerzialisiert und schamlos.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hingegen galt Sex noch als sündhaft und gefährlich. Man glaubte, Unzucht bedrohe die öffentliche Ordnung, fördere Kriminalität und Ehebruch und verführe die gläubige Bevölkerung zu Frevel. Ausschließlich in der Ehe war Geschlechtsverkehr geduldet, der Fortpflanzung wegen. Unehelicher Sex wurde geahndet, teilweise sogar durch die Todesstrafe. Gerichtsakten aus dem Mittelalter zeigen, wie das hurende Volk die Justiz auf Trab hielt: Im 13. Jahrhundert beschäftigten sich 60 bis 90 Prozent der englischen Gerichte mit Fällen von Unzucht und ehelicher Untreue, schreibt Dabhoiwala.

Schicksal der Huren und Verliebten

In "Lust und Freiheit" beschreibt der Historiker, welche Faktoren die sexuelle Revolution vorantrieben. Akribisch rekonstruiert er die Verhältnisse der damaligen Gesellschaft und ihre Entwicklung. Anhand von Gerichtsprotokollen, Briefen und Tagebüchern skizziert der Autor die Schicksale von Huren, Verliebten, Tagelöhnern und Politikern. Die saftigen Anekdoten, die Dabhoiwala dazu erzählt, tragen dabei vortrefflich zur Unterhaltung bei.

Mit Beginn des Zeitalters der Aufklärung im 18. Jahrhundert änderte sich das Bild der Liebe allmählich. Erfindungen der Neuzeit begünstigten diesen Wandel: So verbreiteten Drucker massenhaft Bilder von berühmten Kurtisanen und Mätressen und verhalfen ihnen so zu einer gewissen Prominenz. Gleichzeitig verlor die Kirche an Macht und ihre Dogmen an Schrecken. Die neue Literaturform des Romans gab einen Einblick in die Gefühlswelt der Frau als empfindsame Liebhaberin. Auch die Pornografie wurde immer populärer: Bücher mit den Zeichnungen von nackten Männern und Frauen in fleischlicher Vereinigung waren zwar immer noch verboten, aber leicht zu beschaffen.

Voller sexueller Anspielungen

Die neue Unverkrampftheit führte im 18. Jahrhundert zu merkwürdigen Auswüchsen. Es bildeten sich Männerclubs, deren Mitglieder sich trafen, um aus phallusförmigen Weingläsern zu trinken, ihre Penisse zu vergleichen und erotische Literatur auszutauschen. Der britische Schatzkanzler Sir Francis Dashwood ließ auf seinem Landsitz einen Venustempel errichten, der einer riesigen Vagina nachempfunden war.

Trotz aller Inszenierung der Sexualität in der Öffentlichkeit: die Liebe zwischen homosexuellen Männern oder auch uneheliche Kinder waren weiterhin verpönt. Die eigene Sexualität auszuleben, war lange nur weißen, heterosexuellen und gut situierten Männern vorbehalten, schreibt Dabhoiwala. Dabei versäumt der Autor, auf die Situation der unterdrückten Bevölkerung einzugehen: Schwule, Mittellose, Schwarze und Frauen unterlagen viel länger den Restriktionen.

Ein Brief von Maria Thynne ist eines der wenigen frühen Zeugnisse, in denen sich eine Frau zu ihrer Sexualität bekennt. Marias Liebe zu ihrem späteren Ehemann Thomas soll Shakespeare zu "Romeo und Julia" inspiriert haben: Maria und Thomas lernten sich im Mai 1594 auf einem Fest kennen. Ihre Familien waren verfeindet, doch das hielt die beiden nicht davon ab, noch am selben Tag zu heiraten. Ihr Brief aus dem Jahr 1607 steckt voller sexueller Anspielungen: "Ihr drohet mit tüchtiger Zahlung, und ich will mit gleicher Münze heimzahlen, sodass - wenn wir uns widersehen - du dich häufig aufrichten wirst.", schreibt sie darin.

Dabhoiwala zeichnet ein lebendiges Bild der Gesellschaft im Übergang zur Frühen Neuzeit. "Lust und Freiheit" liest sich eher wie eine wissenschaftlich fundierte Boulevardzeitschrift als ein Geschichtsbuch.

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insgesamt 2 Beiträge
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dasguteeinhorn 25.04.2014
1. Bevölkerung
Interessanter Artikel, leider scheint mir die Schlussfolgerung absolut nicht zu stimmen: "Die unterdrückte Bevölkerung bestand aus den Gruppen: Schwule, Mittellose, Schwarze und Frauen.." Vielmehr gab es und gibt es auch heute noch eine Zweiklassengesellschaft. Höhergestellten Adlige konnten Freiheiten geniessen, die "freien Arbeiter" hatten zur Zeit um 1845 wohl noch ehr den Status von Leibeigenen. Mit einer Katharina II. (Katharina die Große) nur als eine Frau zu nenen die mächtig und sexuell äusserst umtriebig war. Weiße Heterosexuelle Männer sind nun doch der Gruppe der am stärksten unterdrückten zugehörig. Während Frauen der höher gestellten Klassen zu denen gehörten, die über Privililegien auch in sexueller Freizügigkeit verfügten.
kroetilein 19.07.2014
2. Wer ist eigentlich man?
"Die Anekdote stammt aus dem 18. Jahrhundert - einer Epoche, die man gemeinhin bislang eher mit Prüderie in Verbindung brachte." Ach, tat man das? Wohl eher, wenn man sich bis dahin nicht besonders mit Kulturgeschichte befasst hat. Dass unter Charles II. in England die 'Zeit der Sinnlichkeit' anbrach, ist nicht nur in diesem amüsanten Film mit Robert Downey Jr. gezeigt worden, sondern in vielen Filmen und Romanen wie 'Amber' etc. Und man kann das sogar wunderbar in Werken des Zeitgenossen Daniel Defoe verfolgen (1660 - 1731), der nicht nur Robinson Crusoe verfasste, sondern auch ziemlich drastisch die Geschichten der lockeren Weiber Moll Flanders und Roxana erzählte.
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